Miniaturen im Detail
Veröffentlicht von Ziereis Facsimiles am 0 Kommentar(e)

Mainzer Evangeliar

Ein Codex Aureus im Zackenstil

Mainzer Evangeliar

Der Codex Aureus aus Mainz: Ganz in Gold geschrieben und mit über 70 Miniaturen geschmückt

Das Mainzer Evangeliar stellt eines der bedeutendsten Zeugnisse der deutschen Buchkunst des 13. Jahrhunderts dar. Eine derart reich mit Gold und Silber ausgestattete und künstlerisch so meisterhaft vollendete Handschrift konnte sich nur ein winziger Personenkreis anfertigen lassen. So liegt die Vermutung nahe, dass der damalige Erzbischof des wohlhabenden und einflussreichen Bistums Mainz entweder selbst der Auftraggeber oder der Beschenkte dieses goldenen Codex gewesen sein muss. Der Buchschatz war seit seiner Fertigstellung um das Jahr 1250 Teil des Mainzer Domschatzes und gelangte im Zuge der Säkularisation 1803 in die Hofbibliothek ins unterfränkische Aschaffenburg. Dort wird das Buch noch heute wie ein Schatz gehütet. Als Schatz auch deshalb, weil es sich bei diesem Goldenen Codex um eines der prächtigsten Werke des Zackenstils handelt. Wie der Name schon verrät, zeichnet sich dieser durch eine kraftvolle, zackenkantige Linienführung aus, wie sie den Übergang von der Romanik zur Gotik in Deutschland verkörpert. Auch die leuchtenden Farben machen das Mainzer Evangeliar zu einem besonderen Prachtwerk der Buchmalerei.

Das Mainzer Evangeliar - Fol.17r: Die Evangelienharmonie

Mainzer Evangeliar - Fol.17r: Die Evangelienharmonie

Mainzer Evangeliar - Fol.17r: Die Evangelienharmonie

Die hier vorgestellte Miniatur  aus dem Mainzer Evangeliar zeigt auf einer ganzen Seite eine in drei Register geteilte Komposition, die von einem breiten Rahmen umgeben ist. Dieser ist zuerst schwarz-rot-blau und wird dann von einem grün-roten Blattfries nach innen abgeschlossen. An den Ecken sind vier Medaillons angebracht, die die Symbole der Evangelisten auf Blattgold beinhalten. Die eigentliche Miniatur ist von einem prachtvollen Goldhintergrund hinterfangen. Auf diesem sind mittig zwei rote, geflügelte Räder dargestellt, in deren Mitte ein kleiner Engel mit blauen Flügeln steht. Links und rechts und über und unter diesen Rädern sind vier junge Männer zu sehen, in bunten Gewändern und mit fliegenden Locken und Kopfbedeckungen. Sie sitzen jeweils auf einem Felsen und gießen Wasser aus einer gelben Amphore. Die vier Ecken und somit das übrige Bildfeld werden eingenommen von vier Männern – zwei alt, zwei jung - , die auf breiten Thronen jeweils an einem Schreibpult sitzen. Sie haben alle ein aufgeschlagenes Buch vor sich liegen und eine Schreibfeder in der Hand.

Der geflügelte Gotteswagen

Diese erste ganzseitige Miniatur des berühmten Codex Aureus des Mainzer Evangeliars (um 1250) zeigt die sogenannte Evangelienharmonie. Als solche wird - als Einleitung zu den vier Evangelien - die Darstellung der vier Evangelisten mit ihren Symbolen und der Göttlichen Quelle ihrer Evangelien bezeichnet. Normalerweise wird Gott dabei in einer Maiestas Domini als thronender Gott dargestellt. Doch ist dieses Motiv im Mainzer Evangeliar durch eine neue Bilderfindung ersetzt, die spannende Bezüge herstellt. Als Verweis auf Gott als Quelle der Evangelien sind hier die zwei roten Räder mit dem Engel eingesetzt, sozusagen als Stellvertreter Gottes. Dieses Motiv stammt aus der Vision des Ezechiel. Dort wird der sogenannte Gotteswagen mit dem sechsflügeligen Cherub beschrieben. Die roten Räder sind über und über mit Augen und Flügeln übersät.

Symbolische Verbindung zum Bistum Mainz

Diese Darstellung lässt Verbindungen zum Mainzer Erzbischof herstellen, für dessen Bistum der Codex angefertigt wurde. Sein Emblem, das Emblem des Bistums Mainz, ist das Doppelrad. Somit verweisen die roten Räder in der Miniatur nicht nur auf Gott, sondern auch auf den Bischof als  Lenker des Wagens Gottes bzw. des Bistums Mainz. Der Mainzer Erzbischof wird durch diese neue Bilderfindung also an die Stelle gesetzt, an der sonst Gott oder Christus im Bild gegenwärtig ist. Dies scheint aus heutiger Sicht sehr hochgegriffen. Doch unterstreicht es die geistliche als auch die weltliche Macht, die der Mainzer Erzbischof zu dieser Zeit innehatte. Durch die Krönung von zwei Gegenkönigen des Stauferkaisers Friedrich II griff er sogar in höchste politische Ereignisse ein.

Die Vierheit als Kompositionsschema

Die vier jungen Männer mit den Amphoren sind die symbolischen Darstellungen der vier Paradiesflüsse. Ihre Namen stehen auf dem blauen Rahmen: GION und TIGRIS, PISON und EVFRATES. Die Vierzahl wird nochmals aufgenommen in den vier Evangelisten an den Schreibpulten. Von links oben gegen den Uhrzeigersinn sind dort dargestellt: Matthäus, Lukas, Markus und Johannes, jeweils ihrem passenden Symbol in den Eckmedaillons zugeordnet, Mensch, Löwe, Stier und Adler. Die Evangelisten sind gerade im Moment des Abfassens der Evangelientexte gezeigt. Bei Johannes ist der Text sogar lesbar. Er zeigt den bekannten Anfang seines Evangeliums mit den Worten „In principio erat verbum“ (Am Anfang war das Wort). Sie dienen als Verkünder des Wortes Gottes, das in alle vier Himmelsrichtungen, in alle vier Weltgegenden (symbolisiert durch die vier Paradiesesströme) verbreitet wird.

Eindrückliche Zusammenfassung der vier Evangelien

Als Frontispiz der vier Evangelien macht diese Miniaturseite den folgenden Inhalt der Handschrift verständlich. Das Wort Gottes, durch die Evangelien der vier Evangelisten unter die Menschen gebracht, wird durch den Mainzer Erzbischof, hier in Form der Räder versinnbildlicht, verkündet. Dieser dient so als Lenker des Gotteswagens. Die gesamte Komposition verdeutlicht auf eindrückliche und überaus prächtige Weise die Macht des Wortes Gottes.