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Karl der Große, Teil II

Der Mensch hinter der Legende

Karl der Große im Kölner Dom: Das berühmte Glasfenster zeigt Karl der Große, wie man es sich im Mittelalter vorgestellt hatte. Die Bilder und Statuen von ihm tragen nur eine entfernte Ähnlichkeit mit der historischen Person, weil die Porträtmalerei, wie wir sie heute verstehen, damals noch nicht existierte.

Die Bedeutung Karls des Großen als historische Figur der Geschichte Europas kann gar nicht zu hoch angesetzt werden. Er war ein mächtiger Herrscher und Krieger, der ein größeres Gebiet eroberte und regierte als jeder andere mittelalterliche Herrscher des lateinischen Christentums. Sein Einfluss auf die europäische Kultur, auf Kunst und Gesellschaft war jedoch noch um einiges weitreichender. Seine Bildungsreformen – etwa die Einführung der karolingischen Minuskel als offizielle Schrift -, die Versammlung von Europas geistigen Größen an seinem Hof und die berühmte Hofschule an der Aachener Pfalz machten ihn zum Urahn der Renaissance! Eigentlich war das, was heute als die Renaissance angesehen wird, nur die dritte von drei Renaissancen, wobei die ersten beiden durch politische und gesellschaftliche Instabilität aufgehalten worden waren.

Die karolingische Renaissance begann unter Karl dem Großen und wurde in den Wirren des 10. Jahrhunderts unterbrochen, als sein Reich unter seinen Nachfolgern geteilt wurde. Zu dieser Zeit begannen die Raubzüge der Wikinger von Norden und im Süden eroberten die Sarazenen Sizilien und Neapel. Die sogenannte Scholastische Renaissance, die an der Wende zum 12. Jahrhundert aufkam, brachte so großartige Denker wie Thomas von Aquin hervor und führte schließlich zur Entwicklung des neuen Stils der Gotik in Kunst und Architektur. Aufkommend mit der Krise des 14. Jahrhunderts – Hungersnöte, Pest und ständige Kriege trafen zusammen mit dem Fehlen päpstlicher Macht aufgrund des Avignonesischen Papsttums – und trotz dieser schwierigen Epoche, hatte die Renaissance, wie sie in Italien aufkam und wie wir sie heute kennen, ihr Fundament in der Herrschaft eines fränkischen Kriegsherrn, der zwar nicht mehr als seinen eigenen Namen schreiben konnte, doch nichtsdestotrotz den Wert von Bildung erkannt hatte. Wer war dieser Mann, diese komplexe Figur von legendären Ausmaßen, dessen Bild über Jahrhunderte hinweg als Vorbild aller Herrscher galt?

Vom fränkischen Krieger zum Urahn der Renaissance

Eine Innenansicht der prächtigen byzantinischen Kuppel im ursprünglichen Teil der Kathedrale in Aachen - Karl der Große sah sein Reich in Konkurrenz mit dem Byzantinischen Reich - auch auf dem Gebiet der Kultur.

Die Franken, die weniger eine klar umrissene ethnische Gruppe als ein Zusammenschluss verschiedener Stämme mit der gleichen Sprache und Kultur waren, siedelten im Norden Galliens, im Gebiet zwischen der Meuse bis an den Rhein und die Mosel. Sogar unter den kriegerischen germanischen Völkern galten die Franken als besonders kampfeslustig. Obwohl nicht mehr als 20.000, gelang es ihnen, die Westgoten zu vertreiben und die gallo-römische und burgundische Bevölkerung zu unterjochen, um sich selbst als Herrscher über Gallien zu etablieren. Schließlich wurde dieses sogar nach ihnen benannt, wie es in der deutschen Bezeichnung Frankreich – das Reich der Franken – bis heute zu erkennen ist. Die Franken strebten schon bald nach der Bildung und der Kultur der Römer. Sie bildeten sogar ihre eigene Legende von Troja als Ursprung ihrer Herrschaft (ein trojanscher Prinz namens Brucio galt als der Urahn ihres Stammes). Auf diese Weise sollte ihre Herrschaft legitimiert und auf eine Stufe mit dem Römischen Reich gestellt werden. Dieser Gedanke prägte Karl den Großen sicherlich seit seiner Kindheit. Er versuchte, diese beiden oft völlig gegensätzlichen Kulturen in Einklang zu bringen, sowohl in seiner Person selbst als auch in seiner Herrschaft.

Karls Dom in Aachen heute: vielfältige architektonische Stile spiegelt sich in den Erweiterungen über Jahrhunderte.

