Nimbus, Mandorla und Aureole

Von der überraschenden Vielfalt und den Bedeutungen von Heiligenscheinen in der Kunst
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Der Schimmer der Heiligkeit – Nimben in der christlichen Kunst

In mittelalterlichen Bildern erscheinen Heilige meist mit Nimben, die ihre Köpfe hinterfangen. Das lateinische Wort „nimbus“ bedeutet „Wolke“ – allerdings ist der Heiligenschein keineswegs eine Schlechtwetterwolke, sondern vielmehr eine diffuse Lichterscheinung, ein göttliches Leuchten aus dem Inneren der heiligen Figuren.

Der Nimbus, auch Glorie oder Gloriole genannt, ist keine christliche Erfindung. Als zeichenhaftes Attribut der Heiligkeit und göttlichen Gnade wurde er in frühchristlichen Darstellungen aus der hellenistisch-römischen Tradition übernommen, in der Gottheiten ebenfalls mit einer schematischen, kreisrunden Fläche hinter ihrem Haupt ausgezeichnet wurden.

Zunächst war der Heiligenschein dementsprechend Christus vorbehalten, was sich jedoch im Mittelalter änderte. So wurden zunehmend nicht nur Heilige wie Propheten, sondern auch Engel sowie symbolische und allegorische Gestalten, etwa das Lamm Gottes oder die Taube des Heiligen Geistes, mit Nimben ausgestattet. Selbst Päpste, Bischöfe, Äbte, Kaiser und weltliche Stifter erhielten im Laufe des Mittelalters immer wieder Glorien.

Farbige Akzente und ornamentaler Schmuck

Wie wir sehen werden, brachte die stetige und vermehrte Darstellung von Nimben diverse Gestaltungsmöglichkeiten des Lichtphänomens hervor. Es entwickelten sich vor allem im späteren Mittelalter unterschiedlichste Formen und Varianten des klassischen goldenen Diskus. Dieser musste jedoch nicht zwingend goldfarben sein. Bereits in der Antike setzte man verschiedene Farben zur personalen oder auch hierarchischen Differenzierung ein.

Diese Tradition wurde übernommen und fand bis ins hohe Mittelalter Verwendung, wie das Goslarer Evangeliar zeigt. Während die Heiligen Drei Könige hier jeweils eine eigene Farbe zugeordnet bekommen, sind Maria und Jesus entsprechend ihrer Heiligkeit mit goldenen Nimben ausgestattet. Auch wenn andere Töne genutzt wurden, blieb Gold als die Farbe der Sonne hierarchisch die höchste Farbe – seine Ersatzfarben Gelb und Rot miteingeschlossen.

Ganz im Gegensatz dazu, wurde der Nimbus des Verräters Judas im Trecento teilweise schwarz dargestellt.

Gerne betonten mittelalterliche Künstler die Glorien auch durch teilweise plastisch gestaltete Ornamentierungen, wie das Detail aus dem Berthold-Sakramentar zeigt, oder schmückten sie mit einem verzierten Rand. So umfangen etwa rote Bänder mit weißen Perlen die goldleuchtenden Nimben der Evangelisten, ihrer Symbole und Christi im Godescalc-Evangelistar.

Nimbus-Varianten und ihre vielfältigen Formen

Neben dem weit verbreiteten und lange vorwiegenden Scheibennimbus, der als runder Diskus die Köpfe der Heiligen rahmt, entwickelten sich diverse Varianten dieser Urform.

Die wohl wichtigste Abwandlung ist der Kreuznimbus, der zur Auszeichnung der Dreifaltigkeit und der Unterscheidung der nicht göttlichen Heiligen, Würdenträger und Engel dient. Er ist somit Gottvater und der Hand Gottes, Christus und dem Gotteslamm sowie der Heiliggeisttaube vorbehalten.

Gottvater allein konnte zudem mit einem dreieckigen Heiligenschein ausgestattet werden.

Rechteckige Nimben, wie derjenige im Egbert-Codex, wurden vorwiegend im Frühmittelalter in Bildnissen von damals noch lebenden Personen verwendet, um trotzdem die ihnen innewohnende göttliche Gnade zu repräsentieren. Es gibt allerdings auch Bildwerke, die solche Figuren mit einer runden oder gar keiner Glorie zeigen.

Eine weitere kantige Variation des Nimbus ist vieleckig und wurde im Trecento vor allem zur Auszeichnung von Personifikationen verwendet. In dem etwas später entstandenen Brevier von Martin von Aragonerhält jedoch auch eine biblische Figur einen solchen. Zu sehen ist der Tempelgang Marias. Während die spätere Gottesmutter, der Hohepriester Zacharias sowie Marias Mutter Anna mit goldenen Scheibennimben attribuiert sind, erhält Marias Vater Joachim in seiner untergeordneten Rolle einen vieleckigen Heiligenschein.

