Psalterium cum cantis

Psalterium cum cantis – Pytheas Books – Kalocsai Főszékesegyházi Könyvtár (Kalocsa, Ungarn)

Prag oder Krumau (Tschechische Republik) — um 1440

Die Psalmen im Glanz böhmischer Buchkunst: König David, Salvator mundi, Schmerzensmann, Maria und Vera Ikon entfalten in goldenen Initialen ein außergewöhnlich geschlossenes Christusprogramm

  1. Um 1440 wahrscheinlich in Prag oder Krumau für den liturgischen Gebrauch geschaffen

  2. Mit zahlreichen gemalten und vergoldeten Figureninitialen, rot-blauem Federwerk und prachtvollen Goldbordüren

  3. Ungewöhnliches Bildprogramm mit Salvator mundi, Schmerzensmann, Maria mit dem Kind und Vera Ikon

Psalterium cum cantis

  1. Beschreibung
  2. Faksimile-Editionen (1)
Beschreibung
Psalterium cum cantis

Das um 1440 wahrscheinlich in Prag oder Krumau entstandene Psalterium cum cantis verbindet die lateinischen Psalmen und liturgischen Gesänge mit einer außergewöhnlich reichen Bildsprache. Zahlreiche figürliche Initialen in leuchtenden Farben und Gold eröffnen die einzelnen Abschnitte; rote und blaue Federzeichnungen, geschwungene Goldranken, Akanthusblätter, Blüten und Tiergestalten beleben die Seitenränder. Nur König David erscheint als unmittelbarer Psalmenillustrator. Andere Initialen zeigen Christus als Salvator mundi und Schmerzensmann, Maria mit dem Kind sowie die Vera Ikon. Dadurch wird das Psalterium zu einer eindringlichen Bildmeditation über Menschwerdung, Opfer und Erlösung. Die zarten Gesichtszüge, anmutigen Bewegungen und weich modellierten Gewänder stehen der böhmischen Buchmalerei nach 1430 nahe. Wahrscheinlich entstand die Handschrift im Umfeld der katholischen Erneuerung nach den Hussitenkriegen für einen bislang unbekannten Geistlichen.

Ein Psalter für Gebet und Liturgie

Das um 1440 wahrscheinlich in Prag oder Krumau entstandene Psalterium cum cantis vereint die lateinischen Psalmen mit ergänzenden liturgischen Gesängen. Lobpreis, Klage, Bitte, Vertrauen und Dank geben der menschlichen Beziehung zu Gott eine Sprache. Für den gottesdienstlichen Gebrauch geschrieben, ordnet die Handschrift diese Texte zu einem kostbar ausgestatteten Buch des gemeinsamen und persönlichen Gebets.

Der Text steht in einer sorgfältigen gotischen Buchschrift. Rote und blaue Anfangsbuchstaben, Paragraphenzeichen und feines Federwerk gliedern die Verse und erleichtern ihre Orientierung. Über diese praktische Funktion hinaus verwandelt die Ausstattung jede Seite in einen rhythmischen Zusammenhang von Schrift, Farbe und Ornament.

Goldranken, Blüten und anmutige Figuren

Den besonderen Charakter prägen zahlreiche gemalte und vergoldete Initialen. Geschwungene Ranken in Gold ziehen sich über die Seitenränder, während farbige Akanthusblätter, Blütenköpfe und kleine Tiergestalten die Zwischenräume beleben. Die Verbindung von leuchtender Farbe, glänzendem Gold und feinster Federzeichnung verleiht dem Psalter eine zugleich festliche und lebendige Wirkung.

Auch die menschlichen Figuren zeigen die hohe Kunst der böhmischen Buchmalerei nach 1430. Zarte Gesichtszüge, elegante Bewegungen und weich modellierte Gewandfalten lassen selbst kleine Initialbilder erstaunlich plastisch erscheinen. Das Ornament bleibt dabei nie bloße Umrahmung: Es führt den Blick zum Text und macht den geistlichen Inhalt sichtbar.