Oberflächlich betrachtet glich Karl der Große wohl eher seinen barbarisch-kriegerischen Vorfahren als den kultivierten römischen Kaisern, deren Nachfolge er beanspruchte. Immerhin war er über 30 Jahre lang König der Franken, bevor er zum neuen römischen Kaiser gekrönt wurde. Er war in jeder Hinsicht ein eindrucksvoller Mann (besonders für seine Zeit), über 1,80 m groß und mit schwerem Nacken, einem runden Kopf, großen Augen und großer Nase, kurzen Haaren und einem langen Bart in der Tradition der Franken. Er trug ein Übergewand und Hosen, bei Kälte zusätzlich einen Mantel, und war immer ausgerüstet mit seinem Schwert. Er liebte Reiten und die Jagd, sogar noch in den letzten Monaten seines Lebens, und aß am liebsten gebratenes Fleisch, vorzugsweise Wild. Dies erklärt auch seine etwas korpulentere Statur in späteren Jahren. Nach seinem Charakter war er sicherlich ein komplizierterer Mensch, zugleich umgänglich und aufbrausend, wohlgesinnt und bedrohlich, religiös und sinnenfreudig.

Das Lorscher Evangeliar hat Karl der Große selbst in Auftrag gegeben und die Prachthandschrift auch selbst in Händen gehalten. Heute wird ein Teil davon in der Vatikanischen Bibliothek aufbewahrt.

Während des Essens lauschte Karl der Große gerne den oft derb-obszönen Liedern der Hofsänger, aber auch dem Vortrag historischer Geschichten und moralischer Abhandlungen, meist aus klassischen Quellen. Während der langen Zeit des kalten Winters richtete er Dichter-Wettkämpfe aus. Er besuchte täglich einen Gottesdienst, aber war so frei, die Fastenregeln nach seinen Wünschen zu optimieren. Ein so großer Mann hatte natürlich auch großen Appetit, und der kannte oft keine Grenzen. Die strikten Vorgaben der monogamen christlichen Ehe waren zu dieser Zeit noch nicht festgelegt, und Karl der Große richtete sich nach den alten germanischen Heirats-Traditionen, die zwischen offizieller Ehe und Liebes-Tändelei unterschieden. Doch diese beiden schlossen sich gegenseitig nicht aus. So hatte Karl der Große fünf Ehefrauen, sechs Konkubinen, zehn Töchter und zehn Söhne. Dass die Kirche im Jahr nach Karls Tod schließlich eine strikte Vorgabe für die christliche Ehe festsetzte, zeigt die Probleme und Wiedersprüche dieser Praxis.

A Medieval Crisis of Identity?

Das Krönungsevangeliar des Heiligen Römischen Reiches, um 800 in Aachen entstanden, stellt einen Höhepunkt der Karolingischen Buchkunst dar. Seiner hohen Bedeutung als eine der Reichskleinodien, auf die die römisch-deutschen Könige bei der Krönung in Aachen ihren Eid ablegten, wird auch die opulente Ausstattung des Evangeliars gerecht.

Die Rivalitäten in Karls innerem Zirkel reflektieren die komplexe Persönlichkeit dieses Herrschers, der zugleich fränkischer König und römischer Kaiser sein wollte und diese beiden Ämter zu vereinen suchte. Auf der einen Seite standen seine treuen fränkischen Krieger, die immer an seiner Seite waren, sowohl im Kampf als auch bei der Jagd. Bei diesen handelte es sich um körperlich sehr präsente, kräftige, aber meist ungebildete Männer. Auf der anderen Seite standen die gebildeten Geistesgrößen, die Karl der Große aus ganz Europa um sich versammelte. Unter diesen waren die wenigsten fränkisch, die meisten dagegen Italiener, Iren, Engländer und Goten aus Spanien. Das lateinische Christentum brachte vor dem 9. Jahrhundert rund 1700 Handschriften hervor. Mit dem Beginn der Karolingischen Renaissance schließlich explodierte diese Buchproduktion: allein aus dem 9. Jahrhundert sind bis heute 7000 Handschriften erhalten. Es ist geradezu unglaublich, wenn man bedenkt, dass Karl der Große, obwohl er lesen konnte und in Rhetorik und Logik geschult war, nicht schreiben konnte. Doch versuchte er in späteren Jahren, dies nachzuholen – jedoch war es da bereits zu spät. Lesen und Schreiben wurden zu dieser Zeit nicht zusammen gelehrt, denn Lesen lernen war eine weitgehend mündliche Angelegenheit, stark an das Erinnern geknüpft, während Schreiben als hoch-spezialisierte Kunst angesehen wurde, nutzlos für den täglichen Gebrauch. Karl der Große konnte nur seinen Namen schreiben. Nichtsdestotrotz dehnte er sein persönliches Bestreben, besser zu werden und sich zu bilden, auf sein gesamtes Reich aus und versuchte zugleich, seine beiden Seiten als fränkischer Krieger-König und erlernter römischer Kaiser so gut wie möglich zu vereinen.