Genre: Alchemie

Die geheime Kunst vom Veredeln unedler Substanzen und der Seele
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Alchemie

Die Alchemie, das Veredeln von unedlen Stoffen oder der Seele, ist eine der geheimnisumwittertsten und faszinierendsten Hinterlassenschaften des Mittelalters. Obwohl sie ihre Wurzeln im alten China, Indien und Griechenland hatte, wurde die Alchemie am stärksten im Europa des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit praktiziert. Eine herausragende und tragende Rolle spielte sie in der Renaissance, als Könige und Fürsten Europas häufig eigene Hofastrologen und Alchimisten beschäftigten.

Das zentrale Bestreben der Alchemie galt der Entdeckung des „Steins der Weisen“, eines mysteriösen Stoffes mit verschiedenen Eigenschaften, der die Umwandlung von unedlen Metallen in Gold und Edelsteinen ermöglichen sollte und als Bestandteil der Herstellung eines Lebenselixiers galt. Wenngleich die Alchemie heutzutage als Pseudowissenschaft an Bedeutung verloren hat, ist sie weiterhin ein unerschöpflicher Quell der Faszination, deren steter Einfluss noch heute in populären Werke wie etwa der Harry Potter-Buchreihe zum Ausdruck kommt.

Splendor Solis

Ein Alchemist im Bade

In der Alchemie ist Albedo neben Nigredo, Citrinitas und Rubedo die zweite von vier Hauptstufen des gesamten Prozesses. Sie ist sowohl eine Stufe der Reinigung für die Substanzen als auch für die Reinigung der eigenen Seele, die in der mittelalterlichen Literatur und Kunst durch eine weiße Taube symbolisiert wird. Das letzte Ziel der Albedo ist es, die Seele in ihren ursprünglichen Zustand der Reinheit und Empfänglichkeit zurückzubringen.
 
Wie die meisten alchemistischen Handschriften ist dieses deutsche Renaissance-Werk mit allegorischen Bildern gefüllt, um die Geheimnisse der Alchemie vor den Nicht-Eingeweihten zu verbergen. Vor dem prächtigen Hintergrund klassischer Architektur entzündet ein männlicher Begleiter die Flammen eines großen gemauerten Zubers. Der bärtige Mann, der mit der weißen Taube auf dem Kopf in dem Bad sitzt, steht für die Reinigung der Seele.

Die Geheimnisse der Alchemie

Die Transmutation (Umwandlung) von Materie, insbesondere von unedlen Metallen wie Blei in Edelmetalle wie Gold oder die Herstellung von Edelsteinen, ist das Grundprinzip der Alchemie. Im lateinischen Europa taucht der Begriff erstmals im 12. Jahrhundert auf, die Ursprünge des Wortes liegen aber wahrscheinlich im Arabischen oder gar Altägyptischen. Bis heute hat das Thema nichts von seiner Faszination verloren, möglicherweise da es alldem zuwiderläuft, was wir über die wissenschaftlichen Eigenschaften von Materie wissen.

Die mittelalterlichen Pseudo-Wissenschaften der Alchemie und Astrologie sind eng verwandt, in der Tat werden sie in Texten häufig in einem Atemzug genannt, wobei sich erstere aus letzterer entwickelt zu haben scheint. Beide befassten sich mit der Beziehung zwischen Mensch und Universum: Die eine betrachtete den Mensch in seinem Verhältnis zum Kosmos, dem Weltall, die andere zum Terrestrischen, den Erdendingen. Man war überdies der Auffassung, dass man durch die Entschlüsselung dieser Rätsel einen tieferen Einblick in den göttlichen Plan und die Mysterien der Schöpfung gewinnen würde. Obwohl die Alchemie in ganz Asien verbreitet war, scheinen die Europäer eine besonders starke Faszination damit entwickelt zu haben und waren einzigartig in ihrer Fokussierung auf die Herstellung von Gold. 

Geheimhaltung hatte dabei oberste Priorität: Eifersüchtig hüteten die Alchemisten die Geheimnisse ihrer Kunst, entweder da sie wohl tatsächlich Geheimnisse zu bewahren hatten oder weil es galt, eine Fassade für ihre Scharlatanerie aufrechtzuerhalten. Bedenkt man die einstmalige Produktivität des Genres, sind heute vergleichsweise wenige alchemistische Handschriften erhalten, zu deren Verfassern und Übersetzern Albertus Magnus (ca. 1193-1280) und Roger Bacon (ca. 1219/20-92) zählen und die eine Tendenz zum Enigmatischen aufweisen und wohl nur für Eingeweihte bestimmt waren.  

Die pseudo-wissenschaftlichen Wurzeln der modernen Naturwissenschaften

Bekannt ist jedoch, dass, ähnlich wie bei der Astrologie, das Ausführen dieser Pseudo-Wissenschaft auf die Entwicklung der (im modernen Sinne) eigentlichen Wissenschaft hinführte. Genauer gesagt, in ihrem Bestreben, die komplizierten Verfahren herauszufinden, mittels derer sich Blei in Gold umwandeln ließe, leisteten die Alchemisten keinen geringen Beitrag zur Herausbildung der modernen wissenschaftlichen Methodik. Darüber hinaus dienten nicht selten Gelder, die mit esoterischen Praktiken von zweifelhafter Gültigkeit erwirtschaftet wurden, zur Finanzierung ernsthafter wissenschaftlicher Unternehmungen. 

