Der Übergang vom ottonischen zum romanischen Stil: Ein unvollendet gebliebenes Meisterwerk aus dem Kloster Reichenau

Reichenauer Evangelistar

Kloster Reichenau (Deutschland) — Zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts

Reichenauer Evangelistar

Reichenauer Evangelistar

Kloster Reichenau (Deutschland) — Zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts

  1. In der ottonischen Zeit entstand eine Reihe prächtige Reichenauer Handschriften für die Führer des Reichs

  2. Diese unvollendet gebliebenen Handschrift markiert die Übergangsphase vom ottonischen zum romanischen Stil

  3. Die Miniaturen haben einen ausgeprägten figurativen Stil mit geschwungenen Gesten, die ihre Ausdruckskraft steigern

Reichenauer Evangelistar

Alternativ-Titel:
  • Reichenau Gospel Lectionary
  • Reichenau Evangelistary
Reichenauer Evangelistar – Codex 78 A 2 – Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz (Berlin, Deutschland)
Bildvon
Ausgabe bei uns verfügbar
Angebot bitte anfragen!
  1. Kurzbeschreibung
  2. Kodikologie

Kurzbeschreibung

Das Skriptorium des Klosters Reichenau im Bodensee war im 11. Jahrhundert die bedeutendste abendländische Malschule. Das Reichenauer Evangelistar bietet auf 91 Folios dem Leser die zentralen Abschnitte der Heilsgeschichte für den jeweiligen Sonntag dar. Seine Miniaturen stehen nicht nur auf Grund ihrer durch viel Gold erzielten Strahlkraft in der Tradition der ottonischen Kunst. Deren straffe Bildordnung wird jedoch durch den expressiven Figurenstil, der jede statuarische Steifheit überwindet, über sich hinausgeführt und nimmt schon das romanische Kunstwollen vorweg. Die lebendig-ausdrucksstarke Mimik bewirkt eine Emotionalisierung der Texte und bindet den Betrachter in das Geschehen ein. Die Frage, warum dieses faszinierende Werk unvollendet blieb, gibt bis heute Rätsel auf: Der Herrscher des Widmungsbildes ist ebenso nicht klar zu identifizieren, sodass möglicherweise der Grund für die Schenkung des Codex entfallen sein könnte.

Reichenauer Buchkunst höchster Qualität

Das Reichenauer Evangelistar ist vor über 900 Jahren vermutlich im Skriptorium des Klosters Reichenau, der damals bedeutendsten abendländischen Malschule, entstanden und gilt heute als Schlüsselwerk für die Beurteilung der Reichenauer Buchmalerei.
Auf den 182 Seiten (91 Folios) dieses Evangelistars werden dem Leser die zentralen Abschnitte der Heilsgeschichte dargeboten. Die teils ganzseitigen, teils streifenartig in den Text eingefügten Miniaturen, deren Strahlkraft durch die reiche Verwendung von Gold erhöht wird, stehen noch ganz in der Tradition der ottonischen Kunst.
Es sind vor allem diese Miniaturen, die mit ihrem für die Reichenauer Schule so charakteristischen, eigentümlich spröden Reiz den Betrachter in ihren Bann ziehen. Zur straffen Ordnung der Bildanlagen – einem Erbe der ottonischen Kunst – tritt unvermutet ein das romanische Kunstwollen vorwegnehmender expressiver Figurenstil, der jede statuarische Steifheit überwindet. Weit ausholende Gesten tragen einen starken Bewegungsimpuls ins Bild; die Steigerung des mimischen Ausdrucks führt zu einer Emotionalisierung und Verlebendigung des biblischen Geschehens.
Mit dem unmittelbaren Nebeneinander von Elementen verschiedener Stilstufen erweist sich das Reichenauer Evangelistar als ein typisches Produkt einer Übergangszeit, in dem Tradition und Neubeginn ihre deutlichen Spuren hinterlassen und zu einer einmaligen, in dieser Kombination unwiederholbaren Synthese zusammengefunden haben.

