Giulio Casseri: Tabulae Anatomicae

Giulio Casseri: Tabulae Anatomicae – Editions Medicina Rara – Med. fol. 452 – Württembergische Landesbibliothek (Stuttgart, Deutschland)

Venedig (Italien) — 1627

Anatomie als wissenschaftliches Schauspiel: 97 meisterhafte Kupferstiche führen durch den menschlichen Körper und zeigen erstmals den Circulus Willisii in prachtvoll inszenierten Landschaften

  1. Im Jahr 1627 von Daniel Bucretius in Venedig posthum mit 97 ganzseitigen Kupferstichen veröffentlicht

  2. Systematische Darstellung von Skelett, Muskeln, Nerven, Gefäßen, Gehirn und inneren Organen, ergänzt durch neun embryologische Tafeln

  3. Theatralisch bewegte Körper in Gärten und Landschaften mit der ersten anatomisch zutreffenden Darstellung des späteren Circulus Willisii

Giulio Casseri: Tabulae Anatomicae

  1. Beschreibung
  2. Faksimile-Editionen (2)
Beschreibung
Giulio Casseri: Tabulae Anatomicae

Giulio Casseris 1627 in Venedig veröffentlichte Tabulae Anatomicae führen den menschlichen Körper in 97 ganzseitigen Kupferstichen vor Augen. Knochen, Muskeln, Nerven, Gefäße, Gehirn und innere Organe werden Schicht für Schicht freigelegt und durch knappe lateinische Erläuterungen erschlossen. Die Figuren stehen dabei nicht nüchtern auf leerem Grund: Sie präsentieren ihre Präparate wie Schauspieler vor Gärten, Ruinen und weiten Landschaften. Diese Verbindung aus wissenschaftlicher Beobachtung und virtuoser Inszenierung macht den Atlas zu einem Höhepunkt frühbarocker Anatomiekunst. Besonders bedeutend sind zwei Hirntafeln, die den später nach Thomas Willis benannten arteriellen Gefäßring erstmals anatomisch überzeugend wiedergeben. Casseri hatte das Werk über Jahre vorbereitet, erlebte seine Veröffentlichung jedoch nicht mehr. Herausgeber Daniel Bucretius ergänzte die erhaltenen Platten und schuf daraus ein präzises und bildmächtiges Panorama des menschlichen Körpers.

Anatomie als großes Bildertheater

Giulio Casseri plante seit etwa 1600 einen Atlas, der den gesamten menschlichen Körper in einer geschlossenen Bildfolge erschließen sollte. Als der Paduaner Anatom 1616 starb, blieb das Unternehmen unvollendet und unveröffentlicht. Erst Daniel Bucretius brachte die Tafeln 1627 in Venedig unter dem Titel Tabulae Anatomicae heraus. So gelangte Casseris über Jahre entwickeltes anatomisches Hauptwerk erst posthum an die Öffentlichkeit.

Der Band enthält 97 ganzseitige Kupferstiche, obwohl der Titel lediglich 78 Tafeln ankündigt. Von den erhaltenen Vorlagen gingen 77 auf Casseris Projekt zurück; 20 weitere ließ Bucretius zur Vervollständigung anfertigen. Kurze lateinische Erläuterungen benennen die markierten Strukturen und machen die Bilder zu einem systematisch benutzbaren Atlas.

Der menschliche Körper Schicht für Schicht

Die Tafeln führen durch nahezu alle großen Bereiche der Anatomie. Sie zeigen Skelett und Gelenke, Muskeln und Sehnen, Nerven und Gefäße, Gehirn und Sinnesorgane sowie die Organe von Brust- und Bauchraum. Körperregionen werden in aufeinanderfolgenden Stadien freigelegt, sodass Lage, Verlauf und Zusammenwirken der Strukturen nachvollziehbar werden.

Besonders sorgfältig behandelte Casseri die Muskulatur des Rückens, des Bauches und der Gliedmaßen. Auch die inneren Organe und die Geschlechtsorgane erscheinen in ungewöhnlich klaren Ansichten. Die Bildfolge verbindet den Anspruch wissenschaftlicher Übersicht mit der genauen Beobachtung einzelner anatomischer Details.