Eine eigenständige Bezeichnung für Chemie gab es zu dieser Zeit im mittelalterlichen Europa freilich noch nicht, alles galt gleichermaßen als Wissenschaft. So wurden von den Alchemisten beispielsweise verschiedene Mineralsäuren entdeckt, die für die moderne Chemie von grundlegender Bedeutung sind, wie etwa Salpetersäure, Schwefelsäure und Salzsäure. Auf ähnliche Weise soll sich auch die Destillation von Aqua Vitae, d. h. von Alkohol, entwickelt haben. 

Alchemisten im antiken Griechenland, sowie in China und in Indien identifizierten dieselben fünf grundlegenden Elemente oder Eigenschaften, die tatsächlich eine primitive Version unseres modernen Energiebegriffs sind. Später griffen auch die europäischen Alchemisten diese Konzepte auf, legten jedoch größeren Wert auf die Herstellung von Gold als ihre Kollegen im Orient. 

Was war der Stein der Weisen?

Die Alchemie verlor erst im 19. Jahrhundert vollends ihre Gültigkeit. Davor erfreute sie sich als geheimnisvolle und esoterische Praktik noch bis ins 18. Jahrhundert weithin großer Beliebtheit. Auch große Persönlichkeiten der modernen Wissenschaft konnten der Verlockung der Alchemie nicht widerstehen, selbst Sir Isaac Newton (1643-1727) verbrachte seine späten Lebensjahre in Abgeschiedenheit, um dem Geheimnis des sagenumwobenen „Stein der Weisen“ auf den Grund zu gehen. Alternativ bezeichnet als „Stein, der kein Stein ist“, „Tinktur“ oder „Pulver“, glaubte man, dass er nicht nur der Schlüssel zur Transmutation sei, sondern dass aus ihm auch ein Unsterblichkeits-Elixier gewonnen werden könne. 

Das Hauptziel dieser esoterischen Kunst war also das größte und verführerischste aller historischen Mysterien: Der Stein der Weisen stand für Perfektion, Erkenntnis und himmlische Glückseligkeit – kurzum, er galt als der Schlüssel zum Leben selbst. Paracelsus wiederum, ein bekannter Schweizer Alchemist des 16. Jahrhunderts, nahm an, dass der Stein für ein unentdecktes Element stehe, von dem sich alle anderen ableiten ließen. Es wurde sogar die Theorie aufgestellt, dass es sich bei dieser Substanz um Radium oder etwas Ähnliches handle, da Strahlung, indem sie die Atomstruktur einer Substanz verändert, auch in der Lage sein müsse, ihre Natur zu verändern, also über verwandelnde Fähigkeiten im weitesten Sinne verfügen müsse.

Alchemistische Manuskripte der Renaissance

Die Wiederentdeckung antiker Werke im Mittelalter hatte auch Auswirkungen auf die Alchemie. Sie erhielt eine vollständigere und umfassendere Ausprägung, die sämtliche medizinischen, pharmazeutischen, okkulten und unternehmerischen Aspekte der Alchemie einschloss. Während die Umwandlung von unedlen in edle Metalle ein Kernziel blieb, rückten der menschliche Körper, seine Gesundheit und die Harmonie mit der Natur stärker in den Fokus, da man glaubte, bestimmte Substanzen könnten Krankheiten heilen. Auch Aspekte der kabbalistischen Mystik flossen ein, wodurch sich teilweise die Annahme verbreitete, mit dem Stein der Weisen könne man Engel herbeirufen. 

Alchemisten wurden in der Renaissance von fast allen Fürsten Europas eingesetzt, der Hof des römisch-deutschen Kaisers Rudolf II. (1552-1612) in Prag aber war das größte Zentrum. Abgesehen von eher esoterischen Beratungen wurden Alchemisten in einer ganzen Reihe von Bereichen konsultiert, die vom Bergbau über Metallurgie bis hin zu Medizin und Pharmakologie reichten. Das am weitesten verbreitete alchemistische Manuskript war das Splendor Solis, das vom alchemistischen Tod und der Wiedergeburt eines Königs handelt und dessen Darstellung der sieben Glaskolben, die bei alchemistischen Arbeitsprozessen verwendet wurden, bereits im Mittelalter Berühmtheit erlangte.

Eine deutsche Abschrift dieses Werks von ca. 1400 befand sich im Besitz König Karls II. von England (1630-85). Unter den übrigen deutschen Exemplaren befindet sich eine Ausgabe von 1531/32, die von einem Mitglied der wohlhabenden und mächtigen Augsburger Handelsfamilie der Fugger in Auftrag gegeben worden war. Eine weitere entstand um das Jahr 1572. Beide sind Meisterwerke der Renaissancekunst mit Miniaturen, die von Albrecht Dürer (1471-1528), Albrecht Glockendon (ca. 1500-45), Hans Holbein (ca. 1497-1543) und Lukas Cranach (ca. 1472-1553) inspiriert sind