Ein liturgisches Buch
Der Text des Reichenauer Evangelistars ist in karolingischen Minuskeln abgefasst und mit zahlreichen prunkvollen Initialen ausgestattet. Er beginnt mit einer der vier Vorreden zum Evangelienbuch, nämlich mit der dritten Vorrede des Hieronymus. Anschließend folgen die vier den einzelnen Evangelien vorangestellten Prologe. Die Perikopen setzen mit der Lesung "In vigilia nativitate domini" ein, gefolgt von den Lesungen des Kirchenjahres von Weihnachten über Ostern bis zum 26. Sonntag nach Pfingsten; anschließend die vier Adventsonntage, die Heiligenfeste und Votivmessen.

Ein kostbares Geschenk für einen Herrscher
Bezeichnend für den Gesamtcharakter der Handschrift ist es, dass sie unvollendet blieb. Denn es fehlen einige Bilder, und auch die Miniatur der Geburt Johannes des Täufers blieb unvollendet. Dies ist um so überraschender, als es sich um eine Gabe an höchste Stelle handelt, wie aus dem Widmungsbild zu schließen ist.
Das Dedikationsbild zeigt einen bekrönten Herrscher, der in seiner Linken einen mit einem Adler besetzten Reichsapfel hält. Links von ihm reicht ihm ein Mönch ein Buch dar, das zweifellos mit dem Reichenauer Evangelistar zu identifizieren ist.
Welcher Herrscher im Widmungsbild dargestellt wird, ist nicht gänzlich geklärt. Neben Heinrich IV. wurde immer wieder Heinrich III. als Adressat der Handschrift genannt. Vielleicht lassen sich auch der Herrscher auf der einen Seite und die Nichtvollendung der Handschrift auf der anderen Seite in einen historischen Zusammenhang bringen: Die Handschrift blieb unvollendet, da der Anlass ihrer Schenkung entfallen war.

Eine einzigartige Handschrift
Trotz einiger offener Fragen erweist sich diese Handschrift als ein charakteristisches Beispiel einer Phase des Übergangs. Die stark bewegte und lebendige Gestaltung des biblischen Geschehens wandelt den ottonischen Formenkanon ab. Imperiale Traditionen verbinden sich mit einem Bemühen um die Reinheit in Schrift und Liturgie.

Kodikologie

Alternativ-Titel
Reichenau Gospel Lectionary
Reichenau Evangelistary
Umfang / Format
182 Seiten / 28,0 x 21,0 cm
Datum
Zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts
Sprache
Buchschmuck
29 Miniaturen, entweder ganzseitigen oder in Streifen, mit reichen Goldschmuck, 6 Zierseiten und zahlreiche herrliche Initialbuchstaben

1 verfügbare Faksimile-Ausgabe(n) von „Reichenauer Evangelistar“

Das Reichenauer Evangelistar
Reichenauer Evangelistar – Codex 78 A 2 – Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz (Berlin, Deutschland)
Bildvon

Das Reichenauer Evangelistar

Faksimile: 1 Band Vollfaksimile des gesamten Originaldokuments (siehe unten)
Verlag
Akademische Druck- u. Verlagsanstalt (ADEVA) – Graz, 1972
Einband
Pergament, dem Charakter der Handschrift entsprechend.
Kommentar
1 Band (98 Seiten) von P. Bloch
Sprache: Deutsch

Der wissenschaftliche Kommentar wurde von Peter Bloch verfasst und enthält eine kodikologische und kunsthistorische Einführung in das Reichenauer Evangelistar.

Kunsthistorische und kodikologische Untersuchung von P. Bloch, Berlin. 98 Seiten Text. 23 Tafeln mit 86 Abbildungen.
Mehr Informationen
Möglichst detailgetreue Reproduktion des gesamten Originaldokuments (Umfang, Format, Farbigkeit). Der Einband entspricht möglicherweise nicht dem ursprünglichen oder aktuellen Dokumenteneinband.
  1. Dazu passende Werke
  2. Dazu passende Hintergrund-Artikel

Dazu passende Werke

Krönungsevangeliar des Heiligen Römischen Reiches

Krönungsevangeliar des Heiligen Römischen Reiches

Bestandteil der Reichsinsignien, mit Goldtine auf Purpurpergament geschrieben: Jeder deutsche Kaiser schwor seinen Eid mit seiner Hand auf diesem Buch

Erfahren Sie mehr
Wiener Genesis

Wiener Genesis

Eine der ältesten erhaltenen biblischen Handschriften: Griechischer Text in Silbertinte und bezaubernde Miniaturen auf purpurgefärbten Pergament

Erfahren Sie mehr
Verlag