Im Auftrag der Ottonen: Ein außergewöhnliches Beispiel ottonischer Buchmalerei aus Fulda

Die Kilians- und Margaretenvita

Fulda (Deutschland) — Um 975

Die Kilians- und Margaretenvita

Die Kilians- und Margaretenvita

Fulda (Deutschland) — Um 975

  1. Diese Martyrologie von ca. 975 konzentriert sich auf Leben und Tod des heiligen Kilian und der heiligen Margarete von Antiochia

  2. Der Reichtum der prächtigen goldenen Miniaturen deutet darauf hin, dass es sich um einen Auftrag des ottonischen Hofes handelte

  3. Ein außergewöhnliches Werk der ottonischen Buchmalerei, entstanden in Fulda

Die Kilians- und Margaretenvita

Alternativ-Titel:
  • Kilians- und Margaretenvita
Die Kilians- und Margaretenvita – Ms. I 189 – Niedersächsische Landesbibliothek (Hannover, Deutschland)
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  1. Kurzbeschreibung
  2. Kodikologie

Kurzbeschreibung

Die hohe Bedeutung von Reliquien von Heiligen für die Menschen des Mittelalters ist bekannt. Doch auch von einem Buch, das das Leben eines Heiligen erzählte, hat man sich eine ähnliche Wirkung erhofft, wie die Schlussgebete der Heiligenviten zeigen. Die beiden Passionserzählungen dieses Büchleins berichten vom Lebensende der beiden Märtyrer Kilian und Margarethe. Kilian, ermordet 687 in Würzburg, nachdem er den Ehebruch im Herrscherhaus angeprangert hatte, und Margarethe, die bereits unter Diokletian im Antiochia des 4. Jahrhunderts ein Opfer der größten antiken Christenverfolgung geworden war. Der bedeutsame Inhalt ist so prächtig gewandet, dass davon auszugehen ist, dass der Codex im Auftrag des ottonischen Königshofes erstellt worden ist. Sein Entstehtungsort Fulda ist jedenfalls eines der führenden Skriptorien der Zeit. Die goldenen Miniaturen bebildern kreativ und sinnenfällig den Text und zeichnen sich durch ihre ausdrucksstarken Gebärden aus.

Ein kaiserlich-ottonischer Reliquienschatz

Obwohl das Manuskript I 189 in der Niedersächsischen Landesbibliothek in Hannover hinsichtlich des Umfanges (80 Seiten) und des Formates (150 x 206 mm) zu den kleinen Codices gehört, stellt es doch ein einzigartiges Zeugnis der frühmittelalterlichen Buchkunst dar. In ihm begegnen wir zum ersten Mal dem Typus des „libellus“, eines „kleinen Buches“, das dem Leben eines, in diesem Ausnahmefall zweier Heiliger gewidmet ist. Die Anfertigung solcher Handschriften einer Heiligenvita steht in engem Zusammenhang mit dem Reliquienkult, der im 10. Jh. einen Höhepunkt erlebte und nicht nur auf Kirche und Kunst, sondern auch auf Politik und Wirtschaft Einfluß nahm. Jede Kirche mußte eine Reliquie besitzen. Zusätzlich wollte man aber auch Näheres über das Leben der Heiligen erfahren, von denen man die Asche, Gebeine oder persönliche Gegenstände bewahrte. So entstanden Handschriften mit den legendenhaft ausgestalteten Biographien der Verehrten. Die Schlußgebete zeugen davon, daß den Codices die gleiche Kraft wie den Reliquien selbst zugemessen wurde.

Es sind zwei Heilige, deren Leben und Sterben in der Handschrift in Hannover in einer exakt ausgeführten karolingischen Minuskelschrift erzählt und durch zahlreiche Miniaturen illustriert wird.
Der hl. Kilian, ein irischer Bischof, hatte mit seinen Gefährten das Frankenreich missioniert. Um 680 wirkte er in Würzburg, wo er die Herrschenden mit der Sittenlehre und dem Kirchenrecht konfrontierte und damit sein Martyrium besiegelte.

