Leonardo da Vincis Aufzeichnungen

Die Skizzen- und Notizbücher Leonardo da Vincis umfassen Tausende von Seiten, die einen faszinierenden Einblick in den Geist des Universalgenies geben. Zeit seines Lebens hielt Leonardo seine Ideen, Notizen und Skizzen in Büchern fest, teilweise auch auf losen Blättern, die erst nach seinem Tod in feste Einbände zusammengefasst wurden. Heute zählen diese Handschriften zu den begehrtesten Codizes der Welt. So bezahlte Bill Gates 1994 bei einer Auktion 30,8 Millionen US-Dollar für den Codex Leicester (früher Codex Hammer) und machte es zum teuersten Manuskript aller Zeiten.

In der atemberaubenden Vielfalt der Einträge stechen besonders die Studien zu seinen großen Meisterwerken hervor, die das Nachvollziehen des künstlerischen Schaffensprozesses ermöglichten und so wegbereitend waren für das Heranwachsen der nachfolgenden Künstlergeneration. Es gibt kaum ein Thema in Kunst oder Wissenschaft, dem da Vinci auf diesen Seiten nicht sein kreatives Genie widmete. Die Aufzeichnungen sind Zeugnisse seiner Fähigkeiten als Künstler, Naturforscher, Anatom, Ingenieur, Astronom und vielem mehr. In ihnen finden sich praktische Erfindungen aus den verschiedensten Bereichen, darunter Konstruktionen zur Nutzung der Wasserkraft oder fantasievolle Flugmaschinen. Zwischen hochtrabende Gedankenflüge mischt sich aber auch Profanes wie Einkaufslisten oder Reisebeschreibungen, angereichert mit alltäglichen Beobachtungen, Scherzen und sogar Witzen. Heute werden Leonardos Notizbücher in den renommiertesten Museen und Privatsammlungen der Welt aufbewahrt.

Korpus der anatomischen Studien

Gefäßsystem nach Galen

Diese Skizze des berühmtesten Universalgelehrtesten der Welt ist eine von unzähligen Studien über den menschlichen Körper von Leonardo da Vinci, in Verbindung mit seiner charakteristischen Spiegelschrift. Die Figur ist ein muskulöser Mann mittleren Alters mit einer Glatze und tiefen, durchdringenden Augen, um uns an seine Menschlichkeit zu erinnern, während wir ihn sezieren. Es ist ein bemerkenswert auffälliges und kraftvolles Porträt für eine so einfache Skizze.
 
Galen war im 2. Jahrhundert ein griechischer Arzt im Römischen Reich und die größte medizinische Autorität der Antike. Seine Lehren blieben während des gesamten Mittelalters das Rückgrat des medizinischen Curriculums. Griechisch-römische kulturelle Tabus gegen die Sektion bedeuteten jedoch, dass er viele Aspekte der menschlichen Anatomie nicht kannte, daher das schöne, aber immer noch fehlerhafte Gefäßsystem, das Leonardo hier dargestellt hat.

Das Genie Leonardo da Vincis (1452-1519) wurde in den vielen Tage- und Skizzenbüchern bewahrt, die bis heute erhalten geblieben sind. Insgesamt umfassen die da Vinci-Notizbücher 13.000 Seiten mit Notizen und Zeichnungen, die das gesamte Spektrum von Kunst und Wissenschaft abdecken. Sie sind auch mit Leonardos Beobachtungen aus dem Alltag und von Reisen durch das Europa der Renaissance gefüllt. 

Einige wurden in kleinen Taschennotizbüchern verfasst, die man zusammenbinden und am Körper tragen konnte, doch die meisten sind Kompendien loser Papiere, die posthum von Francesco Melzi (1491-1570), der sowohl Lehrling als auch Erbe des großen Universalgelehrten war, zusammengetragen wurden. So wie Melzi sich im Leben um den gealterten Leonardo kümmerte, so sorgte er im Tod für das Vermächtnis seines Meisters, indem er seinen Berg von Notizen und Skizzen konservierte. 

Heute befinden sich diese Manuskripte in einigen der renommiertesten öffentlichen und privaten Sammlungen auf der ganzen Welt. Die Notizbücher von Leonardo da Vinci bieten nicht nur große Einblicke in das Leben des berühmtesten Renaissance-Mannes der Geschichte, sondern stellen Artefakte von enormem Wert für die Kunstgeschichte, Technik, Mathematik, Anatomie (Mensch und Tier) und verschiedene andere Forschungsgebiete dar.

