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Jean Duke de Berry

Jean Duke of Berry

Jean de France (1340-1416), Duc de Berry war der dritte Sohn König Johanns des Guten von Frankreich. Er wurde am 30. November 1340 im Schloss von Vincennes geboren, wurde Herzog von Poitiers und dazu später Herzog von Berry und Auvergne. Er war der Bruder König Karls V., des Herzogs Ludwig von Anjou und Philipps des Kühnen, Herzog von Burgund. Und er war der Onkel des später geisteskranken Königs Karl VI. und des Herzogs Ludwig von Orleans. Diese Auflistung lässt schon erahnen, dass es sich bei Jean Duc de Berry nicht um einen armen und geschichtlich unbedeutenden Mann gehandelt hat. Und bescheiden kann man ihn sicher auch nicht nennen: Trotz dem er wohl eher nicht von natürlicher Schönheit gesegnet war, sind doch nicht weniger als 66 Darstellungen des Herzogs auf Siegeln, in Miniaturen und als Skulpturen bekannt, die er in Auftrag gab und ihn auch sehr realistisch darstellen dürften. Zu den bekanntesten Portraits zählen sicher die Januar-Miniatur seiner Très Riches Heures, die ihn als Gastgeber eines Neujahrsempfang zeigen und das Stifterbild in seinem Brüsseler Stundenbuch, auf dem er auf Knien betend von seinem Namenspatron, Johannes der Täufer und dem Heiligen Andreas der Muttergottes anempfehlen wird.

Jean Duc de Berry und seine Zeit

Das Frankreich zur Zeit des Herzogs von Berry war sicherlich ein sehr kontrastreiches, oder besser gesagt widersprüchliches Land. Auf der einen Seite lebte der Großteil der Menschen in bitterer Armut, ständig bedroht von Krankheiten, Hunger und Tod. Flagellanten (Geisler) zu durch die Lande, wie sie hier aus den Belles Heures abgebildet sind. Auf der anderen Seite gab es ein paar einzelne, dafür aber umso privilegiertere "Mitglieder" der Gesellschaft: Adelige und Kirchenfürsten, deren Verschwendung und die gleichzeitige Jagd nach Schätzen damals zu ihren Markenzeichen gehörten. Ein zeitgenössischer Chronist schreibt: "Die Adligen hassen und verachten die Gemeinen (…), sie unterdrücken die Bauern und nehmen ihnen die Dörfer. Sie geben sich keine Mühe mehr, das Land zu verteidigen, sondern denken nur noch darüber nach, wie sie ihre Untertanen am besten treten und ausrauben können." Und politisch sah es nicht besser aus. Les Belles Heures du Duc de BerrySeit 1337 befand sich Frankreich mit England im Hundertjährigen Krieg, in dessen Verlauf der junge Herzog 1360 nach einer Niederlage für einige Zeit als Geisel nach London gehen musste. Dort war es übrigens auch, wo er einer englischen Hofdame verfallen sein soll. Der unglückliche Ausgang der Liaison lässt sich heute noch betrachten in den Miniaturen von (verwundeten) Schwänen, die der Herzog als Wappentiere in seine Handschriften einarbeiten ließ.

