Evangelien van den Spinrocke

Evangelien van den Spinrocke – Martinus Nijhoff – Rar. 177 – Bayerische Staatsbibliothek (München, Deutschland)

Antwerpen (Belgien) — Ca. 1520

Frauenwissen zwischen Spinnstube und Satire: Ratschläge, Magie und Lebensklugheit aus sechs Abenden – bewahrt in der ältesten erhaltenen mittelniederländischen Ausgabe eines verbotenen Volksbuchs

  1. Um 1520 von Michiel Hillen van Hoochstraten in Antwerpen mit zehn großen Holzschnitten gedruckt

  2. Sechs Spinnabende mit Ratschlägen zu Liebe, Geburt, Gesundheit, Haushalt und Magie

  3. Älteste erhaltene mittelniederländische Fassung, nur in einem bekannten Exemplar überliefert

Evangelien van den Spinrocke

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Beschreibung
Evangelien van den Spinrocke

In einer geselligen Runde spinnender Frauen entfalten die Evangelien van den Spinrocke eine ebenso unterhaltsame wie vielschichtige Welt volkstümlicher Weisheiten. An sechs Abenden tragen sechs ältere Frauen Ratschläge, Vorzeichen, Heilmittel und magische Rezepte zu Liebe und Ehe, Schwangerschaft und Geburt, Gesundheit und Alltag vor, während ein Schreiber ihre „Evangelien“ samt Glossen festhält. Die Form parodiert Evangelientext und gelehrten Kommentar; zugleich bewahrt sie ein faszinierendes Panorama mündlich überlieferten Frauenwissens. Die um 1520 von Michiel Hillen van Hoochstraten in Antwerpen gedruckte Ausgabe ist die älteste erhaltene mittelniederländische Fassung des ursprünglich französischen Werks. Zehn große Holzschnitte begleiten die Gespräche. Dass diese Ausgabe nur in einem einzigen bekannten Exemplar überliefert ist, macht das Volksbuch zu einem seltenen Zeugnis spätmittelalterlicher Alltagskultur, Satire und früher niederländischer Druckgeschichte.

Sechs Abende in der Spinnstube

Die Handlung ist als Bericht eines gelehrten Klerikers gestaltet. An sechs aufeinanderfolgenden Abenden versammeln sich Frauen zum gemeinsamen Spinnen, Erzählen und Beraten. Jeden Abend übernimmt eine andere ältere Frau die Rolle der „Evangelistin“, während die übrigen Teilnehmerinnen ihre Aussagen bestätigen, ergänzen oder mit eigenen Erfahrungen kommentieren. So entsteht eine lebendige Rahmenhandlung voller Stimmen, Einwürfe und kleiner Geschichten.

Der Schreiber hält die Verkündigungen in einzelnen „Kapiteln“ fest und fügt die Kommentare der Zuhörerinnen als „Glossen“ hinzu. Schon diese Form ist Teil des Spiels: Evangelium und gelehrter Bibelkommentar werden in die weibliche Spinnstube versetzt und für eine Sammlung weltlicher Weisheiten verwendet.

Ratschläge für nahezu jede Lebenslage

Die Frauen sprechen über Liebe und Ehe, Schwangerschaft und Geburt, Kinderpflege, Krankheiten, Wetter, Haushalt und das Zusammenleben mit Männern. Sie erklären, wie sich das Geschlecht eines ungeborenen Kindes vorhersagen lasse, welche Mittel Liebe wecken sollen oder welche Zeichen Glück und Unglück ankündigen. Medizinische Empfehlungen stehen neben Beschwörungen, christlichen Gebeten und magischen Handlungen.

Viele dieser Rezepte und Vorstellungen gehören tatsächlich zur spätmittelalterlichen Alltagskultur und finden Parallelen in medizinischen und magischen Gebrauchstexten. Die Evangelien van den Spinrocke bewahren daher trotz ihrer satirischen Anlage ein facettenreiches Panorama volkstümlichen Wissens und mündlicher Überlieferung.

