Vogelkopf-Haggadah

Vogelkopf-Haggadah

Süddeutschland — um 1300

  1. Diese Handschrift entstand um 1300 am Oberrhein

  2. Jüdische Personen haben die Gesichter von Vögeln, während nicht-jüdische Personen überhaupt keine Gesichter haben

  3. Gelehrte diskutieren 700 Jahre später immer noch die Bedeutung dieser ungewöhnlichen Illustrationen

Vogelkopf-Haggadah

  1. Beschreibung
  2. Faksimile-Editionen (1)
Beschreibung
Vogelkopf-Haggadah

Der Name dieser frühen Pessach-Haggada leitet sich von ihrer Darstellung der menschlichen Figuren mit ausgeprägten Vogelköpfen ab. Die rätselhafte Praxis, Vogel- und Tierköpfe anstelle von menschlichen Gesichtern zu zeichnen, findet sich auch in anderen aschkenasischen Handschriften des 13. und 14. Jahrhunderts. Dies ist die erste illustrierte Haggada, von der bekannt ist, dass sie als eine vom Gebetbuch getrennte Einheit hergestellt wurde. Sie enthält Darstellungen mit rituellen und textlichen Themen: die Zubereitung von Matzen und die verschiedenen Segenssprüche über Wein und Essen, die während des Seder rezitiert werden; biblische Szenen wie das Aufsammeln des Mannas in der Wüste oder die Übergabe der Tora; und schließlich messianische Bilder wie das wiederaufgebaute Jerusalem. 2 ganzseitige Miniaturen und 33 dekorative Bordüren schmücken den Text über den Sederabend, den Beginn des Pessachfestes.

Vogelkopf-Haggada

Als zentrales Ereignis des Pessach-Festes ist das ritualisierte Mahl des Seder eine der ältesten und wichtigsten Traditionen im Judentum und eine, die ohne eine Haggada, die die Teilnehmer durch das Mahl und die dabei erzählte Geschichte führt, nicht denkbar wäre. Diese Handschrift entstand um 1300, ist die älteste erhaltene aschkenasische Haggada und stammt aus Süddeutschland, möglicherweise aus der etwas weiteren Umgebung von Würzburg. Außerdem ist sie die erste, die separat gebunden wurde und nicht Teil eines größeren hebräischen Gebetbuches ist. Der Text ist in Blockkalligraphie ausgeführt und wird von farbenfrohen Illustrationen geschmückt, die Personen zeigen, die am Seder teilnehmen, sowie einige Darstellungen von historischen Ereignissen. Ein kurioses Merkmal dieser Handschrift ist, dass alle jüdischen Personen mit den Gesichtern und Schnäbeln von Vögeln dargestellt sind, wo auch der Name Vogelkopf-Haggada herrührt. Die Gesichter von Nicht-Juden und sowie von Engeln, der Sonne und des Mondes sind dagegen bemerkenswerterweise leer. Der Grund für dieses ungewöhnliche künstlerische Programm ist unklar und wird kontrovers diskutiert. Nichtsdestoweniger machen die faszinierenden und skurrilen Illustrationen des Manuskripts es zu einem wahren Juwel der mittelalterlichen Buchmalerei.

Ein berühmter Schreiber

Die Hand, die für den bemerkenswert sauber geschriebenen Text verantwortlich ist, wird mit dem hebräischen Namen מנחם oder Menahem verbunden, dem auch der Leipziger Machzor neben anderen feinen hebräischen Handschriften zugeschrieben wird. Jede Seite besteht aus zwölf Zeilen Text in Blockkalligraphie mit dunkelbrauner Tinte und Tempera auf Pergament. Kleinere, dichter geschriebene Schrift findet sich an den Rändern mit zusätzlichen Details für die Durchführung des Seder und die Einhaltung der Vorschriften, die das Pessachfest betreffen. Diese wurden wahrscheinlich zu einem späteren Zeitpunkt hinzugefügt, ebenso wie die "Beschriftungen" zu bestimmten Abbildungen.

