Codex Chimalpopoca

Codex Chimalpopoca – Imprenta Universitaria – Originalmanuskript verloren

Mexiko — Spätes 16. – frühes 17. Jahrhundert

Geschichte und Schöpfungsmythen des alten Zentralmexiko in Nahuatl: Der verlorene Codex Chimalpopoca überlebt im Faksimile als Verbindung der *Annalen von Cuauhtitlan* und der *Legende der Sonnen*

  1. Eine alphabetische Nahuatl-Handschrift der frühen Kolonialzeit, die wesentlich ältere indigene Geschichts- und Kosmologietraditionen bewahrt

  2. Die *Annalen von Cuauhtitlan* erzählen die Geschichte Zentralmexikos von den Wanderungen der Chichimeken bis zur Ankunft der Spanier

  3. Die *Legende der Sonnen* bewahrt eine grundlegende Erzählung von aufeinanderfolgenden Welten, Schöpfung, Zerstörung und dem Ursprung der Menschheit

Codex Chimalpopoca

  1. Beschreibung
  2. Faksimile-Editionen (1)
Beschreibung
Codex Chimalpopoca

Der Codex Chimalpopoca ist kein vorspanisches Bilderfaltbuch, sondern eine alphabetisch geschriebene Nahuatl-Handschrift der frühen Kolonialzeit, die wesentlich ältere indigene Überlieferungen bewahrt. Sie vereint zwei Texte von außergewöhnlicher Bedeutung. Die Annalen von Cuauhtitlan erzählen die Geschichte der Völker Zentralmexikos von den Wanderungen der Chichimeken über toltekische und mexikanische Herrschaft bis zur Ankunft der Spanier. Die Legende der Sonnen entwirft eine kosmogonische Folge vergangener Welten, ihrer Zerstörung und der Erschaffung des gegenwärtigen Zeitalters. Geschichte und Mythos sprechen auf Nahuatl aus einer bereits durch die Eroberung veränderten Kultur. Da das Originalmanuskript verloren ist, besitzen das erhaltene fotografische Faksimile und die wissenschaftlichen Editionen entscheidende Bedeutung. Durch sie bleibt der Codex eine Hauptquelle für historische Erinnerung, Religion und Zeitvorstellungen der alten Nahua.

Zwei grundlegende Texte in Nahuatl

Der Name Codex Chimalpopoca bezeichnet eine Handschriftensammlung, die vor allem durch zwei Werke bekannt ist: die Annalen von Cuauhtitlan und die Legende der Sonnen. Das Manuskript wurde in der frühen Kolonialzeit, wahrscheinlich im späten 16. oder frühen 17. Jahrhundert, alphabetisch auf Nahuatl geschrieben. Es ist daher kein erhaltenes vorspanisches Bilderschriftbuch, überliefert jedoch Erzählungen, die in wesentlich ältere indigene Traditionen zurückreichen.

Die beiden Werke ergänzen einander. Das eine ordnet die Vergangenheit als Geschichte, das andere erklärt die Welt durch heilige Zeit und Schöpfung.

Die Annalen von Cuauhtitlan

Die Annalen berichten von Wanderungen, Gründungen, Kriegen, Herrschern und Bündnissen der Völker Zentralmexikos. Ihre Erzählung reicht von den Bewegungen der Chichimeken und toltekischen Traditionen über den Aufstieg regionaler Mächte bis zur Ankunft der Spanier.

Orte und Dynastien werden in einen chronologischen Rahmen gestellt, der lokale Erinnerungen bewahrt und sich von spanischen Chroniken unterscheidet. Das Werk ist unschätzbar, weil historische Überlieferung auf Nahuatl hörbar bleibt, auch wenn Alphabet und Handschriftenform bereits der kolonialen Welt angehören.

Schreiben nach der Eroberung

Alphabetisches Nahuatl gehört in eine koloniale Situation, ersetzt indigene Denkformen jedoch nicht einfach durch europäische Kategorien. Nahua-Schreiber passten das lateinische Alphabet an, um Namen, Reden, Jahresangaben, Orte, rituelle Begriffe und überlieferte Erzählungen in ihrer eigenen Sprache festzuhalten. Dadurch blieben Formen der Erinnerung erhalten, die sonst nur durch spanische Berichte oder spätere Deutung bekannt wären. Die Handschrift ist in ihrer materiellen Form kolonial und in ihrer sprachlichen wie geistigen Substanz zutiefst indigen.

