Miniaturen im Detail
Veröffentlicht von Ziereis Facsimiles am 0 Kommentar(e)

Les Belles Heures de Jean Duc de Berry

Jean Duc de Berry und die Belles Heures

Was das Material anbetrifft, waren die Belles Heures das teuerste der sechs vom Herzog in Auftrag gegebenen Stundenbücher. Nirgendwo ließ er so viel Blattgold verwenden wie hier: Schon bei den 1-zeiligen Initialen und auch bei den Zeilenfüllern war hochpoliertes Blattgold die wichtigste Komponente. Allein die Très Riches Heures können in dieser Beziehung noch mithalten. Aber da diese nur wenige Bordüren aufweisen, fallen sie hinter die goldene Pracht in den Belles Heures zurück: auf jeder einzelnen der 448 Seiten schmücken Dornblattranken mit bis zu 500 goldstrahlenden Blättern von raffinierter Qualität das Pergament. Die Gesamtwirkung des Buchs wird entscheidend durch den Dornblattschmuck bestimmt. Wenn man in Betracht zieht, dass der Herzog von Berry in den Jahren, in denen die Belles Heures entstanden sind, nebeneinander auch noch die Très Belles Heures und die Grandes Heures schreiben und ausschmücken ließ, muss auch ein solcher Unterschied zwischen den Büchern seinen Reiz für den Herzog ausgemacht haben. Die Bordüren lenken aber keinesfalls von der Bilderpracht ab: Um ihr kreatives Potential in diesem Bilderbuch auszuschöpfen, passten die Brüder Limburg die Miniaturen nicht wie üblich in freigelassene Stellen des zuvor abgeschriebenen Textes ein. Viele Darstellungen waren seitenfüllend konzipiert und als eigenständige, durch keinerlei Text unterbrochene Zyklen eingefügt. Les Belles Heures du Duc de BerryIhre Komposition erinnert an groß dimensionierte Malereien, Tafelbilder, Glasfenster oder Fresken. Und gerade dieser Bildschmuck in den Belles Heures ist es, der dieses Stundenbuch zu einem der schönsten Bücher aller Zeiten macht. Als 1404 der Auftrag an die drei Brüder Limburg erging, scheint der Miniaturenschmuck der Belles Heures noch in recht bescheidenem Umfang geplant gewesen zu sein. Doch bereits die ersten gelieferten Lagen mit ihren Miniaturen und Initialen begeisterten den Herzog derart, dass er weitere Bilderzyklen bestellte. So entstand das mit 172 Miniaturen am reichsten ausgestattete Stundenbuch des Herzogs von Berry, wurden doch nicht nur die typischen Teile eines Stundenbuchs mit lediglich einer einleitenden Miniatur geschmückt, sondern selbst untypischere Textsequenzen fast wie in einem Bilderbuch durchgehend mit Miniaturen ausgestattet. Und diese Miniaturen boten Neuigkeiten in Hülle und Fülle: die hochdramatische Inszenierung eines sturmgepeitschten Himmels und die wogenden Wellen seien hier genannt. Oder wie die Sinai-Landschaft mit dem aus mächtigen Steinen erbauten Katharinenkloster in noch nie dagewesener Weise die schroffe Gebirgslage thematisiert. Die Behandlung von Form und Licht erreicht eine beispiellose Meisterschaft. Atemberaubend leuchtende Farben, kräftiges Rot und Blau, kombiniert mit zarten Grün- und Gelbtönen, treten hinzu. Es sind die überirdisch leuchtenden Farben, deren Schönheit die ideale Schönheit Gottes und einer paradiesisch-utopischen, nicht von Schatten verdunkelten Welt widerspiegelt. Kein Wunder also, dass die Belles Heures einen besonderen Schatz für den Herzog darstellten. Entgegen seiner Gewohnheit nahm er keinen persönlichen Eigentumsvermerk vor, sondern beauftragte seinen Schreiber Jean Flamel, in elegantester Zierschrift eine Art Exlibris zu Blatt zu bringen. Zusätzlich zu diesem Zeichen des Besitzerstolzes finden sich auf fünf Seiten Darstellungen des herzoglichen Wappens, zwei Porträts des Auftraggebers und das Bildnis seiner zweiten Frau, Jeanne de Boulogne - allesamt untrügliche Hinweise darauf, dass die Prachthandschrift als das persönlichste unter den herzoglichen Stundenbüchern anzusehen ist.

