Miniaturen im Detail
Veröffentlicht von Ziereis Facsimiles am 0 Kommentar(e)

Rohan-Stundenbuch

Großes Stundenbuch und bildgewaltige Bible moralisée

Die Grandes Heures de Rohan

Die Grandes Heures de Rohan zeigen als erstes Stundenbuch überhaupt ganzseitige Miniaturen. Darüber hinaus ist jede der fast 500 Seiten mit einer goldenen, meisterlichen Miniatur geschmückt.

Das Stundenbuch von Rohan ist eines der erstaunlichsten Stundenbücher, die je in der Geschichte der französischen Buchkunst geschaffen wurden. Als erstes Stundenbuch der Welt führte es ganzseitige Miniaturen ein und brach mit den strengen Konzeptionsregeln für mittelalterliche Stundenbücher. Es wurde etwa zwischen 1430 und 1435 in Paris hergestellt. Für seine hochwertige Gestaltung war der unglaublich talentierte Rohan-Meister, zusammen mit nicht minder begabten Mitarbeitern seines Künstlerateliers verantwortlich. Die „Grandes Heures de Rohan“ erstaunen nicht nur durch ihr unfassbar vielfältiges und revolutionäres Bildprogramm, sondern ebenso durch ihre bewegende und Geheimnisvolle Besitzgeschichte.

Grandes Heures de Rohan: Die Beweinung - Fol. 135r

Die Beweinung aus dem Rohan-Stundenbuch

Die Beweinung Christi im Rohan-Stundenbuch - vom Rohan-Meister selbst gemalt - ist eine der beeindruckendsten Miniaturen der mittelalterlichen Buchmalerei überhaupt.

Mit dem berühmten Rohan-Stundenbuch besitzt die Französische Nationalbibliothek in Paris einen der größten Schätze der französischen Buchmalerei des 15. Jahrhunderts. Elegante, beeindruckende und unvergessliche Miniaturen schmücken die Seiten der Handschrift. Die herausragende Miniatur der Handschrift – von der Hand des Rohan-Meisters selbst - stellt die biblische Szene der Beweinung dar: ein Abbild tiefsten Schmerzes und zugleich eine Miniaturseite von größter Meisterschaft!

Compassio und Eleganz

Die ganzseitige Miniatur auf fol. 135 des Rohan-Stundenbuchs ist wohl die berühmteste Miniatur der gesamten Handschrift. Eine der bewegendsten Darstellungen der christlichen Kunst, ausdrucksstark und voller Emotionen! Und doch handelt es sich um eine wunderbar reduziert gestaltete, elegante Darstellung, eine kompositorische Meisterleistung! Lediglich vier Personen und das Kreuz bilden die gesamte Staffage der beeindruckenden und unvergesslichen Komposition. Die völlig entrückt wirkende Szene spielt an einem irrealen, ort- und zeitlosen Raum. Doch wird trotz aller Reduzierung sofort klar, dass es sich um die Beweinung Christi am Ort der Kreuzigung handelt.

Ein klassisches Motiv neu gedacht

Ein schmaler goldener Rahmen umgibt die Miniatur, am unteren Rand geschmückt von einem dreizeiligen Text mit wunderschöner Initiale. Der leuchtende, tiefblaue Hintergrund der Miniatur ist übersät mit goldenem Ornament, das die Silhouetten zahlreicher Engel erkennen lässt. Auf diesem Grund leuchten die hellen Körper der vier menschlichen Figuren umso mehr. Alle vier Figuren sind durch einen prächtigen Nimbus aus glänzendem Blattgold – zusätzlich kunstvoll ornamentiert - als Heilige gekennzeichnet und bilden das typische Bildpersonal der Beweinung: die trauernde Maria, der fürsorgliche Johannes der Täufer, der Leib des toten Christus und schließlich Gott.

Ein trauernder Gott?

Gott beobachtet die Szene aus der rechten oberen Ecke der Darstellung. Er wird präsentiert als bärtiger grauer Mann, gekleidet in ein klassisch-festliches Gewand. In seiner Linken hält er die Weltkugel als Zeichen seiner Herrschaft, die Rechte hat er - in einer Geste der Verzweiflung? - an sein Haupt gelegt. Johannes der Täufer als klassische Besetzung der Beweinungsszene steht zwar im Zentrum der Komposition und rückt doch hinter der beeindruckenden trauernden Maria zurück. Seinen Kopf mit den jugendlich blonden Haaren hat er über die Schulter nach oben blickend – vorwurfsvoll? - zu Gott gewendet. Mit seinen starken Armen fängt er zugleich den fallenden Körper der Maria auf und hält sie fest.

Mütterlicher Schmerz

Die Muttergottes trauert um ihren Sohn und ist von diesem tiefen Gefühl des Verlustes zutiefst erschöpft. Sie wirkt mit ihrem erschlafften Körper selbst wie tot. Ihr blasses Gesicht ist fast ebenso weiß wie das Tuch, das ihre Haare bedeckt. Ihr Körper hängt in den Armen des Johannes fast wie ein schwerer Sack. Maria ist gewandet in einen langen, bräunlich weißen Mantel, der an den Säumen die gelbe Innenseite hervorblitzen lässt. Die langen Arme der Muttergottes hängen über der Taille, wo sie von Johannes gehalten wird, erschlafft – oder sich nach Christus sehnend streckend? - nach unten, wo die Fingerspitzen beinahe den Leib des toten Sohnes berühren. Ihre ganze Gestalt ist ein Ausdruck innigster Trauer und tiefsten Schmerzes!

Christus vor dem Kreuz

Zu Füßen von Maria und Johannes liegt am Boden quer zum Betrachter der Körper des toten Christus ausgestreckt. Der Leib des Erlösers ist völlig ausgemergelt, blass-grau und von den Wunden des Martyriums gezeichnet. Dort wo die Lanze und die Kreuzesnägel den Körper verletzt haben, ist noch das leuchtend rote Blut zu sehen. Und auf dem bärtigen Haupt trägt Christus die grüne Dornenkrone. Diese außergewöhnlich drastische Darstellungsweise des toten Körper, des toten Christus wurde zu einem Charakteristikum der Rohan-Werkstatt. Das Kreuz im Zentrum des Hintergrundes wirkt fast nebensächlich und ist doch sehr präsent. Dies gelingt unter anderem durch den Trick, dass der vertikale Kreuzpfeiler mit dem INRI-Schriftzug den goldenen Rahmen der Miniatur nach oben überschneidet. Eben so wie der Nimbus Gottes und der Kopf und Nimbus des am Boden liegenden Christus. Hier findet sich eine der zahlreichen versteckten, doch wohldurchdachten und raffinierten Parallelitäten in der Komposition der meisterhaften Miniatur!

Die meisterhafte Komposition

Die Miniatur der Beweinung stammt aus der Hand des Rohan-Meisters selbst! Dieser erzielte einen eleganten Gesamteindruck, etwa durch die reduzierte Farbpalette: nur Blau und Gold, Weiß und bräunliches Gelb in den verschiedensten Abstufungen fanden Verwendung. Sein Stil zeichnet sich außerdem durch eine realistische Darstellung der menschlichen Gestalt aus. Dieser Naturalismus wird besonders in der Figur des toten Christus und im Gesicht Gottvaters erkennbar. Die Miniatur der Beweinung Christi aus dem Stundenbuch von Rohan ist ein rundherum vollkommenes Zeugnis der französischen Buchmalerei und hat ihren Zauber bis heute nicht verloren!