Miniaturen im Detail
Veröffentlicht von Ziereis Facsimiles am 0 Kommentar(e)

Bußgebetbuch von Albrecht Glockendon für Johann II. von Pfalz-Simmern

Ein feinsinniger Bilderzyklus

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[] Bußgebetbuch von Albrecht Glockendon für Johann II. von Pfalz-Simmern: Ein geistreicher Bilderzyklus zur Bußgeschichte König Davids von Albrecht Glockendon

Im Bußgebetbuch für Johann II. von Pfalz-Simmern, entstanden um 1532/33, versammelte der Miniaturist Albrecht Glockendon leuchtend bunte Darstellungen zur alttestamentlichen Figur des Königs David. Diese Erzählungen zu König David, der besonders als Sünder und Büßer wichtig ist, bettet Glockendon ein in die herrliche Bildwelt des 16. Jahrhunderts. So ist das Bußgebetbuch nicht nur eine von tiefem Glauben zeugende Handschrift, sondern auch ein bedeutendes kulturhistorisches Zeugnis. Sowohl die kostbaren, modischen Gewänder der Figuren als auch die Umgebung und Hintergründe der Miniaturen führen die typische Mode der Zeit eindrucksvoll vor Augen. Ein besonders gelungenes Beispiel hierfür ist die Miniatur auf fol. 8r: die Szene, als David Urija den Todesbrief übergibt.

Fol. 8r: David übergibt Urija den Todesbrief

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[] Folio 8r: David übergibt Urija den Todesbrief - Eine raffinierte Komposition stellt mehrere Szenen in nur einer Miniatur dar.

Vor einer grauen Architekturkulisse, die einzig von drei hübschen bunten Säulchen unterbrochen wird, stehen einige Männer in wunderschönen Gewändern im Vordergrund. Zwei von ihnen sind sich direkt gegenübergestellt und offensichtlich die Protagonisten der Darstellung. Der eine steht auf einer Treppe etwas erhöht über dem anderen, was wohl auf seine höherstehende Stellung hinweist. Er trägt einen wertvollen, pelzverbrämten roten Rock über leuchtend blauen Hosen und einem ebenso blauen Hemd. Über seiner Brust zeigt eine goldene Gliederkette zusätzlich seinen Reichtum an. Sein bärtiges Haupt ist bekrönt von einem breitkrempigen schwarzen Hut mit goldenen Applikationen, einem sogenannten Tellerbarett. Mit seiner Linken überreicht er soeben ein Schriftstück an sein Gegenüber. Dieser Mann auf der rechten Seite der Bildkomposition wirkt sehr selbstsicher. Mit seiner Rechten nimmt er den Brief – genau im Zentrum der Komposition – entgegen, mit der Linken fasst er an das Schwert an seiner Seite. Dieses trägt er über einem auffälligen vielfarbigen Rock. Die Rüstung an Oberkörper und Beinen – an Schultern, Ellenbogen und Knien golden verstärkt und verziert - weist ihn eindeutig als Soldat aus. Er trägt wie sein Gegenüber ebenfalls einen breiten schwarzen Hut auf dem Kopf, der hier zusätzlich eine feine weiße Federborte aufweist.

Eine königliche List

Bei der Darstellung handelt es sich um eine bekannte Erzählung aus dem Alten Testament. In 2 Sam 11 wird die Geschichte von König David, Batseba und Urija erzählt. David beging Ehebruch mit Batseba, der Frau des Hethiters Urija. Dieser stand als Soldat in den Diensten Davids. Um Batsebas Schwangerschaft zu vertuschen, schmiedete König David nach zwei gescheiterten Versuchen einen hinterlistigen Plan. Er überreichte Urija vor der Rückkehr in die Schlacht um Rabba einen Brief an seinen Feldherrn Joab, in dem er verfügte, dass Urija im Kampf an vorderster Front platziert werden sollte. Dort würde dieser sicher den Tod finden. So geschah es denn auch  und Urija fiel in der Schlacht. König David konnte ungestört die verwitwete Batseba zur Frau nehmen, die ihm einen Sohn gebar. Der ehrliche und treue Urija war also unwissentlich der Überbringer seines eigenen Todesurteils.

Die raffinierte Simultandarstellung

Eben diese Szene der Übergabe des Briefes wird in der Miniatur dargestellt. Doch hat sich Glockendon nicht mit nur einer Szene zufrieden gegeben. Die Architektur im Hintergrund gibt in der rechten oberen Ecke den Blick frei auf eine weitere Szene: eine Schlacht auf einem grünen Feld vor einem Hügel mit einer Burg oder Stadt obenauf. Berittene Kämpfer in grauen Rüstungen rasen von links und rechts mit gezückten Speeren aufeinander zu. Bei genauerem Hinsehen fällt ein wichtiges Detail ins Auge: Der vorderste Kämpfer auf der linken Seite trägt denselben bunten Rock wie Urija in der Hauptszene! Dieser Ausblick im Hintergrund erzählt also den weiteren Verlauf der Geschichte, den geplanten Tod des Urija in der Schlacht. Auf diese Weise gelang es dem Miniaturisten Albrecht Glockendon auf beeindruckende Weise, die gesamte Geschichte von David und Urija in einem einzigen Bild unterzubringen. Diese raffinierte Gleichzeitigkeit ist ein besonderes Merkmal der herausragenden Qualität der Bilderfindungen des Albrecht Glockendon.

Eine wohldurchdachte Komposition

Zwei herrlich gestaltete klassische Säulen rahmen die Miniatur links und rechts, und eine halbhohe Brüstung trennt den Palastbezirk vor David und seinen Männern nach vorne hin ab. Über der Miniatur sind noch zwei Zeilen des lateinischen Textes – teilweise in wertvoller Goldschrift - zu lesen. Die Szene spielt nach der eigentlich üblichen Ikonographie im Thronsaal vor dem als König gekleideten David. Albrecht Glockendon hat sich jedoch, indem er die Briefübergabe ins Freie vor den Palast verlegt und David nicht eindeutig als König präsentiert, wohl intensiv mit der Erzählung auseinandergesetzt und seine eigenen Ideen in die Komposition eingebracht. Die hinter König David am äußersten linken Bildrand stehende Gruppe von drei Männern, die verschwörerisch die Köpfe zusammenstecken, verleiht der Miniatur mit ihren modisch geschlitzten buntfarbigen Gewänder zusätzlich ästhetischen und kulturhistorischen Wert. Ebenso sind die auf der gegenüberliegenden Bildseite, hinter Urija, dargestellten Soldaten mit einer Lanze und der für Landsknechte typischen Tracht ein wichtiges Bildelement. Die Miniatur zur biblischen Szene des Urijasbriefs ist ein rundum stimmiges Bild des 16. Jahrhunderts!