Christine de Pizan: Erlanger Othea Briefe

Christine de Pizan: Erlanger Othea Briefe – Imago – MS 2361 – Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg (Erlangen, Deutschland)

Vielleicht Brügge, Herzogtum Burgund (Belgien) — ca. 1460

Goldglänzende Demi-Grisalle-Miniaturen zum ersten Prosa-Werk einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen des Mittelalters: moralisierende Ratschläge und gelehrte Lebensweisheiten in einer einmaligen Abschrift des höfischen Bestsellers

  1. Christine de Pizan (1365–1430) gilt als die erste selbstständige Laien-Schriftstellerin Europas

  2. In 100 kommentierten Briefen gibt die fiktive Göttin Othea dem trojanischen Helden Hektor kluge Ratschläge

  3. Villem Wrelant stattete die einzigartige Handschrift für Karl den Kühnen oder seine Mutter mit 103 Demi-Grisaille-Miniaturen aus

Christine de Pizan: Erlanger Othea Briefe

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Preis Kategorie: €€
(1.000€ - 3.000€)
  1. Beschreibung
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Beschreibung
Christine de Pizan: Erlanger Othea Briefe

Christine de Pizan gilt als erste selbstständige Laien-Schriftstellerin Europas. Um 1400 verfasste sie ihr erstes Prosa-Werk: die Othea-Briefe. In 100 gereimten Briefen, die von moralisierenden Kommentaren in Prosa begleitet werden, gibt die fiktive antike Göttin der Weisheit Othea dem trojanischen Helden Hektor eine Anleitung zum wahren Rittertum und der Leserschaft damit didaktische Lebensweisheiten aus der Perspektive einer Frau. Jeder Brief wird von einer großen, reich mit Blattgold versehenen Demi-Grisaille-Miniatur eingeleitet, die die von der antiken Mythologie inspirierten Erzählungen kunstvoll illuminieren und in die Zeit des späten Mittelalters versetzen. Sie wurden von keinem geringeren als Willem Vrelant geschaffen, der im Auftrag Isabellas von Portugal oder ihrem Sohn Karls dem Kühnen an dieser kostbaren und künstlerisch einzigartigen Handschrift arbeitete.

Christine de Pizan: Erlanger Othea Briefe

103 große, seitenbreite Miniaturen schmücken diese wertvolle Abschrift von Christine de Pizans (1365–1430) erstem Prosa-Werk. In luxuriösen goldenen Rahmen erstrecken sich malerische Landschaften, verwinkelte Architekturen und dramatische Szenerien in kunstvoller Demi-Grisaille-Malerei. Lediglich die Himmelflächen im Hintergrund erstrahlen in intensivem Blau, das von goldenen Wolkenschwaden gespickt ist. Zahlreiche weitere Blattgold-Details machen jede einzelne Miniatur zu einem opulenten kleinen Kunstwerk für sich und die Handschrift im Ganzen zu einem einzigartigen Exemplar der Othea-Briefe.

Grisaille-Malerei von Willem Vrelant

Geschaffen wurde dieses Meisterwerk um 1460 von dem berühmten niederländischen Buchmaler Willem Vrelant (1410–1481/82) und seiner Werkstatt in Brügge im Auftrag eines hochrangigen Mitglieds des burgundischen Hofs – vermutlich für Herzog Karl den Kühnen (1433–1477) oder seine Mutter, Isabella von Portugal (1397–1471). Zur Entstehungszeit war Karl ein junger Mann, der schon bald die Herrschaft seines Vaters Philipp dem Guten (1396–1467) übernehmen sollte, und damit ein passender Leser zu Christine de Pizans moralisierenden Ausführungen.

Eine Anleitung zur Ritterlichkeit

Die Autorin verfasste die Othea-Briefe um 1400, woraufhin sie sich bereits zu ihren Lebzeiten großer Beliebtheit und Verbreitung erfreuten. In 100 kurzen Briefen erteilt die fiktive antike Göttin der Weisheit Othea dem fünfzehnjährigen trojanischen Helden Hektor moralisierende Ratschläge, deren Befolgung ihn zu einem wahren Ritter machen. Dabei speisen sich die Erzählungen aus verschiedenen antiken Mythologien wie dem trojanischen Sagenkreis und Ovids Metamorphosen, mit denen de Pizan bestens bekannt war.

Ein literarischer Erziehungsratgeber

Jeden von Otheas in Versform verfassten Briefen leitet eine Miniatur ein. Die Bilder dienen also nicht nur der schmuckvollen Visualisierung der Erzählungen, sondern sind zugleich Ordnungselemente des Textes. Die Briefe werden zudem von je zwei nachfolgenden Prosa-Kommentaren – einer Glosse und einer Allegorie – sowie einer passenden Bibelstelle in Latein begleitet. Letztere werden in roter Auszeichnungsschrift besonders hervorgehoben. Damit verkörpert dieses Werk höfischer Literatur de Pizans ‚vorfeministische‘ Ansichten zur gesellschaftlichen Rolle der Fraupar excellence: als Mütter waren sie sowohl für die schulische als auch für die religiöse und moralische Bildung und Erziehung ihrer Kinder zuständig. Damit prägten sie nicht nur das Zusammenleben innerhalb der Familien, sondern hatten einen erheblichen Einfluss auf die gesamte Gesellschaft. Mit ihrem Werk gibt Pizan dementsprechend geradezu mütterliche, aber nicht minder kunstvolle Ratschläge für ein rechtschaffenes Leben.