Eine der kurioseren Eigenschaften der da Vinci-Notizbücher ist die Tatsache, dass sie in sogenannter "Spiegelschrift" verfasst wurden. Dafür werden die Buchstaben umgekehrt geformt, so dass sie normal erscheinen, wenn sie in einem Spiegel reflektiert werden. Ob sie nun als primitive Form der Chiffrierung dient oder das Wort AMBULANCE normal in einem Rückspiegel erscheinen lässt - sie wird seit Jahrhunderten kontinuierlich verwendet. Leonardo machte trotzdem deutlich, dass er beabsichtigte, seine persönlichen Aufzeichnungen eines Tages kollektiv zu veröffentlichen. Weshalb dies nicht realisiert wurde, ist bis heute unbekannt. 

Die Erklärung für die Spiegelschrift ist dagegen recht simpel: Der Universalgelehrte war Linkshänder und benutzte die Spiegelschrift aus Bequemlichkeit, weil es für seine Hand einfacher war, von rechts nach links zu schreiben. Darüber hinaus sind die Texte mit Kurzschrift und Symbolen gefüllt, die die Distanz zwischen Leonardos Genie und dem Blatt vor ihm vermindern sollten. Die da Vinci-Notizbücher sind mit vielen interessanten Merkwürdigkeiten angereichert, die die Faszination für das Innenleben der größten Geister der Renaissance noch verstärken.

In den letzten Jahrhunderten haben sich die angesehensten Bibliotheken der Welt die da Vinci -Notizbücher angeeignet - nicht nur aufgrund des Ansehens, die sie den besitzenden Institutionen einbringen, sondern auch wegen der Möglichkeiten, die sie den Forschenden bieten. Natürlich sind dabei gerade die italienischen Sammlungen in Turin, Florenz, Venedig und Mailand von höchster Qualität und decken die ganze Bandbreite von Leonardos Karriere ab. Nur knapp dahinter rangieren sowohl die British Library als auch das Victoria and Albert Museum sowie die Königliche Bibliothek im Schloss Windsor mit ihren ausgezeichneten Sammlungen. Sie stammen zumeist aus privaten Erwerbungen, die später dem Staat geschenkt wurden, und umfassen insbesondere umfangreiche Studien der menschlichen Anatomie

Die herausragende 12-bändige Sammlung des Institut de France zählt zudem fast 2.000 Seiten, die Napoleon als Kriegsbeute von seinem Italienfeldzug in den Jahren 1796/97 nach Paris brachte. Die umfangreiche Sammlung beinhaltet sowohl praktische als auch theoretische Themen, die von der Mathematik über die verschiedenen technischen Aspekte der Malerei bis hin zu Entwürfen für einen Pseudo-Hubschrauber reichen. Weitere bemerkenswerte Sammlungen befinden sich in der Biblioteca Nacional de España in Madrid, die sich insbesondere auf Architektur und Ingenieurswesen konzentriert, und im Metropolitan Museum of Art in New York City. Das kreative Genie des italienischen Universalgelehrten besitzt offensichtlich eine weit verbreitete Anziehungskraft, die die Neugierde von Menschen auf der ganzen Welt weckt.

Leonardo da Vinci schuf einige der ikonischsten Gemälde der Renaissance, darunter einige der wertvollsten Kunstwerke, die je versteigert wurden. Diese Meisterwerke begannen als bloße Skizzen. Sie entstanden nicht in einer einzigen Sitzung und auch nicht auf einer einzigen Leinwand, sondern sind das Ergebnis unzähliger Versuche, die immer wieder als unzureichend erachtet und entweder verschrottet, übermalt oder ganz verworfen wurden. Die da Vinci-Notizbücher stellen eine einzigartige Innenansicht dieses Prozesses von einem der größten Genies aller Zeiten dar, denn sie sind voll von rohen Skizzen und fortgeschritteneren Studien, die sich später zu einigen der berühmtesten Werke der westlichen Kunst entwickelten. 

Man kann die Entstehung von Gemälden wie Das letzte Abendmahl, Die Schlacht von Anghiari, Die Felsgrottenmadonna, Die Anbetung der Könige und Anna Selbdritt in den Studien verfolgen. Obwohl es sich bei diesen nur um Skizzen handelt, enthüllen sie die zugrunde liegenden Strukturen, die Leonardos Gemälde zu den Meisterwerken machten, die sie sind

Generationen von Künstlern wurden von Leonardo da Vinci beeinflusst, vor allem dank seiner weit verbreiteten Notizbücher und künstlerischen Abhandlungen. Leonardo selbst glaubte, dass die Malerei die höchste aller Künste sei. Sein Libro di pittura beziehungsweise Traktat der Malerei wurde auf seinen Wunsch hin von seinem Lehrling Francesco Melzi zusammengestellt. Es handelt sich um ein umfangreiches Werk, das fast alle technischen Aspekte der Malerei und verschiedene Theorien der künstlerischen Komposition abdeckt. Erstmals 1651 veröffentlicht, hat es seitdem einen enormen Einfluss auf westliche Künstler ausgeübt und gilt heute als das wichtigste theoretische Werk der Kunstgeschichte. Die natürliche Darstellung des menschlichen Körpers galt in der Renaissance als eine der größten Errungenschaften eines Künstlers, weshalb sich auch Leonardo ausgiebig mit diesem Thema auseinandersetzte. 

