Liber viventium Fabariensis

Liber viventium Fabariensis – Alkuin Verlag – Cod. Fab. 1 – Stiftsarchiv St. Gallen (St. Gallen, Schweiz)

Churrätien — Erstes Viertel des 9. Jahrhunderts – 14. Jahrhundert

Das wohl bedeutendste Werk raetischer Buchkunst: Die über Jahrhunderte eingetragenen Namen von Mönchen und Wohltätern und das Schatzverzeichnis der Abtei Pfäfers eingebettet in die heiligen Worte der Evangelien

  1. Diese historisch bedeutende Handschrift wurde in Churrätien geschaffen, das Teile der heutigen Nationen Schweiz, Liechtenstein, Österreich und Italien umfasste

  2. Sie enthält ein Evangelistar, das durch verschiedene Aufzeichnungen über die Gemeinschaft der Abtei Pfäfers ergänzt wurde

  3. Die Handschrift gilt als das bedeutendste und künstlerisch wertvollste erhaltene Werk raetischer Buchkunst

Liber viventium Fabariensis

Ausgabe bei uns verfügbar!
Preiskategorie: €€
(1.000€ - 3.000€)
  1. Beschreibung
  2. Detailbild
  3. Einzelseite
  4. Faksimile-Editionen (1)
Beschreibung
Liber viventium Fabariensis

Gedenk- und Verbrüderungsbuch, Evangelistar, Schatz- und Buchverzeichnis, Kopialbuch, Archiv für Rechtstexte und Klosterregeln – all diese Funktionen vereint der faszinierende Liber viventium Fabariensis auf seinen 178 Seiten. Die im frühen 9. Jahrhundert angelegte Handschrift aus der Abtei Pfäfers im heutigen Kanton St. Gallen ist eine der bedeutendsten Quellen zur sozialen, politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Geschichte des mittelalterlichen Churrätiens. Es ist eines von nur sieben erhaltenen Verbrüderungsbüchern aus dem frühen Mittelalter und enthält das älteste Schriftzeugnis der Gemeinde Tessin. Doch es ist nicht „nur“ sein Inhalt bemerkenswert, sondern auch seine ungemein aufwendige Illumination, die als künstlerischer Höhepunkt der mittelalterlichen Buchmalerei der Region gilt und den Codex auch kunsthistorisch enorm wertvoll macht. Damit ist die kunstvolle Handschrift ein wahrlich einzigartiger Einblick in das frühe Mittelalter zwischen der romanischen Welt Südeuropas und der germanischen Welt Mittel- und Nordeuropas.

Liber viventium Fabariensis

Der Liber viventium Fabariensis ist einer der wertvollsten Buchschätze der Stiftsbibliothek St. Gallen und gilt als die künstlerisch bedeutendste Handschrift aus dem mittelalterlichen Churrätien. Diese historische Region umfasste das, was wir heute als Graubünden, den Südtiroler Vintschgau, das Sarganserland, Liechtenstein, Werdenberg, das St. Galler Rheintal und das südliche Vorarlberg kennen und war damals ein Grenzland zwischen dem romanischen und dem germanischen Europa. Der Codex beherbergt bis heute einmalige Einblicke in die frühmittelalterliche Geschichte dieser spannenden Region und der Abtei Pfäfers.

Eine Reichenauer Filiation mit eigener Strahlkraft

Die Abtei soll 731 von Mönchen aus dem Kloster Reichenau und dem später heiliggesprochenen Wanderbischof Pirmin (um 690–753) gegründet worden sein. 762 wurde die Abtei zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Das Kloster verfügte schon früh über beachtliche Ländereien, kontrollierte einen wichtigen Verkehrs- und Handelsweg und war lange Zeit neben Chur als Bischofssitz das wichtigste religiöse und kulturelle Zentrum im mittelalterlichen Churrätien. So ist es auch nicht verwunderlich, dass vermutlich einer der Mönche des Klosterskriptoriums für die beeindruckende Grundausstattung dieser frühmittelalterlichen Prachthandschrift war. Dieser legte das Buch in seiner Gesamtstruktur im ersten Viertel des 9. Jahrhunderts an.

