Waldburg-Gebetbuch

Waldburg-Gebetbuch – Deuschle & Stemmle – Cod. brev. 12 – Württembergische Landesbibliothek (Stuttgart, Deutschland)

Schwaben (Deutschland) — 1476

Eines der wenigen heute noch erhaltenen illuminierten deutschen Gebetbücher: Ein Prachtwerk geschmückt mit 46 Miniaturen von außergewöhnlicher Qualität für den kaiserlichen Truchsess

  1. Georg II. von Waldburg (1430–82) war ein schwäbischer Adliger und kaiserlicher Truchsess

  2. Dieses prächtige Gebetbuch ließ er für sich und seine Frau Gräfin Anna von Kirchberg (ca. 1436–84) anfertigen

  3. Die umfangreiche Buchmalerei der Handschrift enthält u. a. Abbildungen der Arma Christi

Waldburg-Gebetbuch

€€ (1.000€ - 3.000€)
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  1. Beschreibung
  2. Detailbild
  3. Einzelseite
  4. Faksimile-Editionen (1)
Beschreibung
Waldburg-Gebetbuch

Das Waldburg-Gebetbuch wurde 1476 für den schwäbischen Adeligen Georg II. von Waldburg (1430–82) und seine Frau, Gräfin Anna von Kirchberg (ca. 1436–84), erschaffen. Wie viele andere Mitglieder des Hauses Waldburg war auch Georg II. ein Truchsess, also ein Seneschall, der während der Abwesenheit des Kaisers über Schwaben regierte. Zwei Merkmale dieser deutschen Handschrift machen sie zu einem seltenen Schatz der Buchmalerei: Zum einen ist sie eines der wenigen reich ausgestatteten Gebetbücher in deutscher Sprache, die heute noch erhalten sind. Zum anderen weist sie ein äußerst umfangreiches Bildprogramm auf, das aus 46 außergewöhnlichen Miniaturen besteht; die Arma Christi ist ein durchgängiges Bildthema, und auch der Auftraggeber wird mehrmals in verschiedenen Gewändern, aber immer betend, abgebildet.

Waldburg-Gebetbuch

Über die Entstehung dieser Handschrift ist wenig bekannt und ihre Besitzgeschichte lässt sich nur bis in die Zeit um 1800 zurückverfolgen. Sicher ist nur der Auftraggeber der Handschrift, Georg II. von Waldburg (1430-82), und das Jahr der Fertigstellung, 1476, das auf der ersten Seite mit seinem Wappen datiert ist. Der Text selbst bietet kaum Anhaltspunkte für die Herkunft der Handschrift, wohl aber ein verstecktes Kalendarium in der Handschrift sowie weitere Indizien.
Es ist nicht bekannt, wie die Handschrift nach Stuttgart oder Ludwigsburg kam, wo Herzog Karl Eugen von Württemberg 1765 die Herzogliche Bibliothek gründete. So bleibt der gesamte Zeitraum von 1476 bis zum späten 18. Jahrhundert ein Rätsel. Der ursprüngliche Einband der Handschrift wurde irgendwann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch den heutigen Einband ersetzt, dessen schlichtes Äußeres den Wert und die Bedeutung des Inhalts verrät: ein meisterhaft illuminiertes, einzigartig gestaltetes deutsches Gebetbuch aus der Anfangszeit der nördlichen Renaissance.

Ein prächtiger Codex für einen edlen Ritter

Neben Darstellungen religiöser Figuren und Symbole, darunter etwa die Arma Christi, ist Georg II. von Waldburg mehrfach abgebildet, meist kniend vor einer Heiligenfigur. Einmal erscheint er aber auch als sein Namenspatron: Der heilige Georg, der einen Drachen erschlägt. Insgesamt 46 meist ganzseitige Miniaturen, sieben historisierte Initialen und Dutzende von drei- und vierzeiligen Initialen in leuchtenden Farben und Gold ergänzen den Text. Der Schreiber verwendete eine gotische Textualis-Schrift, die meist in liturgischen Manuskripten verwendet wird. Sie wird daher manchmal auch als "Messbuchschrift" bezeichnet, weil sie das Bild der Messbücher aus dieser Zeit überwiegend geprägt hat. Der Rubrizist und Buchmaler füllte dann die verbleibenden Räume mit Überschriften, Zierinitialen, Blumenranken und Miniaturen aus, soweit dies möglich war.

Der verborgene Kalender

Im Gegensatz zu den meisten Gebetbüchern hat diese Handschrift kein Kalendarium am Anfang des Codex, aber die Allerheiligenlitanei, die auf fol. 64r beginnt, hat eine interne Struktur, die aus chronologischen Blöcken besteht, die nach dem Kirchenjahr geordnet sind, was für eine Litanei absolut einzigartig ist. Der Kompilator war sich weder über die angemessene Anzahl der Heiligen noch über ihre richtige Platzierung in der Litanei im Klaren, sondern scheint die Heiligen ohne ernsthafte theologische Überlegungen nach einem Kalender ausgewählt zu haben. Dies kann sicher nicht das Ergebnis eines klösterlichen Skriptoriums gewesen sein, dessen erfahrene Kompilatoren niemals solche Fehler machen würden. Vielleicht wurde die Auswahl der Heiligen vom Auftraggeber selbst getroffen, da ein solcher Dilettantismus der Qualität der Kalligraphie und der Buchmalerei nicht entspricht. Ähnliche chronologische Heiligenlisten weisen jedoch auf eine Tradition aus dem alten Bistum des nahen Konstanz hin.

