Miniaturen im Detail
Veröffentlicht von Ziereis Facsimiles am 0 Kommentar(e)

Bamberger Apokalypse

Die einzige Apokalypse aus der ottonischen Zeit

Die Bamberger Apokalypse

Bildgewaltig wie die Apokalypse selbst: Die Bamberger Apokalypse ist geschmückt mit 57 goldenen Miniaturen und mehr als 100 prachtvollen Schmuckinitialen

Die prachtvolle und beeindruckende Handschrift der sogenannten Bamberger Apokalypse birgt einen wahren Schatz der Buchmalerei: ein Bilderzyklus aus großformatigen Miniaturen illustriert die biblische Erzählungen der Offenbarung des Johannes, auch bekannt als Apokalypse. Die Handschrift, vermutlich ein kaiserlicher Auftrag, entstand kurz nach dem Jahr 1000 im einflussreichen Skriptorium von Reichenau. Sie stellt die einzige Apokalypse aus ottonischer Zeit dar. Eine besonders eindrucksvolle Miniatur daraus präsentiert Illustrationen zu Kapitel 19 der biblischen Offenbarung: den Reiter „Treu und Wahrhaft“ mit den Himmlischen Heerscharen, den Engel in der Sonne und die Vögel des Himmels.

Bamberger Apokalypse - Fol. 48v: Der Reiter „Treu und Wahrhaft“ und die Vögel des Himmels

Bamberger Apokalypse - Fol. 48v: : Der Reiter „Treu und Wahrhaft“ und die Vögel des Himmels

Bamberger Apokalypse - Fol. 48v: : Der Reiter „Treu und Wahrhaft“ und die Vögel des Himmels

Die quadratische Miniatur nimmt fast die gesamte Seite der Handschrift ein. Sie ist von einem schmalen, leuchtend roten Rahmen umgeben und in zwei Register unterteilt, wobei die Figuren die Begrenzung teilweise überschneiden. Dieser Trick lässt die Darstellung lebendiger und weniger schematisch wirken. Im oberen Register sind auf hellgrünem Boden und vor glänzendem Goldgrund drei Reiter zu sehen, die in einer Reihe hintereinander reiten. Die Pferde sind unterschiedlich farbig, das erste hellbeige, das zweite etwas dunkler und das dritte schließlich grau. Die Köpfe der hinteren beiden Pferde sind jeweils vom Vordermann verdeckt, doch ihre Körper sind wunderschön erkennbar. Alle drei Tiere sind in der gleichen Schrittstellung gezeigt, gesattelt und gezäumt. Die Reiter halten jeweils in ihrer Linken die Zügel ihres Pferdes. In der Rechten haben sie einen symbolischen Gegenstand, einen Palmzweig wie ein christlicher Märtyrer (der Hinterste) oder ein Zepter (der Erste). Der Reiter an der Spitze des Zuges – dessen Haupt im Gegensatz zu den anderen mit einem Reif gekrönt ist - trägt auffallenderweise zusätzlich ein langes Schwert bei sich, jedoch nicht an der Hüfte oder in der Hand, sondern quer in seinem Mund! Der Mittlere hebt seine leere rechte Hand in einer Geste empor. Ebenso abwechslungsreich bunt wie die Pferde und die Sattel sind die Kleider der drei Männer: sie tragen enge Hosen, ein Obergewand und darüber einen wehenden Umhang, alle Kleidungsstücke in den verschiedensten Farben.

Eine rätselhafte himmlische Szene

Das untere Register präsentiert vier weitere menschliche Figuren und zusätzlich zwei riesige graue Vögel. Wie im oberen Bildteil spielt die Szene vor grünem Boden und goldenem Hintergrund. Am linken Bildrand steht ein Engel, der soeben in eine Posaune bläst. Sein Haupt ist mit einem goldglänzenden Nimbus geschmückt, am Rücken trägt er prächtige gelbweiße Flügel. Ihm gegenüber sind am rechten Bildrand, am Boden liegend, zwei Männer in bunten Gewändern zu erkennen, an ihren prächtigen Kronen als Könige erkennbar. Sie haben die Augen – furchtsam oder tot? - fest geschlossen. Der Grund für diese Furcht sitzt wohl auf ihren Schultern: zwei riesige graue Vögel, mit gelben Flügeln ähnlich denen des Engels, haben sich auf Kopf bzw. Rücken der Männer niedergelassen, krallen sich mit großen Klauen fest und kommen mit ihren Schnäbeln bedrohlich nah an die Gesichter der beiden. Zwischen dem Engel und den niedergedrückten Königen steht auf halber Höhe ein vierter Mann, mit einem blauen Nimbus gekennzeichnet. Mit erhobenem Finger zeigt er auf die Szene vor ihm: die Männer mit den Vögeln.

