Miniaturen im Detail
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Stundenbuch der Katharina von Kleve

Ein Meisterwerk des 15. Jahrhunderts

Stundenbuch der Katharina von Kleve

Das Stundenbuch der Katharina von Kleve: 714 Pergamentseiten mit 157 halb- und ganzseitige Miniaturen und einfallsreichem Bordürenschmuck

Mit dem um 1430 entstandenen privaten Andachts- und Gebetsbuch der Katharina von Kleve liegt das Faksimile eines der für den Betrachter spannendsten und künstlerisch hochwertigsten Werkes der Buchmalerei des 15. Jahrhunderts vor. Hinter den Buchdeckeln des kleinen Formats von 19,1 x 13 cm verbirgt sich auf 714 Pergamentseiten eine Bilderpracht, die noch heute in ihrem Detailreichtum und ihrer Nähe zur Lebenswelt des 15. Jahrhunderts zu begeistern vermag.

Stundenbuch der Katharina von Kleve - Fol. 97r: Auf dem Totenbett

Stundenbuch der Katharina von Kleve - Fol. 97r: Auf dem Totenbett

Umgeben von kunstvollem Ranken-Ornament, bunten Blüten und Früchten und zierlichen goldenen Blättern präsentiert die Seite aus dem Stundenbuch der Katharina von Kleve eine wunderschöne Miniatur in einem rechteckigen Rahmen. Diese zeigt eine geheimnisvolle Szene in einem Innenraum: zahlreiche Menschen haben sich um ein Bett versammelt, in dem ein blasser Mann unter einem roten Betttuch liegt. Seine Augen sind geschlossen, und eine Frau mit weißem Kopftuch reicht ihm eine seltsame goldene Stange, vielleicht eine brennende Kerze. Eine weitere Frau, der Kleidung nach eine Nonne, wendet sich ebenfalls dem Mann zu und streicht ihm sacht über den Kopf. Hinter ihr hebt ein Arzt mit roter Kappe den Blick auf ein Glasgefäß mit Urin in seiner erhobenen Hand. Ein blaues Tuch hängt an der Wand über dem Mann herab, demgegenüber soeben ein weiterer Mann den Raum durch eine Tür betritt. Er trägt ein auffälliges Gewand, der Umhang teuer mit Pelz verbrämt, an der Seite eine Waffe tragend. Ein ebenfalls modisch gekleideter Jüngling mit demutsvoll abgenommenem Hut in den Händen blickt versunken nachsinnend auf das Bett. Eben dieser junge Mann ist es, der außerhalb der Szene in der Bas-de-page-Miniatur wieder auftaucht, wo er sich über eine große Kiste voller Gold beugt. Vor dem Bett sitzend ist eine weitere Nonne mit schwarzem Umhang betend in ein Buch auf ihren Knien versunken. Neben ihr steht auf dem Boden in Schachbrettmuster ein rundes Tischchen, auf dem verschiedene Gegenstände verstreut liegen: Becher aus Zinn und Glas und andere Behältnisse von Speisen und Getränken, und dazwischen eine kleine Schriftrolle. Auf einem prachtvollen Stuhl am linken Bildrand vor dem Bett sitzt ein Mann in hellem Umhang – ein Geistlicher? - an dem Tisch und liest in einem Buch. Das Fenster am hinteren Bildrand ist größtenteils verhängt und gibt nur in einem kleinen Ausschnitt die Sicht auf die Türme einer Stadt frei. So abgeschottet von der Außenwelt, gleicht die Szene einer intimen Zeremonie.

Bei dieser Zeremonie handelt es sich um die Darstellung einer Totenstunde. Die Miniatur leitet im Stundenbuch der Katharina von Kleve die Toten-Matutin ein. Die liturgischen Gebete des zugehörigen Textteils dienen zu eben diesem Zweck, der in der Miniatur dargestellt wird: in der Stunde des Todes für die Seele des Verstorbenen zu beten. Wie der Mönch am Tisch - ein Karmeliter - und die Frau vor dem Bett - eine Begine -, soll der Betrachter im Angesicht des Todes das Stundenbuch zur Hand nehmen und daraus lesen. Und auch ohne diesen konkreten Hintergrund einer Totenstunde vergegenwärtigt die Miniatur dem Betrachter die eigene Vergänglichkeit und das Schicksal eines jeden Menschen.

Der Mann im Bett, blass und nackt und bereits mit geschlossenen Augen, ist soeben gestorben. Ihm zur Seite steht seine Ehefrau, die die Sterbekerze hält. Der Arzt kommt mit seiner Hilfe und der Untersuchung des Urins zu spät. Die hilfsbereite Nonne hat dem Toten bereits die Augen geschlossen. Die beiden im Vordergrund Betenden erleichtern mit ihrem Beistand der Seele des Verstorbenen den Aufstieg in den Himmel – vielleicht durch das geöffnete Fenster? Eine weitere, interessante Komponente erhält die Szene durch die Darstellung der zwei jüngeren Männer, von denen einer unterhalb der Miniatur nochmals auftaucht. Handelt es sich bei den beiden um die Söhne des Verstorbenen, die sich um das Erbe streiten? In Gedanken scheint der Jüngling mit dem Hut in Händen sich schon die Reichtümer vorzustellen, die in der Kiste voller Gold auf ihn warten. Diese einzig an materiellen Dingen orientierten Gedanken scheinen im Angesicht des gerade erst Verstorbenen völlig unangemessen.

Ein wegweisendes Meisterwerk der niederländischen Buchmalerei

Zahlreiche Verbindungen lassen sich von der beeindruckenden Miniatur aus dem Stundenbuch zu anderen Gemälden des Spätmittelalters ziehen, die allesamt von Künstlern mit großen Namen stammen. So hat sich der Miniaturist der Katharina von Kleve inspirieren lassen von Hieronymus Bosch, Robert Campin und Rogier van der Weyden. Er holte sich Vorbilder bei den bedeutendsten Künstlern seiner Zeit und ihren noch heute berühmten Kunstwerken. Diese Vorbilder verwob er gekonnt mit eigenen, neuartigen Bilderfindungen, die kommende Bildsujets wie etwa die Genremalerei bereits vorwegnahmen. Speziell die Miniatur zur Einleitung der Totenmatutin nimmt mit ihrer komplizierten räumlichen Anordnung „eine herausragende Rolle für die Entwicklung des Interieurs“ ein. Auf diese Weise hat der namentlich unbekannte Meister des Stundenbuchs der Katharina von Kleve mit seinen herausragenden Miniaturen ein bedeutendes Meisterwerk der niederländischen Buchmalerei des 15. Jahrhunderts geschaffen.