Bestiarium Zircense

Bestiarium Zircense – National Széchényi Library / Cistercian Abbey of Zirc – Cod. Lat. 506 – Országos Széchényi Könyvtár (Budapest, Ungarn)

Ungarn — 15. Jahrhundert

Löwen, Sirenen, Schlangen und Vögel am Ende eines mächtigen mittelalterlichen Bandes: Ein ungarisches Bestiarium des 15. Jahrhunderts mit moralischer Tierkunde und der unmittelbaren Lebendigkeit alltäglicher Buchkultur

  1. Das Bestiarium nimmt die letzten 16 Seiten der zusammengesetzten Handschrift Cod. Lat. 506 aus dem 15. Jahrhundert ein

  2. Reale und fantastische Tiere werden von Hand gezeichnet und im moralischen Wissenssystem des Mittelalters gedeutet

  3. Ungarische Wörter im lateinischen Text verleihen dem Fragment besondere kultur- und sprachgeschichtliche Bedeutung

Bestiarium Zircense

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Beschreibung
Bestiarium Zircense

Das Bestiarium Zircense füllt nur die letzten 16 Seiten der umfangreichen Handschrift Cod. Lat. 506 aus dem 15. Jahrhundert und eröffnet doch eine ganze mittelalterliche Welt. Löwen, Vögel, Schlangen, Sirenen und weitere reale oder fantastische Wesen erscheinen in handgeschriebenen Texten und unmittelbaren, mitunter reizvoll unbeholfenen Zeichnungen. Die Tiere werden nicht allein naturkundlich beschrieben: Ihr Verhalten wird zum Beispiel für Tugend, Sünde, Gefahr und Erlösung. Das Werk steht in einer im 12. Jahrhundert geformten Bestiarientradition, die ihrerseits viel ältere Quellen aufnahm. Ungarische Wörter im vorwiegend lateinischen Text verleihen dem Fragment zusätzlichen sprachgeschichtlichen Wert. Gerade weil die Bilder nicht von einem höfischen Berufskünstler stammen, bewahren sie etwas besonders Kostbares: die alltägliche Buchkultur, in der überliefertes Wissen kopiert, angepasst und einprägsam gemacht wurde.

Sechzehn Seiten voller Geschöpfe

Das Bestiarium Zircense bildet die letzten 16 Seiten des Cod. Lat. 506, einer umfangreichen Sammelhandschrift des 15. Jahrhunderts aus dem früheren Besitz der Zisterzienserabtei Zirc. Auf engem Raum erscheint eine bewegte Gesellschaft aus Säugetieren, Vögeln, Reptilien und Fabelwesen. Löwen, Tauben, Schlangen und Sirenen bevölkern Seiten, auf denen Text und Zeichnung eng miteinander verbunden bleiben.

Die Bilder sind keine vollendete höfische Buchmalerei. Proportionen wirken bisweilen unbeholfen, Linien spontan – gerade darin liegt ihr historischer Reiz. Sie bewahren die Bildgewohnheiten alltäglicher Handschriftennutzung und nicht die perfektionierte Sprache luxuriöser Auftragskunst.

Natur als moralische Unterweisung

Ein mittelalterliches Bestiarium trennte Tierkunde und Theologie nicht voneinander. Das vermeintliche Verhalten der Tiere wurde als Zeichen menschlicher Lebensführung und christlicher Wahrheit gedeutet. Mut, Keuschheit, Täuschung, Auferstehung, Versuchung und Erlösung ließen sich am Löwen, Pelikan, an der Schlange oder am fantastischen Mischwesen erklären.

Der Text gehört zu einer im 12. Jahrhundert zusammengestellten Tradition, die spätantike und frühchristliche Autoritäten verarbeitete. Im 15. Jahrhundert waren manche Behauptungen bereits jahrhundertealt, blieben aber wirksam, weil sie die Natur in ein einprägsames System moralischer Beispiele verwandelten. Jedes Geschöpf konnte zur Lehre werden.