Ein Kompendium von 400 solcher Zeichnungen aus der Königlichen Bibliothek von Windsor Castle wurde zu dem entsprechend benannten Korpus der Anatomischen Studien zusammengestellt. Sie sind gleichermaßen kunstvoll und präzise und reichen von Ganzkörperdarstellungen der menschlichen Gestalt bis hin zu detaillierten Untersuchungen der Blutgefäße, Organe, Sehnen usw. Insbesondere Hände und Füße werden genau untersucht. Diese Schaubilder werden im weiteren Verlauf des Manuskripts praktisch auf Studien von berühmten Gemälden wie Die Felsgrottenmadonna und Das letzte Abendmahl angewandt. Generationen von Künstlern wurden von Leonardos intensiver Auseinandersetzung mit den verschiedenen Techniken, die er einsetzte, inspiriert.

Abgesehen von dem menschlichen Körper war die genaue Darstellung von Tieren und der Natur im Allgemeinen von enormer Bedeutung für jemanden, der wirklich vollkommene künstlerische Werke schaffen wollte. In Leonardos Augen war die Natur ein faszinierender, unendlicher Kosmos voller Inspirationsquellen, wie zwei herrliche Konvolute aus der Königlichen Bibliothek von Windsor Castle belegen. Leonardos wohl herausragendsten Studien über das Aussehen und die Verhaltensweisen zahlreicher Tiere finden sich in den Cavalli e altri animali beziehungsweise Pferde und andere Tiere, die auch zahlreiche Skizzen für berühmte Werke wie Die Schlacht von Anghiari enthalten. 

All diese kunstvoll, fast schon heroisch dargestellten Tiere brauchten eine würdige Kulisse. Die Kunst, eine solche Kulisse zu schaffen, wird in den Paesaggi, piante e studi d'acqua beziehungsweise Landschafts- Pflanzen- und Gewässerstudien von Leonardo da Vinci veranschaulicht. Sie demonstrieren sowohl Leonardos Fähigkeiten als begnadeter Zeichner als auch seinen aufmerksamen Blick als Proto-Naturforscher. Es finden sich hierin neben Pflanzenstudien für Werke wie Leda mit dem Schwan auch Studien verschiedener Gewässer, um Wellen und andere Naturphänomene naturalistisch darzustellen.

Da Vinci lebte in einer arbeitsintensiven Welt und hatte eine Vision von Maschinen, die den Menschen ihre Mühsal verringern könnten. Fortschritte in der Agrartechnik, wie z.B. der Stahlpflug, und fortschrittlichere Methoden der Fruchtfolge hatten bereits im Mittelalter die landwirtschaftliche Produktivität erhöht und einen Arbeitskräfteüberschuss geschaffen, der den Aufstieg der Städte und die Handelswirtschaft des frühneuzeitlichen Europas beflügelte. Leonardo reflektierte diese Entwicklungen und richtete seinen Blick dabei gen Zukunft. 

Eine der größten Fundgruben seiner mechanischen Studien ist der Codex Arundel, der mit Theorien zur Geometrie und vielen praktischen Entwürfen für Maschinen, darunter ein U-Boot, gefüllt ist. Man könnte ihn daher als einen Propheten des modernen mechanischen Zeitalters bezeichnen. Leonardo war ein Ingenieur, der vom Fliegen träumte

Im Gegensatz zu den meisten da Vinci-Notizbüchern, bei denen es sich um Kompendien handelt, die nach seinem Tod zusammengestellt wurden, oder um Tagebücher, die seine spontanen Ideen enthalten, konzentriert sich der Codex über den Flug der Vögel auf ein einziges Thema. Er begann mit der Untersuchung der von Natur aus flugfähigen Vögel und schuf damit einige der frühesten Studien ihrer Anatomie und Bewegungen. Leonardo entwarf dann seine berühmten Flugmaschinen, von denen er einige (erfolglos) auf einem Hügel in der Nähe von Florenz testete. Seine Ideen waren seiner Zeit um Jahrhunderte voraus, und einige seiner Entwürfe hätten vielleicht funktioniert, wenn nur eine ausreichende Energiequelle zur Verfügung gestanden hätte.