Karolingische Buchkunst aus Churrätien

Das vorläufige Ergebnis war ein Evangelistar in vier „Blöcken“ mit unbeschriebenen Seiten zwischen den Evangelientexten. Letztere sind nicht vollständig wie in der Bibel niedergeschrieben, sondern es wurden nur diejenigen Abschnitte, die damals oft in Messen verlesen wurden (Perikopen) kopiert. Die vier Evangelienblöcke werden jeweils von einem ganzseitigen Evangelistenbild eingeleitet. Sie sind die unumstrittenen künstlerischen Höhepunkte der Handschrift. Die Evangelistensymbole – Engel, Löwe, Stier und Ader – sind jeweils von Vögeln mit christlichem Symbolwert umgeben und werden von kunstvollen Bögen eingerahmt, deren Flechtwerk geradezu an Jugendstil-Ornamente denken lässt. Sie alle präsentieren ein Buch, dessen Einbandgestaltung möglicherweise auf den ursprünglichen, nicht erhaltenen Einband des Evangelistars schließen lässt.

Personenlisten und Rechtstexte in kunstvollen Rahmen

Der Künstler dieser wunderbaren Miniaturen stattete alle unbeschriebenen Seiten zwischen den liturgischen Texten mit fantasievoll ornamentierten und farbenfroh kolorierten Doppelbogenarkaden aus – eine schöner und aufwendiger als die andere. Sie blieben zunächst zum größten Teil leer und wurden erst im Verlaufe der folgenden Jahrhunderte mit verschiedensten Textschnipseln angereichert. Die umfangreichen Personenlisten von geistlichen und weltlichen Menschen, für die in Pfäfers regelmäßig gebetet wurde, waren wohl der ursprünglich dafür vorgesehene Inhalt. Über die Zeit kamen jedoch auch noch Schatzverzeichnisse, Regelwerke und Rechtstexte hinzu, die für die Abtei wichtig waren.

Dem Seelenheil ganz nah

Die Verbindung von Personennamen und Evangelientexten ist kein Zufall. Durch den Liber Viventium waren alle gelisteten Individuen und Gemeinschaften immer automatisch Teil des Gottesdienstes, wenn die Perikopen aus dem Buch gelesen wurden. Die Namen lagen gewissermaßen mit dem Buch zusammen auf dem Altar. Zudem verrichtete der Priester bei der Messe für alle aufgeführten lebenden und verstorbenen Personen ein spezielles Gebet, das ihrem Seelenheil dienen und ihnen gedenken sollte. Damit ist die Handschrift auch ein wichtiges Zeugnis der christlichen Gedenkkultur oder Memoria im frühen Mittelalter. Es sind nur sechs andere sogenannte Verbrüderungsbücher mit ähnlicher Funktion aus dieser Zeit erhalten.

Gebete für Karl den Großen, St. Galler Brüder und lokale Bauern

Insgesamt umfassen allein die Personenlisten sage und schreibe 4615 Einträge. Es sind Namen von Mönchen der Abtei selbst, von Mitgliedern anderer geistlicher Gemeinschaften, die mit Pfäfers in sogenannter Gebetsverbrüderung standen, und Wohltäter:innen des Klosters. Die regionale Bedeutsamkeit der Abtei Pfäfers wird durch Eintragungen illustriert, die etwa Karl dem Großen (748–814) und seinen Frauen Hildegard (ca. 758–783) und Liutgard († 800), Ludwig dem Frommen (778–840) und seiner Gattin Judith (795/807–843) sowie mächtigen frühmittelalterlichen Bischöfen gewidmet sind. Zu den frühen Einträgen gehören auch die Namen der Mönche des Klosters St. Gallen unter Abt Grimaldt und des Klosters Reichenau. Von Königsfamilien und höchsten Adeligen bis hin zu Menschen bäuerlicher Herkunft ist fast alles dabei. Zudem enthalten die Personenverzeichnisse das älteste Schriftzeugnis der Tessiner Gemeinde.