Hinweise auf lokale Heilige

Es gibt noch einen weiteren Beleg für die geografische Herkunft der Handschrift: Unter den nicht weniger als 178 Heiligen, die in der Handschrift aufgelistet sind, die in Apostel, Märtyrer, Bekenner und Frauen unterteilt sind, befindet sich der heilige Magnus von Füssen, der sogenannte Apostel des Allgäus. Er wurde in der Gegend um Waldsee, wo Georg II. residierte, stark verehrt, was auf das Allgäu in Oberschwaben hinweist. Davon zeugt auch die Tatsache, dass Magnus der Patron des nahe gelegenen Prämonstratenserklosters Schussenried war. Weitere lokale Heilige sind Bischof Gebhard von Konstanz, Bischof Narziss von Augsburg, der heilige Einsiedler Meinrad und der selten erwähnte Ulrich von Zell. Das Werk muss also in einem Gebiet entstanden sein, in dem sich die alten Diözesen Konstanz und Augsburg überschneiden. Als möglicher Herstellungsort käme demnach ein Atelier oder ein Hofkünstler in der Stadt Kempten, der ältesten städtischen Siedlung Deutschlands, in Frage.

Kodikologie

Alternativ-Titel
Gebetbuch Georgs II. von Waldburg
Prayerbook of Georg II of Waldburg
Umfang / Format
122 Seiten / 17,5 × 13,2 cm
Herkunft
Deutschland
Datum
1476
Stil
Sprache
Schrift
Gotische Textualis
Buchschmuck
46 reich verzierte und teils vergoldete und versilberte Miniaturen, sieben historisierte Initialen, unzählige Schmuckinitialen
Auftraggeber
Georg II. von Waldburg und seine Frau Anna

Verfügbare Faksimile-Editionen:
Waldburg-Gebetbuch – Deuschle & Stemmle – Cod. brev. 12 – Württembergische Landesbibliothek (Stuttgart, Deutschland)
Deuschle & Stemmle – Darmstadt, 1986
Limitierung: 600 Exemplare
Detailbild

Waldburg-Gebetbuch

Das Wappen Christi

Flankiert von Jesus mit den Wundmalen der Kreuzigung und der Jungfrau Maria präsentiert das Wappen die Arma Christi, die Leideswerkzeuge der Passion, als heraldische Elemente. Die "Waffen", mit denen Christus den Tod überwand, umfassen hier das Wahre Kreuz, die Dornenkrone, die Säule, den Hahn, die Peitsche, das Rohr, die Heilige Lanze, den Heiligen Schwamm, die Würfel, den Schleier der Veronika, das Schwert des Petrus, den Hammer und die Nägel, das Grabtuch und das Grab, das Gefäß mit Myrrhe, die Köpfe verschiedener Passionsfiguren und die Hand des Pontius Pilatus.

Waldburg-Gebetbuch
Einzelseite

Gebetbuch von Georg II. von Waldburg

Der Auftraggeber bei der Fürbitte

Georg II. von Waldburg erscheint mehrmals in der Handschrift und ist an seinem Wappen zu erkennen - drei schwarze Löwen auf einem goldenen Feld. Er ist fast immer kniend im Gebet und mit kahlgeschorenem braunem Haar dargestellt, manchmal ist er modisch als Höfling in Schwarz mit roten Schuhen gekleidet, manchmal in einer goldenen Rüstung mit einem roten Schwert an der Hüfte. Die dargestellte Miniatur unterstreicht die Rolle der Jungfrau Maria in der katholischen Theologie als Fürsprecherin für diejenigen, die zu ihr beten.

Obwohl er sich auf freiem Feld befindet, hat Georg in weiser Voraussicht seine eigene Kniebank mitgebracht, als ob er in der Kirche vor einem Altar beten würde. Die Jungfrau Maria blickt auf ihren Sohn, der seinerseits auf einer Wolke vor Gottvater kniet, der als gekrönter König mit Zepter und globus cruciger erscheint. Eine weiße Taube, die den Heiligen Geist repräsentiert, sitzt neben dem Ohr Gottes, als würde sie ihm Ratschläge erteilen, und vor dem blauen Hintergrund des Himmels, der durch einen Regenbogen von der Erde getrennt ist, sind grisaillefarbene Engel zu sehen.

Waldburg-Gebetbuch
Faksimile-Editionen

#1 Waldburg-Gebetbuch

Deuschle & Stemmle – Darmstadt, 1986

Details zur Faksimile-Edition:

Verlag: Deuschle & Stemmle – Darmstadt, 1986
Limitierung: 600 Exemplare
Einband: Geprägter Ledereinband
Kommentar: 1 Band von Hansmartin Decker-Hauff, Wolfgang Irtenkauf und Gerhard Konzelmann
Sprache: Deutsch
Faksimile: 1 Band Möglichst detailgetreue Reproduktion des gesamten Originaldokuments (Umfang, Format, Farbigkeit). Der Einband entspricht möglicherweise nicht dem ursprünglichen oder aktuellen Dokumenteneinband.
€€ (1.000€ - 3.000€)
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