Tiere lesen, das eigene Leben lesen

Die Bestiarientradition beruht auf einer besonderen Voraussetzung: Die sichtbare Welt lässt sich lesen. Tiere besitzen Körper und Verhaltensweisen, doch diese werden zugleich als Zeichen gedeutet. Der Löwe kann Mut oder Auferstehung verkörpern, die Schlange Gefahr oder List, der Vogel geistigen Aufstieg und das Mischwesen die Unordnung der Sünde. Moderne Leser trennen häufig Tatsache und Allegorie; das mittelalterliche Buch führt beides zusammen. Naturwissen wird zu einer Methode moralischer Selbstbetrachtung.

Damit waren Bestiarien weit mehr als Sammlungen merkwürdiger Tiere. Ihre Beispiele konnten Predigt, Unterricht, Gedächtnis und persönliche Gewissenserforschung unterstützen. Eine kurze Erzählung und ein einprägsames Bild machten abstrakte Lehre konkret. Selbst wer ein langes theologisches Argument nicht behielt, konnte sich an Pelikan, Sirene oder Schlange erinnern. Die Zeichnungen gehören daher zur gedanklichen Arbeit des Textes, so bescheiden ihre Ausführung erscheinen mag.

Gerade die Unmittelbarkeit der Zirc-Bilder ist historisch kostbar. Sie verbirgt den Zeichenakt nicht hinter höfischer Vollendung. Unsichere Proportionen, kräftige Konturen und gedrängte Räume zeigen einen Hersteller, der überlieferte Beschreibungen unmittelbar in sichtbare Form zu bringen versucht. Das verleiht dem Fragment dokumentarischen Wert: Man begegnet keinem idealisierten Meisterwerk, sondern der praktischen Herstellung von Bedeutung in einem alltäglichen Handschriftenmilieu.

Die ungarischen Wörter vertiefen diese regionale Dimension. Latein verband den Band mit internationaler Gelehrsamkeit; volkssprachliche Spuren zeigen Leser zwischen verschiedenen Sprachwelten. Das Fragment macht sichtbar, wie universale christliche Deutung in eine konkrete Kultur aufgenommen wurde, in der Tiere, Moral, lateinisches Wissen und ungarische Sprache dieselben Seiten teilten.

Ein ungarisches Sprachzeugnis

Die Handschrift ist überwiegend lateinisch, enthält jedoch auch ungarische Wörter. Diese Spuren machen das Bestiarium nicht nur für Kunst- und Kulturgeschichte, sondern auch für die Geschichte der ungarischen Sprache bedeutend. Sie zeigen, wie gelehrtes lateinisches Wissen in einem mehrsprachigen Umfeld vermittelt wurde.

Das Bestiarium Zircense beeindruckt daher weniger durch Luxus als durch Unmittelbarkeit. Seine 16 dicht gefüllten Seiten zeigen, wie mittelalterliche Menschen Tiere lasen, wie Texte über Jahrhunderte wanderten und wie der Rand eines Gebrauchsbuches einen ganzen moralischen Kosmos bewahren konnte.

Kodikologie

Alternativ-Titel
Zirc Bestiary
zirci bestiárium
Herkunft
Ungarn
Datum
15. Jahrhundert
Stil
Buchschmuck
Lavierte Federzeichnungen der 36 beschriebenen Tierarten und eine Darstellung von König Salomon
Inhalt
Bestiarium
Vorbesitzer
Franziskanermönch Thomas Szobocsinai
Franziskanerkloster von Güssing
Zisterzienserabtei von Zirc

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Faksimile-Editionen

#1 Bestiarium Zircense

Details zur Faksimile-Edition:

Kommentar: 1 Band (75 S.) von Anna Boreczky
Sprache: Englisch
Faksimile: 1 Band Vollfaksimile des gesamten Originaldokuments (siehe unten) Möglichst detailgetreue Reproduktion des gesamten Originaldokuments (Umfang, Format, Farbigkeit). Der Einband entspricht möglicherweise nicht dem ursprünglichen oder aktuellen Dokumenteneinband.
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