Schätze, Bücher und Urkunden

Die Texte von eher weltlicher Natur sind nicht minder faszinierend und informativ. Sie wurden dem Codex bis ins 14. Jahrhundert hinzugefügt und überall dort eingetragen, wo noch irgendwie Platz dafür gefunden wurde. Darunter finden sich etwa Reliquien- und Schatzverzeichnisse, Bücherlisten und Verordnungen, die das Klosterleben regelten. Ein Statut des Abtes Gerold legt etwa detailliert dar, wann was in welchen Mengen verspeist wurde und welche Kleidung für wen und wann angemessen war. Besonders bedeutsam waren außerdem bis in die Neuzeit hinein die in die Handschrift kopierten Rechtstexte verschiedener, mit dem Kloster verbundener Gemeinden und Urkunden über Schenkungen und Abgaben. Auch diese juristische Komponente trug dazu bei, dass die Handschrift so lange im Klosterarchiv bewahrt wurde und bis heute erhalten ist.

Kodikologie

Alternativ-Titel
Liber Viventium von Pfäfers
Das Buch der Lebenden und der Verstorbenen
Liber memorialis Fabariensis
Verbrüderungsbuch von Pfäfers
Evangelistar des Klosters Pfäfers
Umfang / Format
178 Seiten / 31,0 × 20,5 cm
Herkunft
Schweiz
Datum
Erstes Viertel des 9. Jahrhunderts – 14. Jahrhundert
Sprache
Schrift
Rätische Minuskel
Buchschmuck
4 ganzseitige Miniaturen, 104 Seiten mit fantasievoll illuminierten Doppelarkaden als Textrahmung, rot- oder schwarzfarbige Initialmajuskeln, z. T. mit Menschen-, Hunde- und Vogelköpfen verziert
Inhalt
Evangelistar, Aufzählungen von Mönchen und Wohltätern der Abtei Pfäfers, Reliquien-, Schatz- und Bücherverzeichnisse, Abgaben-, Urkunden- und Rechtsaufzeichnungen der Abtei

Verfügbare Faksimile-Editionen:
Liber viventium Fabariensis – Alkuin Verlag – Cod. Fab. 1 – Stiftsarchiv St. Gallen (St. Gallen, Schweiz)
Alkuin Verlag – Basel, 1973
Limitierung: 400 Exemplare
Detailbild

Liber viventium Fabariensis

Verzeichnis der Reichenauer Brüder

Hier beginnen die Personenverzeichnisse, angefangen mit den Mönchen des Klosters auf der Insel Reichenau. In Großbuchstaben steht über beide Arkaden hinweg „HEC SUNT NOMINA FRATRUM INSULANENSIUM“ – Dies sind die Namen der Brüder der Inselgemeinschaft. Dass diese zuallererst aufgezählt werden, ist kein Zufall. Die Gründungslegende des Klosters Pfäfers besagt immerhin, dass es von einigen Mönchen aus Reichenau unter Führung des Wanderbischofs Pirmin gegründet wurde.

Liber viventium Fabariensis – Alkuin Verlag – Cod. Fab. 1 – Stiftsarchiv St. Gallen (St. Gallen, Schweiz)
Einzelseite

Liber viventium Fabariensis

Beginn des Markusevangeliums

Diese wunderbare Seite leitet den Abschnitt der Handschrift ein, in dem sich die Auszüge aus dem Markusevangelium befinden. Unter einem kunstvoll mit Flechtwerk und Ranken ornamentierten Hufeisenbogen entfaltet sich eine stilisierte, staudenartige Pflanze mit roten und blauen Blättern. Aus ihrem Herzen wachsen zwei Stängel mit beerenartigen Früchten, über die sich zwei Vögel hermachen.

Darüber schwebt ein Vierpass, der einen nach rechts gewandten, geflügelten Löwen mit Heiligenschein umfängt – das Symbol des Evangelisten Markus. Mit seinen Vorderpfoten hält er ein rotes Buch fest umschlossen. Die Inschrift lässt keine inhaltlichen Zweifel aufkommen und ist kreuzförmig zu lesen, von oben nach unten: „MAR-CUS“, und von links nach rechts: „EVAN-GELISTA“.

