Mit wunderschönen Einblicken in die mittelalterliche Welt: Ein prächtiges Kinderbuch für die Tochter der französischen Königin Anne de Bretagne

Fibel der Claude de France

Romorantin, Loire-Tal (Frankreich) — 1505

Fibel der Claude de France

Fibel der Claude de France

Romorantin, Loire-Tal (Frankreich) — 1505

  1. Guido Mazzonis (ca. 1445–1518) Werk gehört zu den seltensten Buchgattungen des Mittelalters: die Kinderbücher

  2. Der Kodex für die Erziehung der Prinzessin Claude de France (1499–1524), Tochter von Königin Anne de Bretagne, zeigt unter anderem das Alphabet in verschiedenen Schriften

  3. Der Maler schuf aber vor allem realistische Einblicke in mittelalterliche Städte, Renaissance-Paläste und Naturlandschaften

Fibel der Claude de France

Fibel der Claude de France

Die Verkündigung an die Hirten

Zu der Zeit als Jesus in Bethlehem geboren wurde, hütete eine Gruppe von Schäfern ihre Herden vor den Toren der Stadt. Ihnen erschien ein Engel, der ihnen die frohe Botschaft der Geburt des Messias überbrachte. Die Miniatur zeigt eindrücklich, wie überrascht und geblendet vom göttlichen Licht die Hirten waren, während der Engel feierlich spricht: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ (Lk. 2, 10-11)

Fibel der Claude de France

Alternativ-Titel:
  • Primer of Claude de France
  • L’Abécédaire de Claude de France
Fibel der Claude de France – MS 159 – Fitzwilliam Museum (Cambridge, Großbritannien)
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  1. Kurzbeschreibung
  2. Kodikologie

Kurzbeschreibung

Die Fibel der Claude de France wurde 1505 vom italienischen Hofmaler Guido Mazzoni verfasst. Das Werk gehört zu einem der seltensten Buchgenres des Mittelalters, nämlich den Kinderbüchern. Es diente der späteren französischen Königin Claude wahrscheinlich zum Lesen lernen. Der Codex zeigt das Alphabet mit verschiedenen Ausführungen der Buchstaben und die wichtigsten christlichen Gebete jener Zeit. Zahlreiche aquarellähnliche Bilder in goldenen Rahmungen dekorieren die Handschrift.

Die Fibel der Claude de France

Fibeln, aus denen Kinder das Alphabet und das Lesen erlernen, gab es im Mittelalter nur höchst selten. Zumindest sind nur sehr wenige mittelalterliche Handschriften dieser Art überliefert. Das wohl schönste dieser raren Exemplare ist die Fibel der Claude de France von 1505. Der Codex, der das Alphabet in teils verschiedenen Buchstabenvariationen, sowie die wichtigsten christlichen Gebete enthält, ist mit einer Vielzahl an kostbaren Bildern ausgestattet. Zwei ganzseitige Bilder und 36 Miniaturen, eingerahmt von goldenen Architekturbordüren, sowie unzählige Zierelemente und ausgestaltete Initialen mit Pinselgold schmücken den Codex.

Im Auftrag der Königin von Frankreich

Im Jahr 1505 war Claude, die erste Tochter der französischen Königin Anne de Bretagne sechs Jahre alt. Anne gilt als hochgebildete Kunstliebhaberin und einige italienische Künstler der Renaissance waren zu jener Zeit am französischen Hofe tätig. Die Königin, die die italienische Kunst sehr schätzte, wollte ihrer Tochter ermöglichen, sich das Lesen und Schreiben selbst beizubringen. Sie beauftragte den Maler Guido Mazzoni aus Modena, ein Werk in kindgerechtem Format zu gestalten. Neben einer Ausführung des Alphabets sollte der Codex auch die täglichen Gebete enthalten, die im Mittelalter jedes Kind auswendig wissen musste. Guido Mazzoni galt aufgrund seiner Skulpturen, Gemälde und Buchmalereien als einer der begabtesten und vielseitigsten Hofmaler jener Zeit.

Ein Aushängeschild der französischen Buchkunst

Die spätere Königin Claude war selbst eine bekannte Bücherliebhaberin. Sie achtete gut auf ihren ersten Codex und es ist gut möglich, dass auch ihre eigenen Kinder damit das Lesen lernten. Genaues lässt sich über den Verbleib des Werkes allerdings nicht bestimmen. Erst im 18. Jahrhundert wird die Handschrift im Privatbestand einer wohlhabenden englischen Familie aufgelistet. 1808 erwarb der irische Wohltäter und Antiquar Richard, Fitzwilliam of Merrion das Buch und vermachte es nach seinem Tod, zusammen mit einer opulenten Handschriftensammlung der Universität von Cambridge.