Der Bilderzyklus aus dem Leben des heiligen Hieronymus und die Legenda Aurea

Zu den selteneren Teilen eines Stundenbuches zählt etwa der Bilderzyklus aus dem Leben des heiligen Hieronymus. Hieronymus (geboren 347 in der Provinz Dalmatia, gestorben am 30. September 420 in Bethlehem) war Kirchenvater, Heiliger, Gelehrter und Theologe. Er gehört in der katholischen Kirche zusammen mit Ambrosius von Mailand, Augustinus und Papst Gregor I. zu den vier spätantiken Kirchenlehrern des Abendlandes. Zu seinen wichtigsten Werken zählt sicher seine Übersetzung der Heiligen Schrift, die Vulgata. In den mittelalterlichen Evangeliaren findet sich oft ein an Papst Damasus gerichteter Brief des Hieronymus, in dem er seine Übersetzung der Bibel entschuldigend rechtfertigt. Seine Vulgata war eineinhalb Jahrtausende die kanonisch anerkannte Heilige Schrift.

Was nun die Brüder Limburg in den Belles Heures zu Hieronymus illuminierten, war die Geschichte des Heiligen aus der Legenda Aurea. Diese "Goldene Legende" ist eine von dem Dominikaner Jacobus de Voragine (um 1230-1298) verfasste Sammlung von ursprünglich 182 Traktaten zu den Kirchenfesten und vor allem Lebensgeschichten Heiliger und Heiligenlegenden. Jacobus, der von 1292 bis zu seinem Tod 1298 Erzbischof von Genua war, schuf damit das bekannteste und am weitesten verbreitete religiöse Volksbuch des Mittelalters. Zwar waren die darin erzählten Geschichten sicher nicht immer wahrheitsgemäß, sie waren aber neben den Martyrologien über viele Jahrhunderte eine der wichtigsten Quelle der Heiligenverehrung. Und auch die für die Ikonographie wichtigen Heiligenattribute leiten sich vorrangig aus der Legenda Aurea ab. So wird - wie auch hier in der Miniatur auf fol. 186v, die der im folgenden zu beschreibenden Miniatur direkt vorausgeht - der heilige Hieronymus mit seinem Symbolen dargestellt, einem Buch und einem roten Kardinalshut. Hieronymus wird zudem sehr oft mit einem Löwen gezeigt. Und den Ursprung dieses Bildes haben die Brüder Limburg hier illuminiert: Der Heilige zieht einen Dorn aus der Pfote eines Löwen. In der Legenda Aurea heißt es dazu: "Eines Tages trat ein Löwe in die Klausur des Klosters. Hieronymus aber, als einige flohen, begegnete ihm wie einem Gast. Der Löwe zeigte ihm seine Pfote und wurde durch sorgfältige Pflege befreit; und er lebte, nachdem er alle Gefährlichkeit abgelegt hatte, unter ihnen." Von diesem Löwen erzählt nun auch die direkt folgende Miniatur, die wir uns hier genauer ansehen möchten:

Fol. 187r: Vom Löwen und vom verschwundenem Esel

In kleinerem Maßstab als in den Belles Heures sonst üblich werden hier viele Menschen und Tiere gezeigt. Erzählt wird eine längere Episode: Um sich seinen Aufenthalt im Kloster zu verdienen, sollte sich der Löwe bei der täglich anfallenden Arbeit nützlich machen. Seine Aufgabe war es also, auf den Esel aufzupassen. Dabei jedoch schlief der Löwe ein und der Esel verschwand spurlos. Dies zeigt der Ausschnitt rechts.

Die Klosterbrüder verdächtigten den Löwen, den Esel gefressen zu haben. In Wahrheit hatten jedoch Kaufleute den Esel mitgenommen, damit dieser ihren Kamelen auf den gefährlichen Wegen durch die Wüste vorausginge. Die Strafe für den zu unrecht verdächtigen Löwen war nun die, dass er an Stelle des Esels dessen Arbeit verrichten musste: im rechten Ausschnitt sehen wir, wie die Klosterbrüder den Löwen mit geschlagenem Feuerholz beladen.

Eines Tages jedoch entdeckt der Löwe die Karawane mit seinem Esel an der Spitze. Er treibt die Kamele samt Esel zum Kloster zurück, während die Kaufleute fliehen. Zu sehen ist nun, wie die Kaufleute den heiligen Hieronymus um Vergebung bitten und darum, ihnen die schwer beladenen Kamele zurückzugeben. Wie sich Hieronymus wohl entscheidet?

Diese vielen interessanten Geschichten - meisterhaft mit 176 Miniaturen verbildlicht von den Brüdern Limburg - sind es, die zusammen mit der goldenen Pracht der Ranken und Initialen die Faszination der Belles Heures du Duc de Berry ausmachen und jeden Buchfreund in seinen Bann ziehen.