Dieser Doppelcharakter verlangt vorsichtiges Lesen. Christliche Zeitrechnung, europäische Schreibpraxis und die politischen Verhältnisse Neuspaniens prägten die Umstände der Niederschrift. Zugleich bewahren die Texte lokale Genealogien, heilige Orte, Wanderungszyklen und kosmologische Erklärungen, die sich nicht ohne Weiteres in europäische Geschichte einfügen.

Besonders aufschlussreich ist das Verhältnis von Annalen und Kosmogonie. Die Annalen von Cuauhtitlan ordnen Ereignisse durch benannte Jahre, Herrscher, Gründungen und Konflikte; die Legende der Sonnen stellt menschliches Leben in wiederkehrende Schöpfungen und Zerstörungen. Lineare historische Folge und zyklische heilige Zeit bestehen nebeneinander. Gemeinsam zeigen sie, dass Nahua-Erinnerung politische Chronologie und kosmische Ordnung in einer geistigen Welt verbinden konnte.

Der Verlust des Originals macht die Reproduktion selbst zum Teil der Werkgeschichte. Fotografien und Faksimiles sind nicht länger bloße Hilfsmittel, sondern Zeugen von Seiten, die nicht mehr eingesehen werden können. Jede Transkription und Übersetzung beruht auf ihnen und bringt zugleich Entscheidungen des Lesens und Deutens ein. Der Codex überlebt nicht als einzelnes materielles Buch, sondern als Kette vermittelter Formen, deren Bewahrung unverzichtbar bleibt.

Die Legende der Sonnen

Die Legende der Sonnen entwirft eine Kosmogonie aufeinanderfolgender Weltzeitalter oder „Sonnen“. Welten werden geschaffen und zerstört; Götter handeln, opfern und kämpfen; Menschheit und gegenwärtige Weltordnung entstehen aus Katastrophe und Erneuerung. Der Text gehört zu den grundlegenden Schriftquellen für die Nahua-Vorstellungen von Schöpfung, Zeit und Weltschicksal.

Das Originalmanuskript ging später verloren. Sein Inhalt überlebt in Abschriften, Fotografien, Transkriptionen, Übersetzungen und Faksimileausgaben. Gerade der Verlust macht die reproduzierten Seiten so bedeutend: Sie bewahren den materiellen Zeugen, auf dem die moderne Forschung beruht.

Der Codex Chimalpopoca steht damit zwischen Welten – zwischen indigener und kolonialer Kultur, Mündlichkeit und Schrift, Geschichte und Mythos. Obwohl das Original verloren ist, bleibt seine Nahuatl-Stimme für das Verständnis der geistigen Welt des alten Zentralmexiko unverzichtbar.

Kodikologie

Alternativ-Titel
Códice Chimalpópoca. Anales de Cuauhtitlan y Leyenda de los Soles
Códice Chimalpópoca
Anales de Cuauhtitlan y Leyenda de los Soles
Umfang / Format
84 Seiten / 22,0 × 15,0 cm
Herkunft
Mexiko
Datum
Spätes 16. – frühes 17. Jahrhundert
Sprache
Inhalt
Abhandlungen über die vorkoloniale Geschichte Zentralmexikos und die aztekische Kosmologie
Künstler / Schule
Vorbesitzer
Lorenzo Boturini Benaduci (?)
Instituto Nacional de Antropología e Historia
Faksimile-Editionen

#1 Códice Chimalpópoca. Anales de Cuauhtitlan y Leyenda de los Soles

Details zur Faksimile-Edition:

Kommentar: 1 Band von Primo Feliciano Velázquez
Sprache: Spanisch

Der Kommentar kommt in demselben Band wie das Faksimile. Er umfasst eine das Faksimile begleitende Transkription der Texte, eine spanische Übersetzung derselben, zahlreiche Annotationen zum Inhalt sowie eine wissenschaftliche Einleitung.
Faksimile: 1 Band Vollfaksimile des gesamten Originaldokuments (siehe unten) Möglichst detailgetreue Reproduktion des gesamten Originaldokuments (Umfang, Format, Farbigkeit). Der Einband entspricht möglicherweise nicht dem ursprünglichen oder aktuellen Dokumenteneinband.
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