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Insulare Buchmalerei

Ein früher Höhepunkt der Buchkunst

Die insulare Buchmalerei brachte die herrlichsten Zeugnisse der Buchkunst hervor. Überbordende Ornamentik in unglaublichen Verknüpfungen zur Steigerung des heiligen Textes kennzeichnet die Codices des 7. bis 9. Jahrhunderts von den britischen Inseln. Mit dem Begriff der insularen Buchmalerei sind so berühmte Namen wie das Book of Kells oder das Buch von Lindisfarne verknüpft. Ausgehend von Irland verbreitete sich die angelsächsische Buchkunst zuerst nach Nord-, später bis Südengland und wurde durch irische Mönche schließlich auf den Kontinent gebracht, wo sich neue Tendenzen entwickelten.

Teppichseite und Initialzierseite zum Markus-Evangelium aus dem Buch von Lindisfarne: Quoniam quidem multi conati sunt ordinare narrationem...

Teppichseite und Initialzierseite zum Markus-Evangelium aus dem Buch von Lindisfarne: Quoniam quidem multi conati sunt ordinare narrationem...

Initialseiten für die Ewigkeit

Die Initialen des Book of Kells begnügen sich nicht mit einem kleinen Teil des Blattes, sie nehmen die ganze Seite ein. Auf diese Weise entstehen die für die insulare Buchmalerei so typischen Teppichseiten, die ganz von Ornamenten eingenommen sind. In unglaublicher Dichte wird beispielsweise der Beginn des Johannes-Evangeliums im Book of Kells dargestellt. Verschiedene Blau- und Rottöne wechseln sich mit dem alles überstrahlenden Gelb ab, um die unzähligen Variationen und Verschlingungen der Ornamente zu gestalten. Das Auge des Betrachters wird schier überfordert von der zierlichen und abwechslungsreichen Malerei. Die figürlichen Elemente und die Schrift sind so in die Ornamentik integriert, dass sie fast verschwinden. Die Farben und Formen in ihrer unglaublichen Variation und Dichte verleihen der Initialseite etwas Mystisches.

 

 

Ganzseiteige Initiale (Chi-Rho-Monogramm) aus dem Book of Kells als Einleitung zum Bericht über das Leben Jesu: "XPI autem generatio...."

Ganzseiteige Initiale (Chi-Rho-Monogramm) aus dem Book of Kells als Einleitung zum Bericht über das Leben Jesu: "XPI autem generatio...."

Mystische Ornamentik in überbordender Pracht

Diese Beschreibung steht stellvertretend für den Stil der insularen Buchmalerei, die keltische und germanische Traditionen für die Darstellung und Betonung christlicher Kunst übernimmt und daraus neue Traditionen formt. Flechtbänder, Knotenmuster, Stab- und Spiralornamente der Initialen und Teppichseiten der irischen und nordenglischen Codices sind hergeleitet von der keltischen Schmuckkunst. Dabei spielt Symmetrie eine große Rolle, aber auch die Tierornamentik in Verbindung mit der Technik des sogenannten Cloisonné, der Zellentechnik von Schmuckstücken. Auch antike Einflüsse werden zum Teil spürbar. Der Mensch, der in der neuen Religion eine große Rolle spielte, wurde in der Buchmalerei den Farben und Formen untergeordnet und eingegliedert und wird so selbst zum Ornament.

Auschnitt aus den Canon-Tafeln (sog. Beast Canon Tables) aus dem Book of Kells: Leuchtende Farben und ein Gewirr von Pflanzen und Tieren

Auschnitt aus den Canon-Tafeln (sog. Beast Canon Tables) aus dem Book of Kells: Leuchtende Farben und ein Gewirr von Pflanzen und Tieren

Irische Mönche, hochgerühmte Künstler

Die irischen Mönche nutzten die einheimischen ornamentalen Kunsttraditionen, um die neue Religion, die in Irland um die Mitte des 5. Jahrhunderts aufkam, zu verbreiten. So treffen christliche Inhalte auf keltische und germanische Kunst. Die Kunstwerke, die durch diese Verbindung entstanden, zählen zu den Höhepunkten der Buchmalerei insgesamt. Schon im 12. Jahrhundert, als die insulare Buchkunst längst durch andere Stile abgelöst war, wurde ihre Kunstfertigkeit noch – oder schon – hoch gerühmt: „Untersuche es sorgfältig, und du wirst zu dem wahren Heiligen der Kunst vordringen. Du wirst Verschlingungen erkenne von solcher Feinheit und Zartheit, solcher Gedrängtheit und Dichte, solcher Fülle an Knoten und Zwischengliedern, mit so frischen und glänzenden Farben, dass du glauben könntest, das alles sei nicht das Werk eines Menschen, sondern eines Engels.“

 

 

Teppichseite aus dem Buch von Lindisfarne: Einerseits verwirrendes Geflecht im Detail, anderseits hochsymetrische Anordnung im Überblick

Teppichseite aus dem Buch von Lindisfarne: Einerseits verwirrendes Geflecht im Detail, anderseits hochsymetrische Anordnung im Überblick

Die schönsten Evangeliare

Bei den insularen Prachthandschriften handelt es sich fast ausnahmslos um Evangeliare, die die christliche Religion verbreiten sollten. Neben dem Book of Kells, das um 800 entstand und einen späten Höhepunkt und das berühmteste Exemplar der insularen Buchmalerei darstellt, sind besonders das Book of Durrow (um 700) und das Buch von Lindisfarne berühmt, ein Evangeliar aus dem frühen 8. Jahrhundert.

Miniaturenseite aus dem Book of Kells: Dargestellt ist die Gefangennahme Jesu im Garten Gethsemane

Miniaturenseite aus dem Book of Kells: Dargestellt ist die Gefangennahme Jesu im Garten Gethsemane

Das Weiterleben des insularen Stils

Mit ihren Missionsreisen auf den Kontinent brachten die irischen Mönche die insulare Buchmalerei und ihre prunk- und prachtvollen Kunstwerke auf das Festland. Zu den großen Namen der irischen Wandermönche zählen etwa der Heilige Willibrord (um 658-739, Gründer des Klosters Echternach), der Heilige Gallus (um 550 - etwa 640, Gründer des Klosters St. Gallen) oder der Heilige Pirminius (um 670 – 753, Gründer des Klosters Mittelzell auf der Bodenseeinsel Reichenau). Überall dort wurden weitere berühmte illuminierte Handschriften im insularen Stil geschaffen. Nach und nach vermischte sich der ursprünglich keltisch-germanische Stil zunehmend mit Einflüssen aus der römischen Tradition und führte zu einem neuen Stil und neuen großen Kunstwerken der Buchmalerei.

 

 

Deutlich zu erkennen sind die insularen Einflüsse bei den Initialzierseiten aus dem Goldenen Evangelienbuch von Echternach (hier: Q-Initiale).

Deutlich zu erkennen sind die insularen Einflüsse bei den Initialzierseiten aus dem Goldenen Evangelienbuch von Echternach (hier: Q-Initiale).