Ungewöhnliche Bilder zu den Psalmen

Nur eine Initiale zeigt König David als Sänger und vermeintlichen Verfasser der Psalmen. Die übrigen Hauptbilder folgen nicht dem üblichen erzählerischen Programm eines Psalters. Beim 26. Psalm erscheint Christus als Salvator mundi, beim 68. Psalm als Schmerzensmann. Eine Halbfigur Mariens mit dem Kind begleitet den 97. Psalm, während der 109. Psalm mit der Vera Ikon, dem wahren Antlitz Christi, eröffnet wird.

Diese Auswahl verschiebt den Akzent von der wörtlichen Illustration einzelner Verse zu einer übergreifenden Betrachtung von Christus, Maria und dem Erlösungswerk. Menschwerdung und göttliche Natur, Leiden und Opfer, Mutterschaft und heilbringende Gegenwart werden in wenigen einprägsamen Kultbildern zusammengeführt.

Glaubensbilder in einer Zeit des Umbruchs

Die Bildthemen stehen wahrscheinlich im Zusammenhang mit den religiösen Auseinandersetzungen Böhmens im 15. Jahrhundert. Besonders die eucharistische Bedeutung einzelner Darstellungen und die Betonung der menschlichen wie göttlichen Natur Christi konnten als katholische Antwort auf hussitische Lehren verstanden werden. Die Handschrift dürfte entstanden sein, als der Einfluss der Hussiten zurückging und katholische Auftraggeber in Prag oder Krumau wieder stärker hervortraten.

Neben dem Schmerzensmann kniet ein Geistlicher, in dem der unbekannte Besteller des Buches vermutet wird. Sein Bild bindet die prachtvolle Ausstattung an eine konkrete Form persönlicher Andacht: Der Betrachter tritt nicht als distanzierter Zuschauer, sondern als betender Teilnehmer vor Christus.

Ein Meisterwerk der böhmischen Buchmalerei

Stilistisch und ikonografisch steht der Band einem 1438 für Hanuš von Kolowrat geschaffenen Psalter nahe. Diese Verwandtschaft stützt die Datierung und weist auf ein künstlerisches Umfeld, in dem neue Bildformen, kostbare Materialien und theologische Aussage eng miteinander verbunden wurden.

Das Psalterium cum cantis entfaltet seine Wirkung daher nicht allein durch den Text der Psalmen. Goldene Bordüren, anmutige Figuren und ungewöhnlich gewählte Andachtsbilder formen ein geschlossenes geistliches Programm. In ihm begegnen sich liturgischer Gesang, persönliche Frömmigkeit und die elegante Bildkunst des spätmittelalterlichen Böhmens.

Kodikologie

Alternativ-Titel
Zsoltároskönyv
Umfang / Format
178 Seiten / 28,0 × 18,5 cm
Herkunft
Tschechien
Datum
um 1440
Stil
Sprache
Schrift
Gotische Textualis
Buchschmuck
Goldgeschmückte Miniaturen und Initialen, florale Bordüren

Verfügbare Faksimile-Editionen:
Psalterium cum cantis – Pytheas Books – Kalocsai Főszékesegyházi Könyvtár (Kalocsa, Ungarn)
Pytheas Books – Budapest
Faksimile-Editionen

#1 Psalterium cum cantis

Pytheas Books – Budapest

Details zur Faksimile-Edition:

Verlag: Pytheas Books – Budapest
Einband: Der Einband wurde dem der Originalhandschrift nachempfunden: Hellbrauner Ledereinband mit Blindprägung.
Faksimile: 1 Band Möglichst detailgetreue Reproduktion des gesamten Originaldokuments (Umfang, Format, Farbigkeit). Der Einband entspricht möglicherweise nicht dem ursprünglichen oder aktuellen Dokumenteneinband.
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