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Pracht auf Pergament

Dr. Roger Diederen, Kurator der Ausstellung "Pracht auf Pergament" (links) und Georg Ziereis (rechts) vor dem um 1020 in Regensburg entstandenen Uta-Codex

Christian Ziereis (links) und Georg Ziereis (rechts) vergleichen die Originalhandschrift des Perikopenbuchs Heinrichs II. (entstanden um 1020) mit der Faksimile-Ausgabe

"So etwas wird es die nächsten 100 Jahre nicht mehr geben" - dieses bemerkenswerte Zitat fällt bei unserem Interview mit Herrn Dr. Roger Diederen, dem Leiter der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München. Wir stehen in der Ausstellung "Pracht auf Pergament" und Herr Dr. Diederen nimmt sich viel Zeit für unser Gespräch. Während wir uns unterhalten, schlendern wir durch die abgedunkelten, stilvollen Räume: Aufgeräumt und klar, an den purpurfarbenen Wänden die ein oder andere lesenswerte Erläuterung - es soll nichts ablenken von den prachtvollen Exponaten.

In der Ausstellung werden nicht weniger als 75 Codices aus der Zeit von 780-1180 gezeigt. Ein Purpurevangeliar aus dem 9. Jahrhundert, das Evangeliar Ottos III., das Salzburger Perikopenbuch, das Perikopenbuch Heinrichs II. und sein Sakramentar, die Bamberger Apokalypse und der Uta-Codex, das Gebetbuch der Hildegard von Bingen - diese Liste ist nur ein kleiner Ausschnitt des Gezeigten und vermag doch schon das Einmalige dieser Gelegenheit klarzumachen. Man ist überwältigt von Glanz und Geschichte!

Die Werke sind chronologisch eingeteilt und liegen in extra angefertigten Vitrinen aus Panzerglas. "Für jedes Werk wurde eine individuelle Buchstütze angefertigt", erläutert Herr Dr. Diederen und verweist zu recht stolz auf eine Besonderheit der Ausstellung: die verspiegelten Vitrinenböden. Mit ihrer Hilfe lassen sich die vor Gold glänzenden, mit Edelsteinen oder Elfenbein verzierten Prunkeinbände studieren, ohne auf den Blick hinein ins Buch verzichten zu müssen.

nterview mit Kurator Dr. Diederen

Lesen Sie nun das Interview mit dem Kurator der Ausstellung und Leiter der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, Herrn Dr. Diederen:

Christian Ziereis: Wie ist es zu dieser einmaligen Ausstellung gekommen?

Dr. Diederen: Wir hätten es selber nie gewagt, die größten Schätze der Staatsbibliothek für eine Ausstellung anzufragen! Aber als die Leiterin der Handschriftenabteilung, Frau Dr. Claudia Fabian, auf uns zu kam, ob wir uns so eine Ausstellung in unseren Räumen vorstellen könnten, haben wir sofort die einmalige Chance erkannt und beim Schopfe ergriffen. Es gab dann natürlich sehr viele praktische Details zu klären, aber es war von Anfang an eine sehr konstruktive und erfreuliche Zusammenarbeit zwischen beiden Institutionen.

Christian Ziereis: Worin liegt der besondere Charakter einer Ausstellung mittelalterlicher Codices im Vergleich zu Ihren sonstigen Kunstausstellungen?

Dr. Diederen: In mehr als 25 Jahre Kunsthalle, ist dies die erste Ausstellung die sich nur mit Handschriften beschäftigt. Für uns war das Neuland. Die inhaltliche Expertise ist natürlich reichlich vorhanden bei den Mitarbeitern der Staatsbibliothek. Für diese Ausstellung waren Frau Dr. Claudia Fabian und Frau Dr. Béatrice Hernad federführend beteiligt. Aber so ein Thema für die breite Öffentlichkeit zugänglich zu machen ist nicht einfach. Die Bilder wurden für Nahsicht und Kontemplation geschaffen, daher war es zum Beispiel sehr schwierig, ein gutes Ausstellungsplakatmotiv zu wählen, das auch gute Fernwirkung hat. Das breite Kunstpublikum hat natürlich auch wenig Seh-Erfahrung mit diesen Objekten, wie man sie sonst mit Gemälden und Skulpturen hat.