Ein Festmahl für Vögel

Zwei ganzseitige Miniaturen befinden sich im Text, eine am Anfang und die andere am Ende des Textes. Die Eingangsminiatur zeigt einen Ehemann und seine Gattin, die an ihrem Seder-Tisch sitzen, während die Schlussminiatur eine Vision des wiederaufgebauten Jerusalems in der messianischen Ära ist. 33 der Textseiten, die sich zwischen diesen beiden Bildern befinden, sind mit Marginalillustrationen geschmückt, die sich eng an den Text anlehnen und sowohl das Festmahl selbst als auch damit verbundene historische Ereignisse zeigen. Zu den Bildern des Festes gehören das Braten des Pessachlammes, das Backen und Brechen von Matzebrot sowie das Zermahlen und Essen bitterer Kräuter. Andere Szenen zeigen die Flucht des jüdischen Volkes aus Ägypten mit dem ungesäuerten Brot, die Verfolgung des Pharaos bis an den Rand des Roten Meeres, Moses, der die Zehn Gebote empfängt und seinem Volk den Pentateuch überreicht, und schließlich das Volk Israel, das während seiner Wüstenwanderung Manna vom Himmel erhält. Die jüdischen Personen sind in zeitgenössische deutsche Kleidung gewandet, wobei der spitze "Judenhut", der auf dem Vierten Laterankonzil 1215 vorgeschrieben wurde, auch von Führern und Lehrern wie Moses getragen wird. Schließlich sind die Vogelköpfe auf ihren Körpern nicht einheitlich, sondern individuell gestaltet.

Umstrittene Vogelköpfe

Verschiedene Theorien versuchen, die eigentümliche künstlerische Wahl der Köpfe in diesem Werk zu erklären. Einige argumentieren, dass es ein Weg war, um das Götzenbilderverbot zu umgehen, da auch andere jüdische Handschriften Tierköpfe als Ersatz verwendeten. Andere behaupten, dass es sich um die Köpfe von Adlern handelt - eine mögliche Anspielung auf das heraldische Symbol des Kaisers, unter dessen Schutz die deutschen Juden lebten, oder dass es sich tatsächlich um den unterschiedlich gestalteten Kopf des fabulösen Mischwesens eines Greifs und nicht um den von Vögeln handelt. Dies würde dann auf die häufige Verwendung von Löwen-Adler-Mensch-Hybriden in der jüdischen Ikonographie hinweisen. Letztlich könnten die Vogelköpfe sogar eine ** Anspielung auf die tierköpfigen Götter sein, die von den alten Ägyptern verehrt wurden**. Diese Bilder und die Frage, ob es jüdische oder christliche Künstler waren, die sie geschaffen haben, lösen weiterhin jede Menge leidenschaftliche Diskussionen aus.

Ein umstrittener Besitz

Es ist nicht bekannt, wer das Werk in Auftrag gegeben hat oder wer es die meiste Zeit der letzten 700 Jahre besaß. Doch im 20. Jahrhundert war die Handschrift im Besitz der Familie von Johanna Benedikt. Das Manuskript wurde als Hochzeitsgeschenk an ihren neuen Ehemann, den deutsch-jüdischen Rechtsanwalt und Parlamentarier Ludwig Marum (1882-1934), der in Karslruhe lebte, überreicht. Das Manuskript verschwand allerdings, nachdem er 1933 verhaftet und in ein Konzentrationslager gebracht worden war, wo er im folgenden Jahr ermordet worden war. Es tauchte 1946 in Jerusalem im Besitz eines deutsch-jüdischen Flüchtlings namens Herbert Kahn wieder auf, der es für 600 Dollar an die Vorgängerinstitution des Israel Museum verkaufte. Die Familie Marum behauptet, dass Kahn kein Recht hatte, die Handschrift zu verkaufen, und hat eine Entschädigung gefordert. Zugleich erkennt die Familie an, dass es im öffentlichen Interesse liegt, dieses Werk weiterhin der Öffentlichkeit in einem Museum zugänglich zu machen. Wie in diesem Fall bestehen bei vielen Kunstwerke, die im Laufe des Zweiten Weltkriegs gestohlen wurden, ähnliche Rechtsstreitigkeiten über die wahren Eigentumsverhältnisse.

Kodikologie

Alternativ-Titel
Birds' Head Haggadah
Umfang / Format
47 Seiten / 27,0 × 18,2 cm
Herkunft
Deutschland
Datum
um 1300
Sprache
Buchschmuck
2 ganzseitige Miniaturen, 33 Randverzierungen
Inhalt
Der vollständige hebräische Text der Haggadah
Künstler / Schule
Vorbesitzer
Familie von Johanna Benedikt
Ludwig Marum
Bezalel Nationalmuseum

Verfügbare Faksimile-Editionen:
Faksimile-Editionen

#1 Birds' Head Haggadah

Details zur Faksimile-Edition:

Kommentar: 1 Band von Daniyel Goldshmidṭ und Moshe Spitzer
Sprachen: Englisch, Hebräisch
Faksimile: 1 Band Vollfaksimile des gesamten Originaldokuments (siehe unten) Möglichst detailgetreue Reproduktion des gesamten Originaldokuments (Umfang, Format, Farbigkeit). Der Einband entspricht möglicherweise nicht dem ursprünglichen oder aktuellen Dokumenteneinband.
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