Weitra Graduale

Weitra Graduale – Stadtgemeinde Weitra – Fragm. 4 – Stadtarchiv Weitra (Weitra, Österreich)

Österreich — Spätes 12. Jahrhundert

Als verstreute Einbandfragmente wiederentdeckt und nach Jahrhunderten vereint: 24 erhaltene Pergamentblätter eines österreichischen Graduales des späten 12. Jahrhunderts mit gregorianischem Gesang und romanischen Initialen

  1. Wahrscheinlich am Ende des 12. Jahrhunderts in Niederösterreich als Chorbuch für die Messe geschaffen

  2. Die erhaltenen Blätter bewahren gregorianische Gesänge für Sonntage, Feste und besondere Tage des Kirchenjahres

  3. Romanische Rankeninitialen mit Tierformen blieben in einem Fragment erhalten, dessen fehlende Doppelblätter erst in neuerer Zeit wiedergefunden wurden

Weitra Graduale

  1. Beschreibung
  2. Faksimile-Editionen (1)
Beschreibung
Weitra Graduale

Das Weitra-Graduale hat sich in 24 Pergamentblättern eines österreichischen Chorbuches vom Ende des 12. Jahrhunderts erhalten. Ein Graduale ordnete die Gesänge der Messe durch das Kirchenjahr; sein großes Format ermöglichte mehreren Sängern zugleich die Lektüre. Text, musikalische Notation und romanischer Buchschmuck bewahren noch heute den Rhythmus mittelalterlicher Liturgie. Verzierte Initialen, teilweise von Tierformen belebt, kennzeichnen bedeutende Gesänge. Auch die Überlieferungsgeschichte ist außergewöhnlich: Blätter wurden zerstreut und wiederverwendet, zwei weitere Doppelblätter erst während der bereits laufenden Katalogisierung entdeckt. Um 2000 wieder zusammengeführt und gebunden, bilden die Fragmente ein seltenes Zeugnis früher Musikkultur in Niederösterreich und der geduldigen Rekonstruktion eines mittelalterlichen Buches aus verstreuten Resten. Jedes wiedergewonnene Blatt stellt einen kleinen Teil eines einst gesungenen Kirchenjahres wieder her.

Ein Chorbuch für die Messe

Das Weitra-Graduale entstand wahrscheinlich am Ende des 12. Jahrhunderts in Niederösterreich. Ein Graduale enthält die wechselnden Gesänge der Messe – Introitus, Graduale, Alleluia, Tractus, Offertorium und Communio –, die Sonntage, Festtage und besondere Feiern des Kirchenjahres gliederten.

Die Pergamentblätter messen etwa 26,5 × 37 Zentimeter. Das großzügige Format verweist auf gemeinschaftlichen Gebrauch: Mehrere Sänger sollten das Buch auf einem Pult zugleich lesen können. Worte und musikalische Notation bewahren daher keinen stummen Text, sondern die Erinnerung an vollzogene Liturgie.

Romanischer Schmuck und lebendige Musik

Rankeninitialen markieren wichtige Anfänge; einige nehmen Tierformen oder kleine Gesichter auf. Ihr Ornament setzt visuelle Akzente im Wechsel der liturgischen Zeiten. Die Schrift steht am Übergang zu gotischen Buchschriften, während die Notation den melodischen Verlauf des gregorianischen Gesangs festhält.

Obwohl nur ein Teil des ursprünglichen Bandes erhalten blieb, zeigen die Blätter noch immer das sorgfältige Zusammenspiel von Text, Melodie und Schmuck eines romanischen Chorbuches. Jede Seite war zugleich praktisches Musikinstrument und feierlicher Gegenstand.

Auf der Seite bewahrte Musik

Mittelalterliche Notation funktioniert nicht wie eine moderne Tonaufnahme, bewahrt aber wesentliche Informationen über melodische Bewegung und liturgische Stellung. Die Zeichen über den Worten leiteten geübte Sänger, die die Gesangstradition bereits kannten und für die gemeinschaftliche Aufführung eine visuelle Hilfe benötigten. Text und Notation sind daher auf Gedächtnis, Stimme und Gemeinschaft angewiesen. Erst im Vollzug des Singens wird die Handschrift ganz sie selbst.

Das große Blattformat half, diesen Vollzug zu koordinieren. Mehrere Mitglieder des Chores konnten dieselbe Seite verfolgen; geschmückte Initialen bezeichneten wichtige Einsätze und Übergänge innerhalb der liturgischen Folge. Ornament stand nicht neben der Aufführung, sondern ordnete die Aufmerksamkeit und verlieh den wiederkehrenden Momenten des Kirchenjahres feierliches Gewicht. Abnutzung, Beschnitt und spätere Wiederverwendung beschädigten das Objekt, bezeugen aber zugleich sein langes materielles Leben.

Die erhaltenen Doppelblätter laden zur Rekonstruktion ein. Ihre Folge kann erkennen lassen, welche Feste oder Messgesänge ursprünglich nebeneinanderstanden; Schrift und Notation verbinden sie mit einer regionalen Musikkultur. Jede Rekonstruktion muss jedoch den Verlust sichtbar lassen. Der größte Teil des Graduales fehlt, und das Erhaltene bietet Fenster, keinen vollständigen Zyklus. Gerade der fragmentarische Zustand macht jedes Blatt umso bedeutender, weil es Zeugnis für ein sehr viel größeres verschwundenes Buch trägt.

Die moderne Zusammenführung der Blätter bildet ein weiteres Kapitel der Objektgeschichte. Fragmente, die nur durch Wiederverwendung überlebt hatten, wurden erkannt, verglichen und in einen gemeinsamen Zusammenhang zurückgeführt. Diese Arbeit erschafft den verlorenen Codex nicht neu, lässt seine erhaltenen Stimmen aber wieder gemeinsam hörbar werden.

