Genre: Bestiarien

Heimische und exotische Tiere, fantastische Kreaturen und fantasievolle Fabelwesen im Dienst des Glaubens
Zum Blogbeitrag

Bestiarien

In der Fülle mittelalterlicher Bilderhandschriften werden die Bestiarien oder „Tierbücher“ nur von der Bibel und den Stundenbüchern an Beliebtheit und Verbreitung übertroffen. Besonders für die Buchmaler und Illustratoren bot diese Textgattung mit ihren Beschreibungen dutzender oder hunderter bizarrer Tiere, wie man sie beispielsweise im fabelhaften Bestiarium von Peterborough vorfindet, eine einmalige Gelegenheit, ihre ganze Bandbreite künstlerischer Kreativität darzubieten.

Für besonders prächtig ausgestattete Codizes wurde wertvolles Blattgold verwendet, wie etwa im reich bebilderten Oxforder Bestiarium. Nichtsdestotrotz waren dies nicht nur proto-zoologische Werke, vielmehr wurden die beschriebenen Tiere als allegorische Wesen gedeutet, deren tatsächliche oder erdichtete Eigenschaften im mittelalterlichen Bewusstsein mit christlich-moralischen Lehren assoziiert wurden.

Die Wurzeln dieser mittelalterlichen Manuskriptgattung reichen bis in die Antike zurück, und die davon heute noch erhaltenen Exemplare zählen zu den begehrtesten, kunstvollsten und faszinierendsten Buchwerken des Mittelalters. Sie eröffnen einen einzigartigen Einblick in die Denk- und Vorstellungswelt der Menschen im mittelalterlichen Europa.

Bestiarium aus St. Petersburg

Eine Löwenfamilie

Als "König der Tiere" ist der Löwe das erste Tier in diesem großartigen englischen Bestiarium aus dem 12. Jahrhundert. Er folgt auf einen Bildzyklus der Schöpfungsgeschichte, in dem unter anderem Noah zu sehen ist, der die Tiere für seine Arche zusammenruft. Die Miniaturen sind ikonografisch einzigartig auf prächtigem Goldgrund gehalten und gehören zu den ersten, die der Gotik zugeschrieben werden können.

Die mangelnde Vertrautheit des Künstlers mit Löwen zeigt sich darin, dass der Künstler wahrscheinlich wie üblich nach einem Modell arbeitete und so etwa beide Elterntiere mit Mähne darstellte. Trotzdem tragen sie liebevolle Gesichter, während sie ihre Jungen lecken. Oben steht Christus barfuß in der B-Initiale und macht eine Segensgeste, als wäre der Großbuchstabe eine Tür in den golden schimmernden Bereich des Göttlichen.