Christian Ziereis: Wieso sollte man Ihre Ausstellung auf keinen Fall verpassen?

Dr. Diederen: Diese außergewöhnlichen Exponate im Original betrachten zu können, ist wirklich einmalig! Ich weiß, dieser Begriff wird von Ausstellungsmachern gerne inflationär benutzt, aber hier ist es wirklich so: Eine solche Ausstellung wird es die nächsten 50 oder gar 100 Jahre nicht mehr geben! Nach dem 13. Januar werden diese Werke wieder für viele Dekaden im Tresor der BSB verschwinden - das ist Fakt. Sogar wenn ich über das Thema promoviere, bekomme ich im Lesesaal "nur" ein Faksimile dieser Handschriften zu Gesicht. Wer es jetzt verpasst, nach München zu kommen, der ist selbst schuld. Aus dieser Periode gibt es nur noch wenige Kunstgegenstände, die bis heute erhalten geblieben sind. Die mittelalterliche Tafelmalerei etwa, wie wir sie aus den Museen kennen, ist wesentlich jünger. Diese Handschriften waren schon damals der absolute Höhepunkt menschlicher Kunstfertigkeit. Auge in Auge zu stehen mit diesen Zeugnisse unserer gemeinsamen europäischen Kultur, die ja mit Karl dem Großen angefangen hat, ist einzigartig!

Christian Ziereis: Welche Bedingungen mussten Sie beachten und welchen Aufwand mussten Sie dafür betreiben?

Dr. Diederen: Die konservatorischen Bedingungen sind - wie für jede andere Ausstellung auch - immer ein wichtiger Faktor. Das führt natürlich für uns zu sehr hohen Kosten, auch bei diesem Projekt: Panzerglasvitrinen wurden für jedes Exponat neu hergestellt, jedes Buch liegt in einer speziell bemessenen Buchwiege. Diese ist so geformt, dass die Bindung nicht allzu sehr strapaziert wird. Das führt natürlich zu sehr hohen Material- und Lohnkosten. Obwohl wir uns darüber im Klaren sind, dass der normale Eintrittspreis von 12 Euro für viele Interessierte ein hoher Betrag sein kann, decken die Eintrittsgelder bei weitem unsere tatsächlichen Kosten nicht. Zudem gibt es viele Ermäßigungen, die sie auf unserer Website finden können. Die Kulturstiftung und die HypoVereinsbank unterstützen die Ausstellungen zusätzlich mit hohen Beträgen, sonst wäre so etwas nicht möglich.

Christian Ziereis: An welchen Tag und zu welcher Uhrzeit ist die beste Besuchszeit?

Dr. Diederen: Der Montag ist grundsätzlich am besten besucht, weil dann nur der halbe Eintrittspreis zu entrichten ist. Aber dann sind die Manuskripte eben auch am wenigsten frei. Was die Uhrzeit betrifft, rate ich zu den Abendstunden, etwa ab 18.00 Uhr. Dann herrscht eventuell auch eine ganz besonders ruhige und fast feierliche Atmosphäre.

Christian Ziereis: Was ist Ihr persönliches Lieblingsexponat?

Dr. Diederen: Die vielen Prachthandschriften - auf Ihnen liegt ganz klar das Augenmerk - sind natürlich alle fantastisch. Zumal wir mit Spiegeln arbeiten, mit deren Hilfe Sie auch die wunderbaren Prachteinbände studieren können. Aber in all der Pracht fallen Ihnen natürlich auch die wenigen, einfacheren Werke ins Auge, etwa die Monatsdarstellungen in der "Sammlung astronomisch-komputistischer und naturwissenschaftlicher Texte". Damit werden Sie daran erinnert, dass die versammelte Pracht nicht alltäglich ist und wirklich zur schönsten Kunst gehört, die je von Menschenhand geschaffen worden ist.

Wir bedanken uns für das freundliche Gespräch!