Liber viventium Fabariensis – Alkuin Verlag – Cod. Fab. 1 – Stiftsarchiv St. Gallen (St. Gallen, Schweiz)
Faksimile-Editionen

#1 Liber viventium Fabariensis

Alkuin Verlag – Basel, 1973

Details zur Faksimile-Edition:

Verlag: Alkuin Verlag – Basel, 1973
Limitierung: 400 Exemplare
Einband: Originalledereinband mit goldener Rückenprägung
Faksimile: 1 Band Detailnahe Reproduktion des gesamten Originaldokuments (Umfang, Format, Farbigkeit). Der Einband entspricht möglicherweise nicht dem ursprünglichen oder aktuellen Dokumenteneinband.
Ausgabe bei uns verfügbar!
Preiskategorie: €€
(1.000€ - 3.000€)
Das könnte Sie auch interessieren:
Stifterbuch des Klosters Zwettl - "Bärenhaut" – Akademische Druck- u. Verlagsanstalt (ADEVA) – Hs. 2/1 – Stift Zwettl (Zwettl, Österreich)
Stifterbuch des Klosters Zwettl - "Bärenhaut"
Kloster von Zwettl (Österreich) – 1327/1328

Aus einem der ältesten Zisterzienserklöster weltweit: Eine der reichsten und wichtigsten Quellen zur Geschichte der Kuenringer und Österreichs, benannt nach seinem ungewöhnlichen Einband aus der Haut eines "Saubären"

Erfahren Sie mehr
Codex Guta-Sintram – Faksimile Verlag – Ms. 37 – Bibliothèque du Grand Séminaire (Straßburg, Frankreich)
Codex Guta-Sintram
Abtei von Marbach, Oberelsass (Frankreich) – 1154

Das bermerkenswerte Ergebnis der außergewöhnlichen Zusammenarbeit einer Chorfrau und eines Chorherrn: Augustinerregeln, Gebete, Heilkunde und ein Totenverzeichnis, vereint in einem reich illuminierten Codex für das Kloster Schwarzenthann

Erfahren Sie mehr
Graduale und Sequenzen Notkers von St. Gallen – VCH, Acta Humaniora – Codex 121 – Stiftsbibliothek des Klosters Einsiedeln (Einsiedeln, Schweiz)
Graduale und Sequenzen Notkers von St. Gallen
Einsiedeln (Schweiz) – Ca. 960–970

Vor über 1000 Jahren im Kloster Einsiedeln geschaffen und seit jeher dort aufbewahrt: Das älteste erhaltene Dokument der abendländischen christlichen Musik, prachtvoll ausgestattet mit goldleuchtenden Initialen und Incipits

Erfahren Sie mehr
Codex Boernerianus – Karl W. Hiersemann – Mscr. Dresd. A.145.b – Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (Dresden, Deutschland)
Codex Boernerianus
Boerner Skriptorium, Kloster von St. Gallen (Schweiz) – Zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts

Von einem irischen Mönch im Kloster von St. Gallen geschrieben: Eine faszinierende neutestamentliche Unzialhandschrift mit einer zweisprachigen Version der Paulusbriefe und einem altirischen Gedicht über einen enttäuschten Pilger

Erfahren Sie mehr
Benediktsregel aus St. Gallen – Eos-Verlag – Cod. Sang. 914 – Stiftsarchiv St. Gallen (St. Gallen, Schweiz)
Benediktsregel aus St. Gallen
St. Gallen (Schweiz) – Ca. 820

Auf den Spuren der ursprünglichen Benediktsregel von 516: Die textgeschichtlich bedeutendste Abschrift der wohl einflussreichsten christlichen Ordensregel und faszinierende Briefe des Heiligen Benedikts von Nursia

Erfahren Sie mehr
Goldener Psalter von St. Gallen – Quaternio Verlag Luzern – Cod. Sang. 22 – Stiftsbibliothek St. Gallen (St. Gallen, Schweiz)
Goldener Psalter von St. Gallen
Frankenreich, möglicherweise Soissons (Frankreich) und Kloster St. Gallen (Schweiz) – Ca. 870–900

Ein Psalterium aureum aus der Karolingerzeit für das berühmte Kloster St. Gallen: Wohl im Umfeld Königs Ludwig des Deutschen entstanden, nahezu vollständig in Gold geschrieben und mit purpurgeschmückten Szenen aus dem Leben König Davids versehen

Erfahren Sie mehr
Lesenswerte Blog-Artikel
Filterauswahl
Verlag