Jean Duc de Berry als Sammler und Mäzen

Für die Kunstgeschichte wichtig sind natürlich seine Rolle als Mäzen der prägendsten Künstler seiner Zeit in Frankreich und seine Rolle als Sammler. In insgesamt 17 Burgen und Schlösser, die er errichten oder umgestalten ließ, sammelte er einen märchenhaften Reichtum an: Da verzeichnen die Inventare etwa einen Splitter des Heiligen Kreuzes, den Kelch, aus dem Christus bei der Hochzeit zu Kanaa trank, den Verlobungsring des Heiligen Joseph, gar die Gebeine der unschuldigen Kindlein und einen Milchzahn der heiligen Jungfrau. Dazu kommen viele Gifte und Gegengifte in Dosen und Kapseln, "Wunder der Natur" wie Straußeneier, Schlangenkiefer, Stachelschweinborsten usw. Er besaß zwei Säcke mit Azurfarbe, also des überaus seltenen gepulverten Lapislazuli und nicht weniger als zwanzig Rubine von außergewöhnlicher Qualität, einer der Steine wog 240 Karat - die schönste Sammlung vielleicht aller Zeiten. Sie alle sind verlorengegangen, wie auch das Gros der goldenen Kelche und Kreuze, der byzantinischen Vasen, der Uhren und antiken Münzen, der Gemälde, deren Rahmen mit Edelsteinen besetzt waren, der Goldstoffe aus Lucca und des Porzellans. Seine wahre Liebe galt jedoch den Büchern…

Jean Duc de Berry und seine Bibliothek

Die Bücherliebe war dem Herzog sicher schon in die Wiege gelegt: Spätestens seitdem der Vater Jeans, Johann II., der Gute, von 1350 bis 1364 König von Frankreich, und Bonne von Luxemburg wurde, besaß er eine prunkvolle Büchersammlung. Der Nachfolger auf dem Thron, Charles V., Jeans Bruder, hatte bis zum Ende seiner Regierungszeit 1380 mit rund 1000 Bänden die reichste Fürstenbibliothek der Zeit aufgebaut. Aus den Quellen geht hervor, dass Jean de Berry selbst am Ende seines Lebens fast 300 Bände besaß, darunter die schönsten, die jemals in Europa entstanden, etwa das Stundenbuch der Jeanne d'Evreux (1325-1328) oder das Buch der Wunder von Marco Polo (1410-1412). Insgesamt nannte er 41 Chroniken, 38 Ritterromane, 24 Handschriften über Wissenschaft und Kunst und 14 Traktate über Politik und Philosophie sein Eigen. Dazu Les Belles Heures du Duc de Berrykamen 14 Bibeln, 16 Psalter, 17 Breviere, sechs Messbücher und 15 Stundenbücher. Er hatte wohl öfters "vergessen", ausgeliehene Buchschätze zurückzugeben und wenn er diese als kostbares Präsent verschenkte, forderte er diese nach dem Tod des Beschenkten wieder zurück… Auch sein jüngerer Bruder, Philippe von Burgund, hat immerhin noch rund 200 Handschriften zusammengetragen. Selbst ihre Schwester lsabella muss in diesem Zusammenhang genannt werden, spielte sie doch als Gattin des Herzogs Gian Galeazzo Visconti eine wichtige Rolle bei der Gründung und beim Ausbau der erlesenen Bibliotheken in Mailand und Pavia.

Jean Duc de Berry und seine Stundenbücher

Die unbestrittene Krönung seiner Sammlung waren seine prachtvollen Stundenbücher. Von diesen haben sechs die Zeiten überdauert und zählen zum Schönsten, was aus der europäischen Kunstgeschichte überliefert ist. Die sechs Stundenbücher sind:

  • die Petites Heures (Bibliothèque nationale, Paris, Ms. lat. 18014), deren Miniaturen wohl in der Hauptsache vor 1388 von Jacquemart de Hesdin und vier anonymen Meistern ausgeführt wurden
  • ein heute dreigeteiltes Stundenbuch: a) die Très Belles Heures de Nôtre-Dame (Bibliothèque nationale, Paris, Ms. nouv. acq. lat. 3093), begonnen um 1384 und später u.a. von den Brüdern Limburg fortgeführt. Sie bildeten vor ihrer Teilung im Jahre 1413 eine der monumentalsten Handschriften der Zeit. Heute wird mit den Très Belles Heures der Teil mit dem eigentlichen Stundenbuch bezeichnet. b) das Turin-Mailänder Stundenbuch (Museo Civico, Turin, Inv. Nr. 47), der Teil mit dem Messbuch mit Miniaturen von Jan van Eyck und c) die Blätter im Louvre (Louvre, Departement des arts graphiques, Paris, RF 2022-2025), also die geretteten Folios des 1904 verbrannten letzten Teils des Gebetbuches
  • das Brüsseler Stundenbuch, begonnen vor 1402 oder später
  • die Grandes Heures (Bibliothèque nationale, Paris, Ms. lat. 919), von Jacquemart de Hesdin sowie dem sogenannten Pseudo-Jacquemart begonnen, 1409 vom Meister der Bedford Hours und von einem Maler aus der Werkstatt des Meisters des Stundenbuchs des Marschalls Boucicaut vollendet
  • die Belles Heures (Metropolitan Museum of Art, The Cloisters, New York, Acc. No. 54.1.1) von den Brüdern Limburg illuminiert und um 1410 vollendet
  • die Très Riches Heures (Musée Conde, Chantilly, Ms. 65), die um 1410 in Auftrag gegeben wurden, beim Tod des Herzogs 1416 noch unvollendet waren und um 1485 endgültig fertiggestellt wurden

Jedes dieser Meisterwerke verdient es, genauer beleuchtet zu werden. An dieser Stelle sollen jedoch die Belles Heures im Mittelpunkt stehen. Und mit ihnen natürlich die Brüder Limburg.

Jean Duc de Berry und die Brüder Limburg

Die Brüder Paul, Jean, Herman Limburg (geboren 1385/90 in Nimwegen, der Hauptstadt von Geldern und gestorben 1416 in Bourges) stammten aus einer Familie aus dem Aachener Raum. Ihr Vater war Bildschnitzer, ihr Onkel der gefeierte burgundische Hofmaler Jean Malouel. Er hatte für Isabeau von Bayern, die Gemahlin des wahnsinnigen Königs Charles VI., heraldische Muster für Tapisserien entworfen. Später, 1397, avancierte er zum Hofmaler Philipps des Kühnen von Burgund, Bruder des Herzogs von Berry. Malouel war es auch, der zunächst Jean und Herman nach Paris und damit in einen der künstlerischen Brennpunkte Europas holte, wo die beiden 1399 als junge Lehrlinge bei einem Pariser Goldschmied nachweisbar sind. Paul, der talentierteste der drei, kam nach. 1402 erhielten die drei Brüder den Auftrag, eine "Bible Moralisée" für Herzog Philipp den Kühnen von Burgund zu illuminieren. Ihr Honorar war enorm, was darauf schließen lässt, dass sie sich bereits vorher einen Namen gemacht hatten. Nach Philipps Tod gelang es dem Herzog von Berry vermutlich um 1408, die Brüder als Nachfolger des verstorbenen Jacquemart de Hesdin in seine Dienste zu nehmen. Als der Herzog das Atelier nach Bourges verlegte, erhielt Paul, der älteste und angesehenste der Brüder, 1411 ein prächtiges Haus, das zuvor der Schatzmeister des Herzogs bewohnt hatte und das 1434 als eines der Stattlichsten in Bourges beschrieben werden sollte. Das Verhältnis zwischen dem Herzog und den Brüdern war wohl sehr eng. Vor allem Paul wurde nach Angaben der Quellen immer wieder mit Geschenken bedacht. Sicher waren sie im Auftrag des Herzogs in Italien und haben dort die lombardische Kunst studiert, die der Herzog von Berry sehr schätzte. Das Werk der Brüder ist zugleich Höhepunkt der Zeit um 1400, Abschluss einer Epoche und Übergang zu einer neuen. 1416 werden alle drei Maler - noch keine 30 Jahre alt - als verstorben gemeldet, wahrscheinlich Opfer derselben Pestepidemie, der auch der Herzog noch im selben Jahr, 76jährig zum Opfer fiel. Sie hinterließen die Très Riches Heures unvollendet und mit den Belles Heures eines der schönsten Bücher aller Zeiten.