ZU BESUCH IM GETTY CENTER IN LOS ANGELES: BILDER DER SCHÖPFUNG UND DER APOKALYPSE

Wenn man nach Los Angeles reist und sich für Kunst, Kultur und Geschichte interessiert, kommt man an einem Besuch des renommierten Getty Museums kaum vorbei. Uns zog natürlich ganz besonders die Handschriften-Ausstellung an, die unter anderem zwei der unbestreitbaren Glanzstücke der Handschriften-Sammlung zeigte: Das Stammheimer Missale und die Getty-Apokalypse.

Bilder der Schöpfung

Die beiden wertvollen Codices waren Teil der Sonderausstellung Beginnings: The Story of Creation in the Middle Ages (dt.: Anfänge: Die Schöpfungsgeschichte im Mittelalter). Sie stellt den mittelalterlichen Bilderwelten prächtig illuminierter, christlicher Handschriften mehrere ausdrucksstarke Gemälde der in LA ansässigen Künstlerin Harmonia Rosales (1984–) gegenüber. In ihren Werken verhandelt Rosales die althergebrachten visuellen Traditionen, die in den Jahrhunderte alten Miniaturen zu sehen sind. Es entsteht ein spannendes Spiel aus historischen und zeitgenössischen Perspektiven auf die biblische Schöpfungsgeschichte und ihre künstlerischen Interpretationen früher und heute.

Das Getty und seine Handschriften-Sammlung

Die hochkarätigen Handschriften des Getty Museums sind meist lediglich in wechselnden Sonderausstellungen wie dieser zu sehen, um sie bestmöglich zu schützen und zu bewahren und trotzdem einem breiten Publikum im Original zu präsentieren. Die vor allem christliche Buchkunst umfassende Handschriftensammlung geht auf den Erwerb eines beachtlichen Konglomerats aus 144 illuminierten mittelalterlichen Handschriften im Jahr 1983 aus der Sammlung Ludwig zurück, der Privatsammlung des Ehepaars Ludwig aus Aachen. Dieser Grundstock wurde stetig erweitert, so dass die Handschriftensammlung mittlerweile über 300 Codices und Einzelblätter umfasst.

Damit entstand die Sammlung erst 29 Jahre nach der Eröffnung des „ersten“ J. Paul Getty Museums – damals noch auf dem Privatanwesen des namensgebenden Kunstsammlers und Ölmagnaten J. Paul Getty (1892–1976) in Pacific Palisades, nahe Malibu. Heute befindet sich an diesem Standort die Getty Villa, in der antike griechische und römische Kunst ausgestellt wird. 1997 eröffnete das von Architekt Richard Meier (1934–) geplante Getty Center in Brentwood, das nun nicht nur die Hauptniederlassung des Museums ist, sondern auch mehrere assoziierte Institutionen und Gastronomie beherbergt – und das alles mit Blick über Los Angeles und eingebettet in eine 35 Hektar große Anlage aus Terrassen und artenreichen Gärten. Hier wird vor allem vormoderne europäische Kunst beinahe jedweden Genres und globale Fotografie von den Anfängen bis in die Gegenwart in zahlreichen Ausstellungen präsentiert.

Das Glanzstück der Ausstellung: Das Stammheimer Missale

Unser unbestreitbares Highlight der Ausstellung war das beeindruckende Stammheimer Missale – eines der beeindruckendsten Werke der deutschen romanischen Buchkunst. Es enthält alle Gebete und Gesänge, die für die Durchführung der Messe erforderlich sind, und wurde um 1170 im Skriptorium der Abtei St. Michael in Hildesheim von drei anonym gebliebenen Schreibern und einem hochtalentierten Buchmaler geschaffen. Er realisierte ein umfangreiches Bildprogramm, für dessen Ausführung nicht nur höchst kostbare Materialien benutzt wurden, sondern das auch hinsichtlich seiner theologischen Komposition höchst komplex ist. Das daraus resultierende Gesamtkunstwerk zeigt eine unglaubliche Mischung aus Dynamik, Lebendigkeit und Majestät.