Christus, der Treue und Wahrhaftige

Bei diesen einerseits faszinierenden, andererseits erschreckenden Szenen handelt es sich um die Illustration einer Episode der Apokalypse des Johannes. Die obere Darstellung zeigt den Reiter „Treu und Wahrhaft“. Dieser Reiter ist als Metapher Christi zu deuten. Er trägt laut dem Text der Apokalypse ein Diadem auf dem Haupt und das „scharfe Schwert“ im Mund, außerdem das „eiserne Zepter“. Ihm folgen die Himmlischen Heerscharen, die hier lediglich aus zwei stellvertretenden Figuren bestehen. Diese sind üblicherweise als Engel dargestellt, in der vorliegenden Miniatur aus der Bamberger Apokalypse jedoch als weltliche Männer. In der Bibel heißt es zu dieser Stelle in der Offenbarung, 19, 1-15: „Dann sah ich den Himmel offen, und siehe, da war ein weißes Pferd, und der, der auf ihm saß, heißt «Der Treue und Wahrhaftige» […] Seine Augen waren wie Feuerflammen und auf dem Haupt trug er viele Diademe; und auf ihm stand ein Name, den er allein kennt. […] Die Heere des Himmels folgten ihm auf weißen Pferden; […] Aus seinem Mund kam ein scharfes Schwert; mit ihm wird er die Völker schlagen. Und er herrscht über sie mit eisernem Zepter.“ So lautet die zugehörige Bibelstelle zur Miniatur. Der Maler hielt sich offenbar in vielen Details sehr genau an den Text der Offenbarung, veränderte jedoch auch einige Kleinigkeiten. Dennoch war diese Ikonographie für den Leser und Betrachter des Mittelalters eindeutig erkennbar.

Der Engel in der Sonne und seine hungrigen Vögel

Weiter lautet es in Offenbarung 19, 17-18: „Dann sah ich einen Engel, der in der Sonne stand. Er rief mit lauter Stimme allen Vögeln zu, die hoch am Himmel flogen: Kommt her! Versammelt euch zum großen Mahl Gottes. Fresst Fleisch von Königen, von Heerführern und von Helden, Fleisch von Pferden und ihren Reitern, Fleisch von allen, von Freien und Sklaven, von Großen und Kleinen!“ Diese Episode wird im unteren Register der Miniatur dargestellt. Der „Engel in der Sonne“ - hier jedoch ohne Sonne gezeigt - ruft mit lauter Stimme die Vögel des Himmels, die das Fleisch der Könige und Herrscher fressen sollen. Johannes, der Autor dieser apokalyptischen Bilder, ist als Zuschauer in die Szene integriert: er deutet auf die toten Körper der beiden Könige, auf denen schon die Vögel des Himmels gelandet sind.

Eine der schönsten Apokalypsen der Buchmalerei

In solch eindrücklichen Bildern wird in der Bamberger Apokalypse die Offenbarung des Johannes illustriert. Dieser prophetische letzte Text des Neuen Testaments mit seinen prophetischen Bildern, schrecklichen Figuren und bedeutsamen Symbolen regte seit jeher die die Phantasie und Kreativität  seiner Leser an. Aus diesem Grund war die Apokalypse ein beliebtes Sujet der Buchmalerei, da die Miniaturisten hier wundersame Darstellungen imaginieren konnten. Der Bilderzyklus der Bamberger Apokalypse ist eines der schönsten und herausragendsten Beispiele dieser Tradition! Zudem ist sie die einzige Apokalypse aus ottonischer Zeit und das Meisterwerk des Skriptoriums des Klosters Reichenau.