DAS TACUINUM SANITATIS: EIN LOMBARDISCHES PANORAMA MIT GANZHEITLICHEN GESUNDHEITSTIPPS

Zum Faksimile
Ein aristokratisches Paar in kräftig kolorierten Gewändern flankiert einen Apfelbaum von geradezu perfektem Wuchs. Seine grüne Krone trägt eine satte Ernte. Während der Mann in Blau die großen, roten Äpfel mit einem langen Holzstab von dem auslandenden Baum schüttelt, beobachtet die Frau in Rot das Geschehen, hat aber bereits einen Korb zum Einsammeln der am Boden liegenden Früchte parat.
Was aber hat eine romantische Apfelernte in einem mittelalterlichen Gesundheitsratgeber zu suchen? Das erfahren Sie im folgenden Artikel.

Zum Faksimile
Ein Apfel am Tag vertreibt Krankheit und Plag
Pflanzenbücher und medizinische Traktate gehören zur mittelalterlichen Buchkultur wie Bibeln und Stundenbücher. Die Gesundheit der Menschen war nicht zuletzt abhängig von ihrer Ernährung und Heilmitteln, die vor allem aus pflanzlichen, aber auch tierischen Ressourcen gewonnen wurden. Chirurgische Eingriffe waren aufgrund der hohen Risiken, die mit ihnen einhergingen, eher das äußerste Mittel. So ist es wenig verwunderlich, dass etliche Handschriften rund um die menschliche Gesundheit und Heilung von Krankheiten erhalten sind, in denen es vorrangig um Empfehlungen für einen gesundheitsfördernden Lebensstil geht. Unter den illuminierten Heilkunden sticht ein Werk, aus dem sich Ende des 14. Jahrhunderts im lombardischen Norditalien ein ganz eigenes Genre entwickelte, besonders heraus: das Tacuinum Sanitatis.
Ein gesundheitsfördernder Lebensstil galt bereits im Mittelalter als Grundlage für die körperliche und mentale Gesundheit
Tacuinum Sanitatis: Miniaturen für das ganzheitliche Wohlbefinden

Zum Faksimile
Im Tacuinum Sanitatis, das auch als Theatrum Sanitatis bekannt ist, dominiert keine medizinische Abhandlung die Seiten, sondern große, gerahmte Miniaturen, die in den meisten der heute noch erhaltenen zehn Handschriften des Werks beinahe ganzseitig sind. Jede Miniatur zeigt eine Pflanze, ein Tier oder einen anderen Gesundheitsfaktor, der auf das Wohlbefinden des Menschen Einfluss hat – und das meist eingebunden in eine Szene, die eine damit assoziierte, zeittypische Handlung darstellt. Hierunter fallen etwa Anis, Feigen und Hirse, Enten, Eingeweide und Eier sowie die unterschiedlichen Jahreszeiten, Aktivitäten wie Singen und Fechten, aber auch Getränke und Winde. Die Wirkungen der einzelnen Dinge auf den Körper und der empfohlene Umgang mit ihnen wird in knappen, stichpunktartigen Bildunterschriften dargelegt. Um welchen Gesundheitsfaktor es geht, wird jeweils durch bezeichnende Überschriften konkretisiert.

Zum Faksimile

Zum Faksimile

Zum Faksimile

Zum Faksimile

Zum Faksimile

Zum Faksimile

Zum Faksimile

Erfahren Sie mehr
Beispiel: Saure Äpfel gegen Herzleiden
In der Wiener Tacuinum-Handschrift, aus der die eingangs beschriebene Miniatur stammt, werden zwei Apfelsorten aufgeführt: süße und saure Äpfel. Die hier abgebildete saure Variante – Mala acetosa – hat dem Text nach eine kalte und trockene Komplexion im 2. Grad und soll bei Herzleiden helfen, wobei jene aus Pontus vorzuziehen seien. Allerdings könnten sie zugleich den Gelenken und Nerven schaden, weshalb ihr Konsum zusammen mit zitronenfarbenem Wein empfohlen wird, der diesen Schaden abwenden soll. Die sauren Äpfel seien zudem besonders zuträglich für Menschen mit phlegmatischem oder cholerischem Temperament, für Jugendliche, im Sommer und in südlichen Gegenden.

Zum Faksimile

Zum Faksimile
Einzigartige Einblicke in die Lebenswelt des späten Mittelalters

Zum Faksimile

Zum Faksimile

Zum Faksimile
Die großen und zahlreichen Miniaturen der erhaltenen Tacuina Sanitatis eröffnen ein fesselndes Panorama des Lebens im Italien des ausgehenden Mittelalters und entfalten dabei eine ganz eigene Ästhetik. Während die Texte Einblicke in die Gesundheitslehre der Zeit bieten, zeigen die Miniaturen Kulturtechniken, Mode, Nahrungsmittel, Kommunikation und vieles mehr. Der propagierte Lebensstil mit Tätigkeiten wie Weinverkostungen, Fechten und Musizieren und einer breiten Palette an Nahrungs- und Genussmitteln lässt dabei vor allem Rückschlüsse auf den Alltag der Aristokratie, aber auch auf die bäuerliche Feld- und Gartenwirtschaft zu.
Die Miniaturen führen die paradiesischen Zustände vor Augen, die sich von idealer Herrschaft erhofft wurden
Die Handschriften sind allerdings auch im Kontext von Hungersnöten, Krieg und Pestwellen zu sehen, die die Region heimsuchten. Die Bilder zeigen reiche Ernten und gesunde, kraftvolle Menschen verschiedener Stände. Damit spiegeln sie nicht nur eine Idealvorstellung von der Natur und der Verpflegung der Bevölkerung wider, sondern auch das Resultat idealer Herrschaft. So führten sie ihren adeligen Besitzenden und Nutzenden die paradiesischen Zustände vor Augen, von denen sie und ihre Untertanen ansonsten nur träumen konnten.

