Pannohalmer Evangelistar

Pannohalmer Evangelistar – Helikon – Cod. lat. 113 – Universitätsbibliothek (Budapest, Ungarn)

Benediktinerabtei von Pannohalma (Ungarn) — Frühes 16. Jahrhundert

Eine Zusammenschau der großen Kunststile des Spätmittelalters und Zeugnis der traditionalistischen Bemühungen der Benediktiner: Ein Meisterwerk der ungarischen Buchmalerei gegen den aufkommenden Säkularismus der Renaissance

  1. Eines der herausragendsten Werke der ungarischen Buchmalerei entstand um 1500 in der Abtei von Pannonhalma

  2. Das Werk vereint die großen Kunststile des Spätmittelalters in einem einzigen prächtigen Codex

  3. Es ist ein Zeugnis der Bemühungen des Benediktinerordens, dem aufkommenden Säkularismus der Renaissance entgegenzuwirken

Pannohalmer Evangelistar

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Beschreibung
Pannohalmer Evangelistar

Das Pannonhalmi Evangelistarium gehört zu den schönsten Handschriften Ungarns. Sie entstand Anfang des 16. Jahrhunderts in der westungarischen Benediktinerabtei Pannonhalma und beinhaltet Textabschnitte aus den vier Evangelien. Ihr Buchschmuck – 22 wunderschöne historisierte Initialen und reich mit Tieren und Blumen verzierte Bordüren – ist von zahlreichen europäischen Einflüssen bestimmt und reicht von der italienischen Renaissance über die flämische Gotik bis hin zu Dürers Kleiner Passion.

Ein Codex aus dem Geburtsort des Heiligen Martin

Pannonhalma (zu deutsch = Martinsberg) im westlichen Ungarns unweit Raab gelegen, hat seit jeher in der Kirchengeschichte einen bedeutenden Namen: der Legende nach wurde hier der heilige Martin geboren, der berühmte Apostel Galliens und Bischof von Tours. In Pannonhalma entstand das erste Benediktinerkloster auf ungarischem Boden. Es wurde im Jahre 996 vom Staatsgründer Ungarns, König Stephan I., dem Heiligen (947–1038) gegründet. Das Kloster, das schon bald auch Schule und theologische Hochschule wurde, entwickelte sich als Erzabtei zum Zentrum der mehrere Abteien umfassenden ungarischen Benediktiner-Kongregation und damit zugleich zum Zentrum der ungarischen Kultur und Bildung.

Die Benediktiner wehren sich gegen den Verfall

An der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert setzte in ganz Europa, und damit auch in Pannonhalma ein Verfall des Geistes, der Kultur und Wissenschaft der Benediktiner ein, da man sich unter dem Einfluss der humanistischen Ideen allzu sehr verweltlichte. Der damalige Erzabt Mate Tolnai (1500–1585), der vermutlich mit den Mönchen vom Stift Melk und dem Schottenstift in Wien in enger Verbindung stand, war bemüht, diesen Prozess umzukehren.

Zur Durchsetzung seiner Ziele und zur Einführung von Reformen wollte Erzabt Tolnai seinen Orden vor allem mit Ritualbüchern versehen, anfangs mit Drucken, die in größerer Menge herzustellen oder zu beschaffen waren, den Missalen. Seit dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts erschienen nach und nach gedruckte Missale des Benedikterordens. Da man aber leider keine Messbücher im Benediktinerritus herausgab, die an die ungarischen Verhältnisse angepasst werden konnten, musste eine Auswahl unter den ausländischen Ausgaben getroffen werden. In Pannonhalma wird man unter diesen - entsprechend der Orientierung des Erzabtes - vor allem die Melker Ausgabe von 1490 verwendet haben. Darin fehlen allerdings die auf Pannonhalma hinweisenden lokalen Bezüge, ein Mangel, der nur durch ein individuelles handschriftliches Exemplar behoben werden konnte. Um diese Bestrebung zu verwirklichen, entstand die repräsentative liturgische Handschrift der Bibliothek der Erzabtei und zugleich das schöne Denkmal der Buchmalerei, das Pannonhalmi Evangelistarium.

Das Pannonhalmi Evangelistarium

Das Evangelistarium gehört zur Gruppe der Ritualbücher. Es ist ein Codex, der jene Textabschnitte der vier Evangelien in der Reihenfolge enthält, wie sie der Priester an Sonn- und kirchlichen Festtagen sowie an Wochentagen im Rahmen der Liturgie vorlas oder zu seinen Predigten verwendete. Der Pannonhalmer Codex besteht aus zwei Teilen, von denen das Evangelistarium den ersten Teil bildet. Der zweite Teil ist der sogenannte Forgách-Codex, der den Segen und die Beschreibung des Pannonhalmer Profeßrituals enthält. Von der Funktion und der Ausmalung her gehören beide Teile zusammen, weshalb anzunehmen ist, dass sie von vornherein einen Band bildeten und für ein und denselben Auftraggeber gefertigt wurden. Während eine Eintragung im Forgách-Codex belegt, dass ihn Tormás Losonci Forgách, also der Pannonhalmer Mönch Frater Pál, zwischen 1515 und 1516 kopierte und eventuell auch ausmalte, enthält das Evangelistarium keine Angabe hinsichtlich Herstellungsort und -zeit. Auf Pannonhalmer Bestellung deuten der Inhalt (fol.15r "in Natali seti patris nostri Benedicti", fol 22r "In festivitate seti Martini Patronihuius loci") und das Wappen des Bestellers (Mate Tolnai) hin.

