Personen, Orte, Hintergründe
Veröffentlicht von Ziereis Facsimiles am 0 Kommentar(e)

Evangeliar Ottos III.

Ein goldener Buchschatz von der Klosterinsel Reichenau

Ein Hauptwerk der ottonischen Buchmalerei: das Evangeliar Ottos III. entstand um das Jahr 1000 im einflussreichen Skriptorium des Klosters Reichenau am Bodensee, dem damaligen Zentrum der abendländischen Buchmalerei. Die liturgische Prachthandschrift war ein Auftrag des Kaisers Otto III. und gelangte unter seinem Nachfolger Heinrich II. in den Besitz des Bamberger Doms. Insgesamt über 30 ganzseitige Miniaturen, wundervolle Kanontafeln und herrliche Initialseiten präsentieren die hohe Qualität der Kunst der Reichenauer Liuthar-Schule und geben mit ihren prächtigen Malereien auf Goldgrund einen Einblick in die großartige ottonische Buchmalerei des späten 10. Jahrhunderts.

Huldigung und Krönung Ottos III. - Folios 23v + 24r

[Translate to Deutsch:] Evangeliar Ottos III. - Huldigung

[] Evangeliar Ottos III. - Huldigung der Provinzen des Reiches und Krönung des Kaisers - Folios 23v + 24r

Die berühmteste Miniatur aus dem bedeutenden Evangeliar Ottos III.: die doppelseitige Huldigung der Provinzen an den thronenden Kaiser. Ein mit allen Zeichen seiner Herrschaft ausgestatteter Kaiser thront auf dem rechten Bild vor einer eindrucksvollen Palastkulisse, während auf der  gegenüberliegenden Seite ein Zug aus vier allegorischen Frauenfiguren kostbare Geschenke  darbringt. In diesem Huldigungs- oder Dedikationsbild wird nicht nur die Pracht und Macht der Herrschaft des ottonischen Kaisers zum Ausdruck gebracht. Bei genauerer Beschäftigung mit der Ikonographie der Miniatur kommen zahlreiche historisch-politische Aussagen der Darstellung zum Vorschein. Eine Miniatur, die sowohl inhaltlich als auch durch ihre besondere Qualität immer  wieder Kunsthistoriker und Liebhaber der Buchmalerei beschäftigt hat und noch heute beeindruckt!

Otto III. als mächtiger Herrscher

Im Zentrum der Komposition des rechten Bildes sitzt der Kaiser in eindrucksvoller Gestalt auf einem Löwenthron. Hinter ihm verdeckt ein geschlossener, rot-grüner Vorhang die Sicht in die Tiefe. Links und rechts wird dieser von zwei herrlichen Säulen begrenzt – die kuriosen Kapitelle sind mit männlichen Köpfen geschmückt -, die ein längliches, ziegelbedecktes Dach tragen. Prachtvolles Gold unterstreicht die Würde dieses angedeuteten Palastes. Der Kaiser dominiert mit seiner Figur die gesamte Bildseite. Er trägt eine Purpurtunika (mit Edelsteinen und Gold zusätzlich reich geschmückt) über einer hellen Alba, und darüber einen grünen Mantel, der über seiner rechten Schulter durch eine Fibel zusammengehalten wird. Seine roten Haare werden bekrönt von einer edelsteinbesetzten Krone. Außerdem ist er mit den Insignien seiner Herrschaft ausgestattet: das Adlerszepter des Augustus und die Sphaira mit dem Kreuz. Sich seiner Macht und Würde bewusst, blickt der Herrscher frontal aus dem Bild heraus auf den Betrachter.

Die geheimnisvollen Begleiter des Kaisers

Links und Rechts des thronenden Kaisers sind vier männliche Figuren dargestellt, jeweils zwei geistliche und zwei weltliche Würdenträger. Zu seiner Rechten stehen zwei hohe Geistliche, die durch das Pallium über ihren Gewändern als Metropoliten der Lateinischen Kirche gekennzeichnet sind. Links des Kaisers haben zwei vornehme Laien Aufstellung genommen, ein junger und ein alter Mann. Diese beiden Männer halten die Waffen des Kaisers, Schwert, Schild und Lanze. Als Waffenträger des Kaisers nehmen sie eine herausragende Stellung ein. Es ist versucht worden, diese vier Figuren mit historischen Personen zu identifizieren. Jedoch gelten sie heute schlicht als Attribute der allgemein üblichen Kaiserallegorie. Die Waffenträger etwa sind schon in der Antike bekannt und wurden auch in der karolingischen Buchmalerei verwendet.

Ein Zug aus vier allegorischen Frauengestalten

Die diesem Kaiserbild gegenüberliegende Seite wird eingenommen von einer Miniatur mit einer symbolischen Darstellung. Vier allegorische weibliche Gestalten streben in einem Zug hintereinander dem Kaiser zu. Es handelt sich um die vier Personifikationen des Reiches: Sclavinia, Germania, Gallia und Roma. Die Frauen präsentieren sich barfuß und in demütiger Haltung. Sie sind in prunkvolle Gewänder gekleidet und  tragen über ihren offenen Haaren kunstvoll variierte, goldglänzende Kronen. Sie bringen kostbare Geschenke für ihren Herrscher: eine mit Edelsteinen gefüllte Schale, einen Palmzweig, ein Füllhorn und eine goldene Erdkugel. Roma steht an erster Stelle, da Italien – und insbesondere Rom - in Ottos Politik eine Vorrangstellung einnahmen. Gallia folgt auf sie als Verkörperung der Provinz, in deren Gebiet das Grab und die Pfalz des größten und hoch verehrten Kaisers liegt: Karl der Große und Aachen.

Otto III. als Imperator und „Typus“ Christi

Diese Szene mit der bekannten Ikonographie erinnert an die Anbetung der Könige im Stall zu Bethlehem. Auf diese Weise wird eines der Grundprinzipien der ottonischen Herrschaft zum Ausdruck gebracht: die Gleichsetzung des Kaisers mit Christus, dem Gesalbten, dessen Abbild er ist. Jedoch spielt noch ein weiterer Aspekt in diese Darstellung mit hinein: ein Ritus aus der griechischen Antike, der von den römischen Imperatoren übernommen wurde und noch Otto III. als Vorbild diente. Die sogenannte Darbringung des aurum coronarium, des Krongoldes. Dabei wurden dem Imperator als Anerkennung und Huldigung kostbare Geschenke überreicht. Das Huldigungsbild des Evangeliars Ottos III. präsentiert sich als eine Verbindung vielfältiger Aussagen zur ottonischen Staatssymbolik. Zugleich gilt es als eine herausragende Leistung der frühmittelalterlichen Buchmalerei. Sein Maler war wohl der bedeutendste Meister, der an der Ausführung dieser kaiserlichen Handschrift beteiligt war!