Das ungewöhnliche Leben einer bedeutenden Schriftstellerin

Christine de Pizan ist eine der interessantesten, bekannten Frauenfiguren des Mittelalters und gilt als die erste selbstständige Laien-Schriftstellerin Europas. Grundlage für ihren Erfolg als Autorin, der sich bereits zu Lebzeiten einstellte, war die umfassende humanistische Bildung, die sie schon von frühester Kindheit an erfuhr. Ihr Vater, ein venezianischer Mediziner, Astronom und Astrologe, brachte das erst vierjährige Mädchen 1368 mit an den französischen Königshof Karls V. Der französische Königshof war ein Zentrum der Künste, Sammelbecken der begabtesten Künstler und größten Namen der damaligen Zeit, die von den kunstsinnigen Herrscher*innen nach Paris geholt wurden. Dieses höfische Umfeld prägte und beeinflusste de Pizan sowohl in ihrer Lebens- und Denkweise als auch in ihrem künstlerischen Schaffen.
Aufgrund des frühen Todes ihres Vaters und ihres Ehemanns wurde sie mit nur 25 Jahren Witwe und war fortan Versorgerin ihrer drei Kindern sowie ihrer Mutter. Anstatt den üblichen Weg einzuschlagen und erneut zu heiraten oder in ein Kloster einzutreten, entschied sie sich dazu, ihre außergewöhnliche Bildung zu nutzen und als Kopistin und Autorin tätig zu werden. Zu ihren Werken gehörten weltliche und geistliche Lyrik, eine Biographie König Karls V., ein Gedicht über Jeanne d'Arc, autobiografische Schriften und vor allem philosophisch-moralische Lehrbücher, hauptsächlich zum Thema der Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Kodikologie

Alternativ-Titel
Erlangen Epistle of Othéa
Epistola di Othea
Épitre d'Othéa
Umfang / Format
252 Seiten / 29,3 × 20,0 cm
Herkunft
Belgien
Datum
ca. 1460
Schrift
Französiche Bastarda
Buchschmuck
103 große Miniaturen und 307 Zierinitialen
Inhalt
Der Brief der Othéa von Christine de Pizan
Auftraggeber
Karl der Kühne (1433–1477), Herzog von Burgund, oder Isabella von Portugal (1397–1471)
Künstler / Schule
Vorbesitzer
Markgrafen von Bayreuth

Verfügbare Faksimile-Editionen:
Christine de Pizan: Erlanger Othea Briefe – Imago – MS 2361 – Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg (Erlangen, Deutschland)
Imago – Rimini, 2023
Limitierung: 299 Exemplare
Detailbild

Christine de Pizan: Erlanger Othea Briefe

Pallas Minerva

Durch eine filigrane Doppelarkade blicken wir in einen luftigen Innenraum: die Lehrstube der Pallas Minerva – Christine de Pizans Verschmelzung der griechischen Pallas Athene und der römischen Minerva. Sie vereint alles, was einerseits mit Ritterschaft, Waffen und Kampf und andererseits mit Weisheit, Wissen und Klugheit verbunden ist. Diese Miniatur ist eine von mehreren Darstellungen der Göttin und zeigt Pallas Minerva als weise Lehrerin, die eine Gruppe erwachsener Männer an ihrem Wissen teilhaben lässt. Ihre erhöhte Position auf ihrem mächtigen Thron mit goldgeschmücktem Baldachin betont insbesondere in der Gegenüberstellung der auf Schemeln sitzenden Schüler ihre Autorität. Diese wird mittels der Gliederung der Miniatur in zwei durch die Mittelsäule getrennte Bildfelder unterstrichen.

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Einzelseite

Christine de Pizan: Erlanger Othea Briefe

Die Tugend der Tapferkeit

Unter den weltlichen Tugenden, die Menschen erlangen können, galten die vier Kardinaltugenden – Weisheit, Mäßigung, Tapferkeit, Gerechtigkeit – seit der Antike als höchste Errungenschaften. Zu Christine de Pizans Zeit waren sie zudem eine grundlegende Voraussetzung für die gute und legitime Herrschaft eines christlichen Fürsten. Diese Seite zeigt die Tugend der Stärke und Tapferkeit, „force“, in einer halbseitigen Demi-Grisaille-Miniatur, die den Beginn des Abschnitts über diese Kardinaltugend einleitet. Die folgenden Verse und Prosa-Erläuterungen legen dar, dass „force“ nicht nur körperliche Kraft, sondern ebenso die innere Beständigkeit und ausdauernde Entschlossenheit meint.

Die Miniatur strahlt mit ihrer klaren Symmetrie und flächigen Struktur genau das aus. Die weibliche Personifikation der Tapferkeit steht aufrecht neben ihrem Attribut der Säule – der „Säule des Muts“, wie die Inschrift darüber sagt. Wie die Säule in der Architektur, sind Stärke und Tapferkeit das tragende Element eines tugendhaften, menschlichen Lebens. Zugleich symbolisiert die prächtige Rüstung die Fähigkeit, Widrigkeiten zu ertragen und dem Bösen gegenüber standhaft zu bleiben.

Christine de Pizan: Erlanger Othea Briefe – Imago – MS 2361 – Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg (Erlangen, Deutschland)
Faksimile-Editionen

#1 Epistola di Othea

Imago – Rimini, 2023

Details zur Faksimile-Edition:

Verlag: Imago – Rimini, 2023
Limitierung: 299 Exemplare
Einband: Blauer Samteinband mit handgefertigter Silberfadenstickerei.
Kommentar: 1 Band von Martha Breckenridge
Sprachen: Englisch, Italienisch
Faksimile: 1 Band Möglichst detailgetreue Reproduktion des gesamten Originaldokuments (Umfang, Format, Farbigkeit). Der Einband entspricht möglicherweise nicht dem ursprünglichen oder aktuellen Dokumenteneinband.
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