Aus dem statischen Scheibennimbus entwickelte sich – ebenfalls im Trecento und von Giotto in der Arenakapelle angestoßen – der Tellernimbus. Glorien mussten nicht länger unveränderte Scheiben hinter dem Kopf der Heiligen sein, sondern konnten nun perspektivisch verkürzt werden. Damit konnten sie schräg über den Häuptern der zugehörigen Figuren schweben und je nach Kopfhaltung unterschiedliche Positionen im Bildraum einnehmen.

Der Tellernimbus löste jedoch auch nicht das Verdeckungs-Problem: jeder voll kolorierte Heiligenschein verdeckt das hinter ihm Liegende, was insbesondere bei der Darstellung von Personengruppen herausfordernd war, aber auch den zunehmend detaillierten Szenerien Abbruch tat.

Als Lösung tat sich zum einen der Reifnimbus auf, der die Figuren in ihrer Heiligkeit nur noch subtil ausweist. Zum anderen brachte das späte Mittelalter den Strahlennimbus hervor, bei dem meist goldene Lichtstrahlen hinter dem Haupt der Figur in alle Richtungen hervortreten und das göttliche Leuchten des Heiligen deutlich verkörpern. Die Strahlen konnten in Gottesdarstellungen zudem drei Bündel bilden, die auf die Zugehörigkeit zur Dreifaltigkeit verweisen. In der Salvator-Miniatur des Stundenbuchs der Isabella von Kastilienbilden die drei Strahlenbündel außerdem lilienartige Endungen aus, die die Dreizahl besonders hervorheben.

Mandorla und Aureole

Als ganzfigurige Auren stellen die Aureole sowie die Mandorla (ital. für „Mandel“) zentrale Figuren besonders heraus. Sie können die göttliche Natur und besondere Heiligkeit Christi und Gottes ausweisen, aber auch ein Zeichen göttlichen Schutzes sein – etwa in Mariendarstellungen. So sind diese Ausprägungen der Gloriole besonders verbreitet in Bildern der thronenden Gottesmutter mit Kind sowie der Majestas Domini und ähnlichem. Anders als der Nimbus umfangen sie dabei den ganzen Körper einer Figur mit einer Lichthülle.

Die Aureole tritt als unspezifischer Lichtkranz auf, der die Figur in ihrer Gesamtheit umfängt. So scheint das göttliche Licht im Van Damme Stundenbuch aus Christus heraus zu strahlen, der als Weltenrichter auf zwei Regenbögen thront.

Bei einer Mandorla handelt es sich hingegen um eine klare geometrische Form, die die Figur hinterfängt und meist mandelförmig ist. Dabei wurde sie zunächst, wie etwa in der Kilians- und Margaretenvita, mit abgerundeten Enden dargestellt, die später vornehmlich spitz zulaufen.

Allerdings entwickelten sich auch zahlreiche Sonderformen der Mandorla. Dazu zählt unter anderem die Kreisgloriole, die zwar an einen Scheibennimbus erinnert, aber als kreisförmige Lichterscheinung die gesamte Figur einfasst.

Der Codex Caesareus Upsaliensis enthält dagegen ein wunderbares Beispiel für eine 8-förmige Mandorla, die aus zwei sich überlappenden Kreisen besteht. Sie wird im Sinne der doppelten Ausstrahlung Christi beziehungsweise Gottes gedeutet, die sich auf dessen zwei Naturen (göttlich und menschlich), aber auch auf Himmel und Erde bezieht und entwickelte sich in der touronischen Schule während der Karolingerzeit.

Hier entstand noch ein weiterer Typus: die rautenförmige Mandorla. Sie verweist auf den Kosmos als Thron Christi.

In spätbyzantinischer Zeit entwickelte sich zudem die zackenförmige Mandorla, die im Moskauer Akathistos sogar in doppelter Lage erscheint. Hinter der auffälligen roten (sonnenfarbenen) Glorie, die feuerartig aus Christus hervorgeht, verbirgt sich eine weitere dunkelblaue zackenförmige Mandorla. Gerahmt wird die eindrucksvolle Darstellung von einer weiteren blauen Aura und einem Kranz lobbringender Engel.

Im Hohen Mittelalter nutzten Künstler Mandorlen nicht nur im Sinne des heiligen Lichtphänomens und seiner verschiedenen Bedeutungsebenen, sondern auch zur Unterstützung des Bildaufbaus. So wurden die Gloriolen häufig Teil von komplizierten Rahmenprogrammen, wie beispielsweise im Stammheimer Missale. Hierbei dienen sie nicht nur zu Auszeichnung der heiligen Figuren, sondern bilden auch deren eigenen Bildraum und grenzen sie von anderen Bildelementen ab. Dabei kam nicht nur die klassische Mandorla zum Einsatz, sondern auch ihre Sonderformen wie etwa das Lorscher Evangeliarzeigt.