Im Getty Museum war die wohl berühmteste Seite des mittelalterlichen Meisterwerks zu sehen: der Schöpfungszyklus, der die Erschaffung der Welt durch Gott, wie sie im Buch Genesis beschrieben wird, in die Form eines Rades gießt. Zwischen den Speichen repräsentieren beschriftete Medaillons im Uhrzeigersinn, was Gott der biblischen Erzählung nach Schritt für Schritt kreierte. Das letzte Medaillon der Reihe öffnet sich zum Zentrum der runden Komposition, der die Schöpfung Evas aus der Rippe des schlafenden Adams zeigt.

Endzeitbilder: Die Getty-Apokalypse

Auch die berühmte Getty-Apokalypse zog uns in ihren Bann. Mit ihren fesselnden Miniaturen, die die außergewöhnlichen Erzählungen der Offenbarung des Johannes visualisieren, gehört sie zu den Höhepunkten der englischen Buchmalerei des 13. Jahrhunderts. Die Darstellungen stehen ganz in der Tradition der englischen Gotik, mit grazilen Figuren und herrlich lebendigen Szenen, die die erzählerische Wucht der endzeitlichen Apokalypse meisterlich vor Augen führen.

An dieser Stelle der Ausstellung ging es nicht mehr um Bilder der Schöpfung, sondern um die Frage, ob nach christlicher Vorstellung auch das „Böse“ Teil von Gottes Schöpfung ist. Im europäischen Mittelalter wurde dies weithin verneint. Das „Böse“ galt vielmehr als Resultat des freien Willens der Menschen und Engel. Es gab aber auch Gegenpositionen, die die Bibeltexte so auslegten, dass auch das „Böse“ beziehungsweise der Teufel/Satan von Gott geschaffen wurden. In jedem Fall galt es, die Herausforderung zu meistern, stets das „Gute“ zu wählen, um am Tag des Jüngsten Gerichts zu den „gerechten Seelen“ zu gehören, die das himmlische Reich Gottes betreten dürfen. In der Offenbarung des Johannes, auch Apokalypse genannt, geht es um jene Endzeit und darum, wie sie sich über verschiedene Zeichen ankündigt – darunter etwa die vier Apokalyptischen Reiter.

Schöpfung, Sünde und das Jüngste Gericht in den Buchschätzen des Getty Museums

Das Stammheimer Missale und die Getty-Apokalypse wurden zusammen mit einigen weiteren bedeutenden und wunderschön illuminierten Handschriften präsentiert. In der Abbey Bible aus Italien war ein weiterer Schöpfungszyklus zu bewundern, der die einzelnen Szenen wiederum in einer schmuckvollen Kette aus Medaillons zeigt. In der ausgestellten armenischen Bibel werden Medaillons mit narrativen Szenen der Geschichte Adams und Evas auf einer goldleuchtenden Bildseite miteinander verknüpft.

Weitere dramatische Bilder der Endzeit waren in einer reich illuminierten, spätmittelalterlichen Handschrift zum Leben Christi zu sehen. Das von Engeln und Menschen gewählte „Böse“ und das Thema Sünde brachten uns faszinierende Miniaturen des Engelsturzes, von Kains Mord an seinem Bruder Abel und weibliche Personifikationen des Hasses, des Bösen, der Niedertracht und der Gier näher.

Damit bot die Ausstellung eine fesselnde Schau einiger kostbarer Kleinodien der bedeutenden Handschriftensammlung des Getty Museums im Zusammenspiel mit den großartigen Gemälden von Harmonia Rosales und damit ein sehr besonderes Kunsterlebnis. Das Getty ist aber auch darüber hinaus mit seinem breiten Angebot jederzeit einen Besuch wert, den Sie sich bei Ihrem nächsten LA-Aufenthalt nicht entgehen lassen sollten!

Weitere Handschriften des Getty Museums als Faksimiles