Es ist kaum vorstellbar, dass sich ein Genie wie Leonardo da Vinci in irgendeiner Weise als unzulänglich empfinden würde, aber einer der typischsten Charakterzüge des erfolgreichen Universalgelehrten ist ein ebensolches Gefühl der Unzulänglichkeit. Der Codex Trivulzianus ist Ausdruck seines Wunsches, seine Kenntnisse der italienischen Sprache zu verbessern. Offenbar war Leonardos literarische Erziehung der einzige Aspekt seiner Bildung, der ihm fehlte. Daher finden sich im Text verschiedene Wortlisten mit Vokabeln. 

Darüber hinaus findet man unter anderem architektonische Pläne sowohl religiöser als auch militärischer Art, Kriegsmaschinen und eine genaue Darstellung einer Sonnenfinsternis. Der Codex Trivulzianus befindet sich heute in der Bibliothek des Castello Sforzesco, einer der größten Zitadellen Europas, die bis heute ein Architekturdenkmal ist.

Anstelle loser Seiten, die später entweder von Leonardo selbst oder seinem Lehrling und Erben Francesco Melzi zusammengetragen wurden, bestehen die sogenannten Forster Codices aus fünf Taschennotizbüchern aus den Jahren 1493-1505, die inzwischen zu drei Codices komprimiert wurden. Als solche bieten sie eine Chronologie der Überlegungen Leonardos, so wie sie ihm während der drei darin festgehaltenen Zeitabschnitte in den Sinn kamen. 

Gemeinsam stellen sie einen Reisebericht voller Witze und Scherze dar und enthalten darüber hinaus einige Studien über Pferde und insbesondere verschiedene Reiterstatuen. Der heutige Name der Sammlung geht auf den Engländer John Forster zurück, der die außergewöhnlichen Manuskripte 1876 dem Victoria and Albert Museum vermachte.

Mit zwölf Bänden und über 1.100 Blättern besitzt die Biblioteca Ambrosiana in Mailand eine der größten Sammlungen von da Vincis Skizzen und Notizen, die im späten 16. Jahrhundert zusammengestellt wurden. Im Zuge der Eroberung Mailands durch Napoleon im Jahr 1796 wurde der Codex Atlanticus zunächst beschlagnahmt. Nach dem Krieg wurde er jedoch im Gegensatz zu anderen geraubten da Vinci-Manuskripten, die in Paris verblieben, zurückgegeben. Seinen Namen hat dieses Konvolut aufgrund seiner großformatigen Papierbögen, die ursprünglich für Atlanten vorgesehen waren. 

Es überrascht nicht, dass die Sammlung ein breites Spektrum an Themen von Mathematik bis Botanik abdeckt und zahlreiche interessante Entwürfe für mechanische Erfindungen enthält. Darunter finden sich beispielsweise Entwürfe für Befestigungen und Waffen wie Fallschirme oder eine Riesenarmbrust, aber auch Wasserräder, archimedische Schrauben und ein Flaschenzug mit einem massiven, beschwerten Rad. Das vielleicht faszinierendste sind jedoch einige von Leonardos Entwürfen für Flugmaschinen, die hier ebenfalls zu finden sind.

Ein besonders schönes da-Vinci-Notizbuch befand sich einst in Holkham Hall, der Residenz der Grafen von Leicester. Der so genannte Codex Leicester wurde 1717 von Thomas Coke (1697-1759), dem ersten Earl of Leicester, und einem prominenten Kunstmäzen im georgianischen England erworben. Sein größter Auftrag war der Bau der Holkham Hall, die fünf Jahre nach seinem Tod fertiggestellt wurde und als eines der reinsten Beispiele des palladianischen Stils gilt. Nachdem der Codex 1980 von dem amerikanischen Ölmagnaten Armand Hammer erworben wurde, wurde er kurz als "Codex Hammer" bezeichnet, befindet sich aber seit 1994 in der Privatsammlung von Bill Gates, der ihn bei einer Auktion für 30.802.500 USD ersteigerte. 

Leonardo beschäftigte sich auf diesen Seiten mit Kosmologie, Geometrie und Meteorologie sowie insbesondere mit dem Element Wasser und seinen Bewegungen. Die Studien werden praktisch auf die Erosion durch Flüsse und den Bau von Brücken angewandt und durch verschiedene Zeichnungen und Diagramme ergänzt. Darüber hinaus befasst sich der Codex Leicester mit der Leuchtkraft des Mondes und untersucht das Phänomen des Planetenscheins ein Jahrhundert bevor es von Johannes Kepler nachgewiesen werden konnte. So ist es kein Wunder, dass sich ein Titan des Computerzeitalters dazu verleiten ließ, ein solches Artefakt aus der Geschichte der Wissenschaft und eines der teuersten Privatbücher der Welt zu erwerben.