Bezaubernder Bilderreichtum

Die Fibel eröffnet mit einer ganzseitigen Malerei der Königin Anne de Bretagne, die in Begleitung ihrer Namenspatronin Anna dargestellt ist. An das Porträt schließen sich 36 Miniaturen an, die in einer Bilderfolge die Geschehnisse der Schöpfungsgeschichte über den Sündenfall bis zum Tod Adams erzählen, und die Heilsgeschichte bis zur Geburt Jesu Christi damit verknüpfen. Die Bildergeschichten werden durch kleine Textfelder in klarer, großer Schrift kommentiert. Der Maler wählte für die Darstellungen von Landschaften fast transparente Farben, die die Bilder wie Aquarelle erscheinen lassen und die scharf konturierten und leuchten farbigen Figuren in den Vordergrund treten lassen. Umrahmt sind die Miniaturen von architektonischen Bordüren aus fein schimmerndem Pinselgold. Der Codex schließt mit einem Porträt der jungen Prinzessin Claude, die ebenfalls mit ihrem Namenspatron Claudius dargestellt ist.

Ein versierter Meister

Ein unverwechselbares Detail der Fibel sind die realistischen Bordüren und dekorierten Initialen, die die Miniaturen und den Text des Buches schmücken. Guido Mazzoni hat als Bildhauer viel Erfahrung in der Darstellung von Architektur gesammelt. Die Bordüren zeigen goldene, kunstvoll konturierte und geschmückte Säulen, Basen und Kapitelle, die den Miniaturen einen dekorativen Rahmen verleihen. Dem Maler gelang es, realitätsnahe Einsichten in mittelalterliche Städte, Renaissancepaläste und natürliche Landschaften wiederzugeben. Den eindrucksvollen Bildern setzt er einen Text entgegen, der durch goldene Initialen geschmückt ist, welche teilweise von blumigen Ornamenten, Vögeln und Engelsgestalten umrandet sind. Die Fibel der Claude de France ist noch heute ein Genuss für das Auge ihres Betrachters.

Kodikologie

Alternativ-Titel
Primer of Claude de France
L’Abécédaire de Claude de France
Umfang / Format
20 Seiten / 26,0 x 17,5 cm
Datum
1505
Buchschmuck
36 Miniaturen, 12 Vignetten, 2 ganzseitigen Beleuchtung und 21 Initialen auf Goldgrund mit goldenen architektonischen Rahmen
Auftraggeber
Anne de Bretagne Königin von Frankreich
Künstler / Schule
Vorbesitzer
Fibel der Claude de France

Fibel der Claude de France

Anne von Bretagne betet zum hl. Claudius

Hier sehen wir ein typisches Auftraggeberporträt von Königin Anne (1477–1514), die den Codex für ihre Tochter Claude (1499–1524) in Auftrag gab. Die Miniatur wird in einem goldenen architektonischen Rahmen präsentiert, wobei das Wappen auf der Unterseite mit einem Motto versehen ist und noch einmal in den Händen eines Engels wiederkehrt, der links auf einer Säule steht. Das Wappen wird ein letztes Mal wiederholt, nämlich im Muster des Teppichs, auf dem Anne als frommes Beispiel für ihre Tochter kniet.

Die gelb gekleidete Königin finden wir neben einer jugendlichen Jungfrau Maria vor einer Gebetsbank wieder, die mit einem blauen Tuch bedeckt wird, auf dem persönliche Symbole zu entdecken sind: A-Initialen und Lilien. Die heilige Mutter Anna empfiehlt die beiden Frauen dem heiligen Claudius von Besançon, dem Namenspatron der Prinzessin Claude. Das Gesicht der Königin ist besonders detailliert herausgearbeitet, ebenso wie der Umhang des hl. Claudius, der durch eine dünne Goldschicht hervorgehoben wird.

1 verfügbare Faksimile-Ausgabe(n) von „Fibel der Claude de France“

Fibel der Claude de France
Fibel der Claude de France – MS 159 – Fitzwilliam Museum (Cambridge, Großbritannien)
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Faksimile: 1 Band Vollfaksimile des gesamten Originaldokuments (siehe unten)
Verlag
Quaternio Verlag Luzern – Luzern, 2012
Limitierung
980 Exemplare
Einband
Rotbraunes Leder
Kommentar
1 Band (175 Seiten) von Roger S. Wieck, Eberhard König und Cynthia J. Brown
Sprachen: Englisch, Deutsch
Mehr Informationen
Möglichst detailgetreue Reproduktion des gesamten Originaldokuments (Umfang, Format, Farbigkeit). Der Einband entspricht möglicherweise nicht dem ursprünglichen oder aktuellen Dokumenteneinband.
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