Zum Faksimile

Erfahren Sie mehr
Von Bagdad über Sizilien nach Mailand

Zum Faksimile
Die Ursprünge des Tacuinum Sanitatis liegen in Bagdad, wo der arabische Hofarzt Ibn Butlan im 11. Jahrhundert ein umfangreiches, tabellarisches Übersichtswerk schuf, das die Auswirkungen von 280 Gesundheitsfaktoren auf den menschlichen Körper und daran angepasste Konsumempfehlungen zusammenführt. Dieses taqwim as-sihha gelangte zwei Jahrhunderte später über Sizilien nach Europa. Dort wurde es am Hof König Manfreds in Palermo ins Lateinische übersetzt und in der Folge weithin rezipiert. Bis in die Neuzeit blieb die ursprüngliche Tabellenform des Werks auch in vielen lateinischen Handschriften erhalten.
Die aufwändige und kostspielige Illumination und damit einhergehende Kürzung des Textes ist eine Sonderentwicklung der Lombardei, die wahrscheinlich vom Visconti-Hof in Mailand ausging. Dort wurde das Werk in der berühmten Historia Plantarum, der Medizinischen Enzyklopädie für Kaiser Wenzel, verarbeitet und erstmals bebildert. Für die eindrucksvolle Illumination der Handschrift war möglicherweise Giovannino de’ Grassis Werkstatt verantwortlich. Die Buchmaler*innen legten damit den Grundstein für die illuminierten Tacuina, deren Miniaturen zu großen Teilen auf diese Handschrift zurückgehen.

Zum Faksimile

Zum Faksimile

Zum Faksimile

Zum Faksimile

Erfahren Sie mehr
Ibn Butlans Werk verbreitete sich im spätmittelalterlichen Europa in zahlreichen illuminierten und nicht illuminierten Monografien, Sammelhandschriften und Kompilationen

Zum Faksimile

Zum Faksimile

Zum Faksimile

Zum Faksimile

Zum Faksimile
Von Norditalien aus verbreitete sich das neue Genre alsbald in die angrenzenden Regionen und wurde vielfach weiterverarbeitet. Manchmal wurden Teile des Werks in Sammelhandschriften untergebracht und mit anderen Schriften kombiniert. So enthält etwa der Codex C-67 aus der Biblioteca Universitaria de Granada eine Kompilation aus dem Tacuinum Sanitatis und Thomas von Cantimprés (1201–1272) deutlich älterem Liber de natura rerum, der weniger ein medizinischer Ratgeber und vielmehr eine enzyklopädische, moralisierende Naturkunde mit eingestreuten medizinischen Hinweisen ist. So ergänzen sich beide Texte in dieser wunderbar illuminierten Handschrift.

Erfahren Sie mehr
Schon damals galt: Vorsorge ist besser als Nachsorge

Zum Faksimile
Ibn Butlans Werk und seine lateinischen Nachfolger stehen ganz im Zeichen der Prävention. Krankheiten sollten durch einen gesundheitsfördernden Lebensstil vorgebeugt werden. Es geht weniger um die Behandlung akuter Beschwerden als um die Aufrechterhaltung und Optimierung der Gesundheit und des Wohlbefindens. Dabei wurde ganzheitlich gedacht – Körper und Psyche wurden als eng verwoben aufgefasst, weshalb neben Nahrungsmitteln wie Äpfeln auch Gesundheitsfaktoren wie Schlaf und gute Gespräche aufgeführt werden.
Grundlage war die antike Theorie von den vier Körpersäften und den vier Temperamenten, auch Humoralpathologie genannt, die von der frühmittelalterlichen, persischen Lehre von den sex res non naturales oder sechs nicht natürlichen Dingen ergänzt wird. Während sich erstere mit der inhärenten Konstitution des menschlichen Körpers beschäftigt, geht es in letzterer um körperliche Vorgänge wie die Verdauung oder den Schlaf sowie um äußere Einflussfaktoren wie die Nahrung oder das Klima. Beide Lehren vereint die Vorstellung, dass Gesundheit ein Zustand ist, der durch die Harmonisierung und das Gleichgewicht aller Faktoren zu erreichen ist.
Dies war auch das Ziel der Tacuina Sanitatis, deren Empfehlungen jedoch nur für Adelige mit viel Freizeit und wohlgefülltem Geldbeutel zu erfüllen waren. So wird ein gesunder Lebensstil hier schließlich zu einem Distinktionsmittel der herrschenden Klasse, die die Handschriften in Auftrag gab. Dennoch geben diese wunderbaren Handschriften einen unvergleichlichen Einblick in die Lebenswelt verschiedener Stände und Berufsgruppen im späten Mittelalter und sind damit eine unerschöpfliche Quelle spannender Erkenntnisse, die zugleich mit ihrer farbenfrohen Ästhetik besticht.

Erfahren Sie mehr