Buchkunst aus ganz Europa

Das Evangelistarium besteht aus 24 Blättern mit den Maßen 320 x 220 mm. Es ist in gotischer Buchschrift geschrieben und mit goldenen und roten Überschriften, Textanfängen, roten und blauen Initialen verziert. Auf den Blättern finden sich drei Arten von Randverzierung: 1. spätgotische Akanthusblatt-Blumen-Ranken, bereichert um kleine Goldtaler und ergänzt durch Renaissance-Putten, Vögel, Tiere, Blumenvasen und Blumensträuße sowie Schmuckstücke; 2. Bordüren auf weißgelassenem oder farbigem Grund mit aus der italienischen Renaissance-Buchkunst bekannten und auch in Buda/ Ofen heimisch gewordenen Verzierungen (Kandelaber, Vasen, Blattsträuße, Putten und Schmuckstücke), sowie Motiven mit gewisser Bedeutung und Symbolik; 3. Verzierungen mit aus der flämischen Buchkunst bekannten naturalistischen Blumen. Bei der Ausgestaltung der Kompositionen der 22 szenischen Initialen und eines großen Teils der Figuren nahm der Maler die Kunst der zeitgenössischen deutschen - Nürnberger, Augsburger, Ulmer – und der Donauschulen zu Hilfe. Bei den anspruchsvollen Initialen der Geburt Jesu, des Einzugs in Jerusalem, des letzten Abendmahles, der Auferstehung Christi, der Himmelfahrt Christi und der Ausschüttung des Heiligen Geistes hat die Fachliteratur den Einfluss der »Kleinen Passion« Albrecht Dürers von 1511 erkannt, während sich an den übrigen Initialen der der Kupferstichserien aus dem in Dürers Umgebung entstandenen Baseler Gebetbuch von 1496 nachweisen lässt.

Kodikologie

Alternativ-Titel
Pannonhalmi Evangelistarium
Umfang / Format
48 Seiten / 32,0 × 22,0 cm
Herkunft
Ungarn
Datum
Frühes 16. Jahrhundert
Sprache
Schrift
Gotische Schrift
Buchschmuck
20 Initialen mit biblischen Szenen, 6 Initialen in rechteckigen Rahmen und 3 Miniaturen in quadratischen Rahmen. Bordüren teilweise im Stil der italienischen Renaissance, teilweise im Stil der flämischen Stundenbücher

Verfügbare Faksimile-Editionen:
Pannohalmer Evangelistar – Helikon – Cod. lat. 113 – Universitätsbibliothek (Budapest, Ungarn)
Helikon – Budapest, 1996
Limitierung: 950 Exemplare
Detailbild

Pannohalmer Evangelistar

Historisierte Initiale: Mk 16

Christus wird dargestellt, wie er triumphierend aus seinem Grab emporkommt, während die Soldaten, die es bewachen sollen, schlafen. Diese prächtige goldene Initiale enthält zudem eine auffallend detaillierte Landschaft, darunter eine schroffe Felswand. Als ältestes der vier Evangelien ist die markinische Beschreibung der Auferstehung und der Entdeckung des leeren Grabes von besonderer Bedeutung. Der Abschnitt lautet: „Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben.“ (Mk 16, 1)

Pannohalmer Evangelistar – Helikon – Cod. lat. 113 – Universitätsbibliothek (Budapest, Ungarn)
Einzelseite

Pannohalmer Evangelistar

E-Initiale – Geburt Christi

Dieses Meisterwerk der späten Manuskriptkunst stellt eine Synthese europäischer Stile von der Flämischen Gotik bis zur Italienischen Renaissance dar und zeigt Einflüsse aus Albrecht Dürers (1471–1528) Kleiner Passion. Zusammen mit zwei der Gebete im Text weist das Wappen von Mate Tolnai auf dieser Eröffnungsseite darauf hin, dass die Ursprünge des Manuskripts in der ungarischen Abtei Pannonhalma liegen.

In der Bas-de-Page-Miniatur flankieren zwei Figuren das Bild einer Krone, die von zwei Händen emporgehalten wird: Die eine Figur auf dem Pferd stellt den hl. Martin dar, der im Begriff ist, mit dem Bettler seinen Mantel zu teilen; die andere Figur ist ein Mönch mit einem Codex in der einen und einem Hirtenstab in der anderen Hand – eine Anspielung auf die Herde der Gläubigen. Die historisierte E-Initiale enthält eine liebevoll abgebildete Weihnachtskrippe mit bezaubernder Verwendung von Blattgold.

Pannohalmer Evangelistar – Helikon – Cod. lat. 113 – Universitätsbibliothek (Budapest, Ungarn)
Faksimile-Editionen

#1 Pannonhalmi Evangelistarium

Helikon – Budapest, 1996

Details zur Faksimile-Edition:

Verlag: Helikon – Budapest, 1996
Limitierung: 950 Exemplare
Einband: Dunkelrotes Leder mit Goldornamentik
Kommentar: 1 Band von Tünde Wehli
Sprachen: Deutsch, Ungarisch
Detailnahe Reproduktion des gesamten Originaldokuments (Umfang, Format, Farbigkeit). Der Einband entspricht möglicherweise nicht dem ursprünglichen oder aktuellen Dokumenteneinband.
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