Troilus und Cressida von Geoffrey Chaucer

Troilus und Cressida von Geoffrey Chaucer – D. S. Brewer – MS 61 – Parker Library at Corpus Christi College Cambridge (Cambridge, Vereinigtes Königreich)

England — ca. 1415–1425

Liebe, Treue und Verrat im Schatten Trojas: Geoffrey Chaucers große Liebestragödie in einer der bedeutendsten frĂŒhen Handschriften der mittelenglischen Literatur

  1. Um 1386 von Geoffrey Chaucer in siebenzeiligen Reimstrophen verfasst

  2. Entstand um 1415–1425 in England, nur wenige Jahrzehnte nach dem Tod des Dichters

  3. Mehr als neunzig Miniaturen waren geplant, jedoch nur das berĂŒhmte ganzseitige Frontispiz vollendet

Troilus und Cressida von Geoffrey Chaucer

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Beschreibung
Troilus und Cressida von Geoffrey Chaucer

Geoffrey Chaucers Troilus und Cressida zĂ€hlt zu den großen Liebestragödien der englischen Literatur des Mittelalters.

Chaucers große ErzĂ€hlung von Liebe und Verlust

Geoffrey Chaucer verfasste Troilus und Cressida in den 1380er-Jahren und schuf damit eines der bedeutendsten Werke der mittelenglischen Literatur. In fĂŒnf BĂŒchern und siebenzeiligen Strophen, der spĂ€ter sogenannten Rhyme Royal, formte er eine ĂŒberlieferte Geschichte des Trojanischen Krieges zu einer erschĂŒtternden Untersuchung menschlicher GefĂŒhle. Als wichtige Vorlage diente Giovanni Boccaccios Il Filostrato; doch Chaucer verlieh den Figuren eine neue psychologische Tiefe. So wurde der höfische Liebesstoff zu einer Dichtung von außergewöhnlicher Vielschichtigkeit.

Eine Liebe im Schatten des Trojanischen Krieges

Zu Beginn verspottet der trojanische Prinz Troilus die Macht der Liebe – bis er Cressida erblickt und selbst von ihr ĂŒberwĂ€ltigt wird. Ihr Onkel Pandarus fĂŒhrt die beiden zusammen; fĂŒr kurze Zeit scheint ihre heimliche Verbindung alle WiderstĂ€nde zu ĂŒberwinden. Doch der Krieg greift in ihr GlĂŒck ein: Cressida wird im Austausch gegen einen Gefangenen in das griechische Lager geschickt und kann ihr Versprechen, nach Troja zurĂŒckzukehren, nicht erfĂŒllen.

Aus dieser Liebestragödie entwickelt Chaucer ein Werk voller innerer Konflikte und moralischer Zwischentöne. Troilus liebt mit bedingungsloser Hingabe, wĂ€hrend Cressida zwischen GefĂŒhl, Angst und dem Zwang ihrer LebensumstĂ€nde steht. Weil Chaucer ihre Zweifel ernst nimmt, besitzt die ErzĂ€hlung eine bemerkenswerte menschliche Unmittelbarkeit.

Zwischen Schicksal, Freiheit und VergÀnglichkeit

Die wechselnde Fortuna bestimmt nicht nur das Kriegsgeschehen, sondern auch das Leben der Liebenden. Immer wieder fragt das Werk, ob der Mensch sein Schicksal selbst lenken kann oder höheren MĂ€chten ausgeliefert bleibt. Damit verbindet Chaucer höfische Liebesdichtung mit philosophischer Reflexion ĂŒber Treue, freien Willen und die UnbestĂ€ndigkeit irdischen GlĂŒcks.

Auch der ErzĂ€hler wahrt keine kĂŒhle Distanz. Er kommentiert, zweifelt, empfindet Mitleid und weist einfache Urteile zurĂŒck. Besonders Cressida erscheint nicht nur als treulose Geliebte, sondern als verletzliche Frau in einer vom Krieg bestimmten Welt. Diese psychologische Offenheit lĂ€sst Troilus und Cressida bisweilen beinahe wie einen frĂŒhen Roman erscheinen.

Eine fĂŒrstlich geplante Bilderhandschrift

MS 61 entstand um 1415 bis 1425 in England, nur wenige Jahrzehnte nach Chaucers Tod. Der Codex war als luxuriöse Ausgabe mit mehr als neunzig Bildern geplant. Das Vorhaben blieb jedoch unvollendet: Zahlreiche fĂŒr Miniaturen freigehaltene RĂ€ume blieben leer, und allein das ganzseitige Frontispiz wurde ausgefĂŒhrt. Diese Spuren gewĂ€hren einen seltenen Einblick in die Entstehung einer aufwendigen englischen Bilderhandschrift.

Das Frontispiz zĂ€hlt zu den berĂŒhmtesten mittelalterlichen Darstellungen Chaucers. Vor einem kostbar gekleideten höfischen Publikum erscheint der Dichter bei der Rezitation seines Werkes; darĂŒber wird die Welt der ErzĂ€hlung sichtbar. Die Verbindung von Autorenbild und dichterischer Handlung erhebt den Codex ĂŒber eine reine Textabschrift hinaus. Der Auftraggeber ist unbekannt, doch Anlage und Ausstattung weisen auf ein hochgestelltes höfisches Umfeld.

Ein SchlĂŒsselzeugnis englischer Buchkultur

Im Jahr 1570 befand sich der Codex im Besitz des Schriftstellers und Geistlichen Stephen Batman, eines Kaplans von Matthew Parker. Kurz darauf gelangte er in die Sammlung des Erzbischofs von Canterbury und wird heute in der Parker Library des Corpus Christi College in Cambridge bewahrt.

Seine frĂŒhe Entstehung, die herausragende TextĂŒberlieferung und das einzigartig dokumentierte, unvollendete Bildprogramm machen MS 61 zu einem SchlĂŒsselzeugnis englischer Literatur- und Buchgeschichte. Der Codex fĂŒhrt unmittelbar in Chaucers Welt und bewahrt den ehrgeizigen Versuch, eines der großen Werke des Mittelalters in eine prachtvolle Buchgestalt zu ĂŒberfĂŒhren.

Kodikologie

Alternativ-Titel
Chaucer's Troilus
Troilus and Criseyde by Geoffrey Chaucer
Troilus and Criseyde
Umfang / Format
302 S. / 31,8 × 22,0 cm
Datum
ca. 1415–1425
Stil
Sprache
Schrift
Gotische Textualis
Buchschmuck
1 vielfarbiges Frontispiz (ganzseitig)
Vorbesitzer
John Shirley
Stephen Batman

VerfĂŒgbare Faksimile-Editionen:
Troilus und Cressida von Geoffrey Chaucer – D. S. Brewer – MS 61 – Parker Library at Corpus Christi College Cambridge (Cambridge, Vereinigtes Königreich)
D. S. Brewer – Suffolk, 1978
Faksimile-Editionen

#1 Troilus and Criseyde

D. S. Brewer – Suffolk, 1978

Details zur Faksimile-Edition:

Verlag: D. S. Brewer – Suffolk, 1978
Einband: Brauner Kunstledereinband
Kommentar: Einleitung (23 S.) von Malcolm B. Parkes und Elizabeth Salter
Sprache: Englisch
Ausgabe bei uns verfĂŒgbar!
Preiskategorie: €€
(1.000€ - 3.000€)
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