Zwischen Frauenlob und beißender Satire

Im Prolog wird behauptet, das Werk sei zur Ehre der Frauen geschrieben worden, damit ihre Klugheit nicht länger verspottet werde. Die Frauen treten selbstbewusst als Trägerinnen eigener Erfahrung auf und lassen ihr Wissen von einem Mann schriftlich festhalten. Auf dieser Ebene erscheint das Buch beinahe wie eine Verteidigung weiblicher Stimmen und Kompetenzen.

Gleichzeitig machen überzeichnete Figuren, doppeldeutige Namen und unwahrscheinliche Ratschläge deutlich, dass der anonyme Autor sein Personal auch der Lächerlichkeit preisgibt. Die Forschung liest das Werk deshalb als Satire auf Frauen, Aberglauben und die Verkehrung gesellschaftlicher Rollen. Gerade die Spannung zwischen Spott und ernsthaft überliefertem Wissen verleiht dem Text seine bis heute faszinierende Mehrdeutigkeit.

Vom französischen Werk zum Antwerpener Volksbuch

Die Geschichte entstand ursprünglich im französischsprachigen Raum des 15. Jahrhunderts unter dem Titel Les Évangiles des Quenouilles. Eine um 1480 in Brügge von Colard Mansion gedruckte Fassung bildete wahrscheinlich die Grundlage der niederländischen Übersetzung. Frühere niederländische Versionen sind anzunehmen, haben sich jedoch nicht erhalten.

Die vorliegende Ausgabe wurde um 1520 von Michiel Hillen van Hoochstraten in Antwerpen gedruckt. Sie gilt als älteste erhaltene mittelniederländische Fassung und umfasst 27 Blätter. Zehn große Holzschnitte gliedern den Text und führen die geselligen Zusammenkünfte der Frauen vor Augen.

Ein seltenes und verbotenes Volksbuch

Das Buch fand nicht nur als Unterhaltung Beachtung. Manche Leser scheinen die Ratschläge ernst genommen zu haben, und 1570 wurde das Werk auf den kirchlichen Index der verbotenen Bücher gesetzt. Die Mischung aus Magie, volkstümlicher Heilkunde und selbstbewusst auftretenden Frauen konnte offenbar weit über den beabsichtigten satirischen Effekt hinauswirken.

Von der Antwerpener Ausgabe ist nur ein einziges Exemplar bekannt. In ihm begegnet eine Welt, in der Alltagserfahrung, Aberglaube, Geschlechterrollen und literarischer Witz unauflöslich miteinander verbunden sind. Die Evangelien van den Spinrocke lassen so eine ebenso fremde wie erstaunlich lebendige Stimmenvielfalt aus der Zeit um 1500 hörbar werden.

Kodikologie

Alternativ-Titel
Die evangelien van den spinrocke metter glosen bescreven ter eeren vanden vrouwen
Les Euvangiles des Quenouilles
Umfang / Format
54 Seiten / 22,0 × 15,5 cm
Herkunft
Belgien
Datum
Ca. 1520
Buchschmuck
10 große Holzschnitte
Künstler / Schule

Verfügbare Faksimile-Editionen:
Evangelien van den Spinrocke – Martinus Nijhoff – Rar. 177 – Bayerische Staatsbibliothek (München, Deutschland)
Martinus Nijhoff – Den Haag, 1910
Limitierung: nicht limitiert
Faksimile-Editionen

#1 Die evangelien vanden spinrocke

Martinus Nijhoff – Den Haag, 1910

Details zur Faksimile-Edition:

Verlag: Martinus Nijhoff – Den Haag, 1910
Limitierung: nicht limitiert
Einband: Hellgrauer Pappeinband
Kommentar: 1 Band (14 S.)
Sprache: Niederländisch
Faksimile: 1 Band Vollfaksimile des gesamten Originaldokuments (siehe unten) Möglichst detailgetreue Reproduktion des gesamten Originaldokuments (Umfang, Format, Farbigkeit). Der Einband entspricht möglicherweise nicht dem ursprünglichen oder aktuellen Dokumenteneinband.
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