Die erste überzeugende Darstellung des Circulus Willisii

Zu den wissenschaftlich bedeutendsten Blättern gehören zwei Darstellungen der Gefäße an der Basis des Gehirns. Gemeinsam zeigen sie den arteriellen Gefäßring, der später als Circulus Willisii bekannt wurde, erstmals anatomisch zutreffend. Thomas Willis erklärte erst Jahrzehnte später seine Funktion und klinische Bedeutung.

Die Tafeln halten nicht nur ein idealisiertes Schema fest, sondern auch eine anatomische Variante. Die Verbindung zweier aufeinanderfolgender Präparationsstufen macht sichtbar, wie genau Casseri beobachtete. Künstlerische Präzision wird hier unmittelbar zum Träger anatomischer Erkenntnis.

Körper in Gärten, Ruinen und Landschaften

Casseris Figuren stehen selten unbewegt vor neutralem Grund. Sie schreiten, wenden sich dem Betrachter zu oder heben selbst Haut, Muskeln und Organe an, um das Innere ihres Körpers zu präsentieren. Hinter ihnen öffnen sich Gärten, Rasenflächen, Ruinen und weite Landschaften. Der anatomische Körper erscheint wie ein Darsteller auf einer Bühne.

Diese Bildidee führt die Tradition von Andreas Vesalius weiter und steigert sie zu einem frühbarocken Schauspiel. Selbst tief präparierte Körper bewahren Gestik, Haltung und Persönlichkeit. Einige wirken wie Händler, Handwerker oder Bäuerinnen ihrer Zeit. Die Verbindung von Lebensnähe, theatralischer Bewegung und medizinischer Genauigkeit prägt den Atlas.

Die Tafeln werden mit dem Maler Odoardo Fialetti und dem Kupferstecher Francesco Valesio verbunden. Fein abgestufte Linien modellieren Muskeln, Gewebe und Gefäße, während die Landschaften Tiefe und Atmosphäre schaffen.

Neun Tafeln über die Entstehung des Kindes

Eine gemeinsam überlieferte Folge von neun Kupferstichen widmet sich Gebärmutter, Plazenta und Fötus. Mehrere Bilder zeigen den geöffneten weiblichen Körper; besonders berühmt ist eine Darstellung, in der sich die Bauchdecke wie Blütenblätter um das ungeborene Kind entfaltet. Wissenschaftliche Anschauung und kunstvolle Inszenierung greifen auch hier eng ineinander.

In 97 anatomischen und neun embryologischen Tafeln wird der Körper geöffnet, bewegt, erklärt und zugleich ästhetisch überhöht. Die Tabulae Anatomicae formen daraus ein machtvolles Bilderwerk zwischen Seziersaal, wissenschaftlicher Entdeckung und barocker Kunst.

Kodikologie

Alternativ-Titel
Julius Casserius: Tabulae anatomicae LXXIIX, Omnes novae nec ante hac visae Daniel Bucretius
Tabularum de formato foetu
Iulii Casserii Placentini Tabulaae Anatomicae LXXVIII et De Formato Foetu Tabulae
Herkunft
Italien
Datum
1627
Stil
Sprache
Buchschmuck
106 anatomische Tafeln
Inhalt
Illustrierte Abhandlung über die menschliche Anatomie
Künstler / Schule

Verfügbare Faksimile-Editionen:
Giulio Casseri: Tabulae Anatomicae – Editions Medicina Rara – Med. fol. 452 – Württembergische Landesbibliothek (Stuttgart, Deutschland)
Editions Medicina Rara – Stuttgart, 1965
Limitierung: 300 Exemplare

Giulio Casseri: Tabulae Anatomicae – Editions Medicina Rara – Med. fol. 452 – Württembergische Landesbibliothek (Stuttgart, Deutschland)
Editions Medicina Rara – Stuttgart, 1965
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#1 Giulio Casseri: Tabulae Anatomicae (Vorzugsausgabe)

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Einband: Schafhalbledereinband
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#2 Giulio Casseri: Tabulae Anatomicae (Normalausgabe)

Editions Medicina Rara – Stuttgart, 1965

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Einband: Halbleinen
Kommentar: 1 Band (32 S.)
Sprache: Englisch oder Deutsch
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