Auch die hl. Margarete starb den Märtyrertod. Sie gehört zu den im Morgen- wie im Abendland am meisten verehrten Heiligen. Der Legende nach stammte sie aus Antiochia und lebte zur Zeit der größten Christenverfolgung, unter dem römischen Kaiser Diokletian (Anfang 4. Jh.). Nach ihrer Weigerung, ihrem Glauben abzuschwören, wurde sie gefoltert und schließlich enthauptet.
Sowohl die Kilians-Vita als auch die der Margarete werden an den wichtigsten Stationen von anschaulich erzählenden Miniaturen begleitet. Die flächige Auffassung, die starke Konturierung und die ausdrucksvolle Gebärdensprache weisen die Figuren in die Tradition der spätantiken Bildformulare. Zwei prächtig ausgestaltete Initialseiten stehen am Beginn der Viten. Ein breites, goldenes, eng geschlungenes Flechtband bildet die Rahmen der Anfangsworte der Passionen. In gleicher Weise gerahmt erscheint das Titelblatt zur Vita Sanctae Margaretae. Im zweigeteilten Bildfeld wird im oberen Bereich die Krönung der hl. Margarete, im unteren Teil ein Schreiber bei seiner Arbeit dargestellt.

Die Gesamtausstattung ist so qualitätvoll und aufwendig, daß der Codex im Auftrag des ottonischen Königshofes – möglicherweise sogar für den berühmten Essener Münsterschatz – angefertigt worden sein dürfte. Als Entstehungsort wird mit Fulda eines der führenden Skriptorien jener Zeit genannt. Dort hatte man in Stil und Ornamentik die spätkarolingischen Formen weitergeführt und ab 972 (Eheschließung Ottos II. mit Theophanu) in der Verbindung mit Elementen der mittelbyzantinischen Renaissance den Höhepunkt der Leistungen erreicht. In dieser Periode entstand um 975 die „Passio Kiliani et Margaretae“, eines der eindruckvollsten Zeugnisse der ottonischen Buchkunst.

Kodikologie

Alternativ-Titel
Kilians- und Margaretenvita
Umfang / Format
80 Seiten / 20,6 x 15,0 cm
Datum
Um 975
Sprache
Buchschmuck
21 Miniaturen, 2 ganzseitige Initialbuchstaben mit Flechtwerk zu Beginn der Vitae und 4 weitere Initialen

1 verfügbare Faksimile-Ausgabe(n) von „Die Kilians- und Margaretenvita“

Die Kilians- und Margaretenvita
Die Kilians- und Margaretenvita – Ms. I 189 – Niedersächsische Landesbibliothek (Hannover, Deutschland)
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Die Kilians- und Margaretenvita

Faksimile: 1 Band Vollfaksimile des gesamten Originaldokuments (siehe unten)
Verlag
Akademische Druck- u. Verlagsanstalt (ADEVA) – Graz, 1987
Limitierung
700 Exemplare
Einband
Leder. Alle Blätter sind oiginalgetreu randbeschnitten.
Kommentar
1 Band (382 Seiten) von C. Hahn, H. Himmel an W. Totok
Sprachen: Englisch, Deutsch

Kodikologische, ikonographische und kunsthistorische Einführung (in Englisch) von C. Hahn, Florida, Transkription und deutsche Übersetzung sowie theologische Einführung von H. Immel, Hannover, Vorwort von W. Totok. 382 Seiten Text, 8°.
Mehr Informationen
Möglichst detailgetreue Reproduktion des gesamten Originaldokuments (Umfang, Format, Farbigkeit). Der Einband entspricht möglicherweise nicht dem ursprünglichen oder aktuellen Dokumenteneinband. Die Blätter sind originalgetreu randbeschnitten.
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