Verloren, wiederverwendet und neu zusammengesetzt

Das Graduale kam nur als Fragment auf uns. Seine Blätter waren getrennt und wiederverwendet worden – ein häufiges Schicksal nicht mehr benötigter mittelalterlicher Bücher. Noch während der Bearbeitung des Handschriftenkataloges wurden im Weitraer Pfarrarchiv zwei weitere Doppelblätter entdeckt und dem gleichen Band zugeordnet.

Die erhaltenen zwölf Doppelblätter, also 24 Blätter, wurden um 2000 zusammengeführt und neu gebunden. So erzählt das Weitra-Graduale zwei Geschichten zugleich: vom liturgischen Leben einer Gemeinschaft des 12. Jahrhunderts und von der modernen Wiederentdeckung eines Buches, das nur in zufällig bewahrten Teilen überdauerte.

Kodikologie

Alternativ-Titel
Graduale Witracense
Weitra Gradual Fragment
Umfang / Format
48 Seiten / 26,5 × 37,0 cm
Herkunft
Österreich
Datum
Spätes 12. Jahrhundert
Stil
Sprache
Schrift
Frühgotische Minuskel
Buchschmuck
6 Rankeninitialen, teilweise mit zoomorphen Elementen, und diverse, teils mit Gesichtern versehene Lombarden
Inhalt
Fragmente eines Graduales

Verfügbare Faksimile-Editionen:
Faksimile-Editionen

#1 Graduale Witracense

Details zur Faksimile-Edition:

Einband: Roter Leineneinband mit Goldprägung
Kommentar: 1 Band von Wolfgang Katzenschlager und Burkard Wehner
Sprache: Deutsch
Faksimile: 1 Band Vollfaksimile des gesamten Originaldokuments (siehe unten) Möglichst detailgetreue Reproduktion des gesamten Originaldokuments (Umfang, Format, Farbigkeit). Der Einband entspricht möglicherweise nicht dem ursprünglichen oder aktuellen Dokumenteneinband.
Ausgabe bei uns verfügbar!
Preiskategorie: €
(unter 1.000€)
Das könnte Sie auch interessieren:
Antiphonar von St. Peter – Akademische Druck- u. Verlagsanstalt (ADEVA) – Cod. Vindob. S. N. 2700 – Österreichische Nationalbibliothek (Wien, Österreich)
Antiphonar von St. Peter
Kloster von St. Peter, Salzburg (Österreich) – Um 1150

Neumennotation im St. Gallener Typus, reich geschmückt mit Feder- und Tintenzeichnungen: Romanische Buchmalerei in Vollendung und der wohl wertvollster Besitz des berühmten Stifts St. Peter in Salzburg

Erfahren Sie mehr
Echternacher Sakramentar und Antiphonar – Akademische Druck- u. Verlagsanstalt (ADEVA) – Hs. 1946 – Hessische Landes- und Hochschulbibliothek (Darmstadt, Deutschland)
Echternacher Sakramentar und Antiphonar
Abtei von Echternach (Luxemburg) – Um 1030

Ottonische Buchmalerei und mittelalterliche Neumen in purpurner Pracht und goldenem Glanz: Eines der wenigen erhaltenen Meisterwerke aus dem stilprägenden Skriptorium des berühmten Klosters Echternach

Erfahren Sie mehr
Codex Turin J.II.9 – Libreria Musicale Italiana – cod. J.II.9 – Biblioteca Nazionale Universitaria di Torino (Turin, Italien)
Codex Turin J.II.9
Hof König Janus', Norditalien, möglicherweise Brescia, oder Zypern – Anfang des 15. Jahrhunderts

Gregorianische Choräle, polyphone Messgesänge, Motetten und polyphones Repertoire: Das umfangreichste und einzige ausschließlich französischer Musik gewidmete Liederbuch des 15. Jahrhunderts

Erfahren Sie mehr
Graduale und Sequenzen Notkers von St. Gallen – VCH, Acta Humaniora – Codex 121 – Stiftsbibliothek des Klosters Einsiedeln (Einsiedeln, Schweiz)
Graduale und Sequenzen Notkers von St. Gallen
Einsiedeln (Schweiz) – Ca. 960–970

Vor über 1000 Jahren im Kloster Einsiedeln geschaffen und seit jeher dort aufbewahrt: Das älteste erhaltene Dokument der abendländischen christlichen Musik, prachtvoll ausgestattet mit goldleuchtenden Initialen und Incipits

Erfahren Sie mehr
Psalterium cum cantis – Pytheas Books – Kalocsai Főszékesegyházi Könyvtár (Kalocsa, Ungarn)
Psalterium cum cantis
Prag oder Krumau (Tschechische Republik) – Um 1440

Die Psalmen im Glanz böhmischer Buchkunst: König David, Salvator mundi, Schmerzensmann, Maria und Vera Ikon entfalten in goldenen Initialen ein außergewöhnlich geschlossenes Christusprogramm

Erfahren Sie mehr
Pelpliner Graduale – Bernardinum Wydawnictwo – MS L13 – Biblioteka Diecezjalna (Pelplin, Polen)
Pelpliner Graduale
Pelplin (Polen) – Zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts

Goldgeschmückte Bilder zu den spätmittelalterlichen Gesängen der christlichen Messfeier: Ein kunstvolles, zisterziensisches Chorbuch als wunderbares Zeugnis der Hufnagelnotation

Erfahren Sie mehr
Filterauswahl
Verlag