Miniaturen im Detail
Veröffentlicht von Ziereis Facsimiles am 0 Kommentar(e)

Das Schwarze Gebetbuch

Die schönste der nur noch 7 erhaltenen schwarzen Handschriften aus dem Mittelalter

Das Schwarze Gebetbuch mit seinen zahlreichen Miniaturen

Das Schwarze Gebetbuch mit seinen zahlreichen Miniaturen: die leuchtenen Farben kommen auf dem schwarz gefärbten Pergament besonders eindrucksvoll zur Geltung.

Das berühmte Schwarze Gebetbuch, der Codex 1856 der Österreichischen Nationalbibliothek, ist eines der herausragenden Werke in der Gruppe der Schwarzen Handschriften des 15. Jahrhunderts. Es entstand im Auftrag Herzogs Karl des Kühnen von Burgund in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Brügge. Leuchtend bunte Miniaturen und Schrift in Gold- und Silbertinte kommen auf dem schwarz gefärbten Pergament besonders zur Geltung. Eine der schönsten Darstellungen der berühmten Handschrift ist die Miniaturseite mit der Szene der Kreuzannagelung.

Kreuzannagelung aus dem Schwarzen Gebetbuch

Folio 14v: Die Kreuzannagelung

Obwohl in den Farben auf einfachste Kontraste zurückgeworfen, gelingt dem Maler mit dieser Miniatur ein eindrucksvolles Meisterwerk der Buchmalerei.

Ein breiter Schmuckrahmen mit zwei Medaillons umfasst die Hauptminiatur auf fol. 14v. Die Kreuzannagelung ist das Titelbild zur Matutin. Kunstvolles feines Rankenornament bildet den herrlichen, über und über geschmückten Rahmen der Miniatur. Silberne und goldene Blütenzweige, vielfältige Blätter und kleine bunte Früchte und Blüten vereinen sich zu einem üppigen Ganzen.

Christus am Kreuz

Die Szene der eigentlichen Miniatur spielt auf einem grünen Hügel: die Szene der Kreuzannagelung aus der Passion. Christus wird soeben ans Kreuz genagelt. Das Kreuz liegt im Zentrum der Komposition am Boden. Vier Männer sind damit beschäftigt, den Körper Christi an den Holzpfosten zu befestigen. Einer bohrt ein Loch unterhalb der Füße, ein anderer schlägt gerade mit ausholendem Hammer einen Nagel durch die linke Hand Christi und zwei weitere halten seinen rechten Arm gewaltsam an einem Seil gefesselt. Die Drastik dieser Darstellung des grausamen Geschehens ist zum einen beeindruckend, zum anderen aber auch beängstigend und erschreckend.

Eine durchdachte Komposition

Am vorderen Bildrand ist ein Mann soeben damit beschäftigt, mit einer Schaufel das Loch für die Aufstellung des Kreuzes auszuheben. Im Hintergrund, am rechten oberen Bildrand, ist eine größere Gruppe von Männern versammelt. Bei ihnen handelt es sich um den Zug der Soldaten, die den Kreuzweg begleiten. Ihnen voran reiten zwei reich gekleidete Männer auf Pferden. Außerdem stehen ganz rechts zwei nur mit einem Tuch um die Hüften Bekleidete, die mit einem Strick gefesselten Schächer, die mit Christus gekreuzigt werden. Eine weitere Besonderheit der Darstellung lässt den aufmerksamen Betrachter aufhorchen: dort erscheint vor dieser Gruppe im Hintergrund ein weiteres Mal das Kreuz, getragen von einem Mann im weißen Hemd und goldgelben Hosen. Bei ihm handelt es sich um Simon von Cyrene, der laut den Evangelien auf einer Teilstrecke des Weges Christus das Kreuz abnahm. Damit ist deutlich, dass sich diese Szene zeitlich schon vor der dargestellten Kreuannagelung abgespielt hat. Ein kunstvolles Spiel mit verschiedenen Zeitebenen und typisch für die mittelalterliche Malerei! 

Das Medaillon der Schmiedin

Links der Miniatur ist inmitten des Schmuckrahmens in einem kreisrunden Medaillon die ungewöhnliche Szene des Schmiedens der Kreuzesnägel dargestellt. Drei Personen – zwei Männer und eine Frau – stehen mit erhobenen Hämmern rund um einen Amboss in ihrer Mitte. Zwei Nägel liegen – überkreuzt! - bereits im Vordergrund auf dem Boden, der dritte wird von der Frau mit einer Zange auf dem Amboss gehalten. Dies ist eine selten dargestellte Szene, die ihren Ursprung nicht in der Bibel, sondern in den spätmittelalterlichen Mysterienspielen hat. In diesen wurde die Passionsgeschichte mit zahlreichen „neuen“ und populären Legenden ausgeschmückt. Die Legende von der Schmiedin Hedroit, die anstelle ihres furchtsamen Mannes voller Hass gegen Christus die drei Kreuznägel schmiedet, war zur Entstehungszeit des Schwarzen Gebetbuchs wohl allseits bekannt.

Streitende Soldaten

Das zweite Medaillon der Miniaturseite, unter der Hauptminiatur im Rahmen angebracht, zeigt eine weitere Szene aus dem Kontext der Passionsgeschichte: den Streit der Soldaten um das Gewand Christi. Nach dem Johannesevangelium wurde nach der Kreuzigung das Gewand Christi unter den Soldaten aufgeteilt. Da das Untergewand außergewöhnlicherweise aus einem Stück gewebt war, sollte es nicht zerteilt werden und nur einem durch Würfeln ermittelten Soldaten zufallen. Doch kam es daraufhin zum gewalttätigen Streit zwischen den Männern. Die Darstellung im Medaillon zeigt am Boden liegend zwei Würfel und das Gewand. Einer der beiden am Boden knienden Soldaten hat seinen Dolch bereits erhoben und versucht, auf sein Gegenüber einzustechen. Eine erschreckende Szene roher Gewalt!

Die beeindruckende Qualität der Malerei

Auf wunderbare Weise hat der Miniaturist bei der Hauptminiatur und dem prächtigen Rahmen mit nur wenigen Farben eine herrlich abwechslungsreiche Szene geschaffen. Die Medaillons sind fast monochrom, nur mit Gold und Silber, gestaltet, während die Hauptminiatur auch die Farben Blau, Grün, Rot und Braun in verschiedenen Abstufungen enthält. Gold und Silber kommen jedoch auch hier am Stärksten zur Geltung. Akzente setzte der Künstler mit goldenen Schraffuren und feinem Ornament, etwa beim prächtigen Nimbus Christi. Auch die komplizierte Anlage der Komposition, die abwechslungsreich posierenden Körper der Figuren und die Falten der Gewänder sind ein Merkmal der hohen künstlerischen Qualität der Malerei

Eine unvergessliche Miniaturseite

Inhaltlich ist die hier vorgestellte Miniaturseite eine Seite voll mit grausamen und beängstigenden Szenen und Figuren mit negativer Konnotation - die hasserfüllte Schmiedin Hedroit, die streitenden Soldaten und die gewaltsame Kreuzannagelung. Jedoch werden diese dargestellten Erzählungen durch die wunderschöne Pracht der Gestaltung wieder abgeschwächt und herrlich kontrastiert. Eine solche Komposition wird der Betrachter nicht so schnell wieder vergessen. Die vor dunklem Grund leuchtenden und glänzenden Malereien bringen eindrücklich vor Augen, dass es sich bei dem Wiener Schwarzen Gebetbuch um eine wahrlich außergewöhnliche Handschrift handelt!